Interview
„Tauben können menschliche Wörter erkennen“
TR: Professor Güntürkün, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Tauben beizubringen, was echte englische Wörter sind?
Güntürkün: Kollegen haben 2013 eine Arbeit publiziert, in der sie einen sehr ähnlichen Versuch mit Pavianen beschrieben haben. Das Resultat dieses Versuchs war nicht nur, dass Paviane Wörter von Nicht-Wörtern unterscheiden können. Die Kollegen haben auch herausgefunden, dass die Paviane kognitive Strategien verwenden, die denen von uns Menschen sehr ähneln. Daraus haben sie geschlossen, dass das Primatengehirn offenbar eine Disposition dafür aufweist, Informationen so zu verarbeiten, und dass daraus beim Menschen die Fähigkeit des Lesens und Schreibens entstanden ist.
Das hat mich sehr geärgert. Ich glaube, dass diese Annahmen unsinnig sind. Sie widersprechen der evolutionären Logik, indem sie davon ausgehen, dass für das Gehirn eine Art Vorab-Arrangement getroffen wurde. Für eine Fähigkeit, die erst sehr viel später genutzt wird.
Warum dann ein Experiment mit Tauben?
Ich gehe davon aus, dass dies keine Eigenschaft des Primatengehirns ist, sondern von jedem halbwegs komplexen Gehirn, das in dieser Welt existieren muss. Denn diese Welt stellt an uns alle, seien es Vögel, Fische, Igel oder Menschen, ein sehr ähnliches Problem: eine sehr große Zahl von strukturierten Regelmäßigkeiten zu erkennen. Diese Regelmäßigkeiten helfen dem Gehirn, mit der Informationsflut der Welt fertig zu werden, sie zu strukturieren und Vorhersagen zu treffen. Wenn ich irgendwo ein Waschbecken sehe, vermute ich, dass ein Spiegel in der Nähe ist. Nichts anderes ist Schrift auf einer abstrakteren Ebene: ein Code, der hochgradige Probabilitäten in seiner internen Struktur aufweist. Wenn das so ist, müssten Tauben Wörter erkennen können.
Und Tauben können das tatsächlich?
Ja, das ist aber nur das oberflächliche Resultat. Das eigentlich Fantastische ist, wie Tauben das machen. Was wir zeigen konnten, ist, dass Tauben dafür zwei kognitive Strategien verwenden, die auch Primaten und Menschen benutzen. Sie lernen etwa durch Beispiele die Häufigkeit von Bigrammen – also der Kombination von zwei aufeinanderfolgenden Buchstaben. Bei falschen Wörtern ist die durchschnittliche Bigrammm-Häufigkeit viel geringer als bei echten. Das heißt, allein dadurch, dass sie ein Gefühl für die Häufigkeit bestimmter Buchstabenkombinationen entwickeln, können sie abschätzen, ob dieses Wort in einer Sprache existiert oder nicht.
Eine erstaunliche Leistung.
Tatsächlich. Wir haben hier ein Gehirn, das 2,5 Gramm wiegt – und keinen Cortex besitzt. Das bedeutet, dass die Leistungsfähigkeit von Gehirnen gar nicht so sehr von der Größe abhängt und auch nicht vom Vorhandensein eines Cortex. Das bedeutet auch, dass Gehirne, die sich in dieser Welt entwickelt haben, bestimmte Verarbeitungskapazitäten entwickelt haben müssen, um sich evolutionär durchzusetzen.
Ich möchte hier nicht das Hohelied der Tauben singen. Ich möchte aber an dieser Stelle auf zwei tiefe Missverständnisse der kognitiven Neurowissenschaften aufmerksam machen. Das erste ist: Ohne Cortex läuft nichts. Die zweite Annahme ist, dass kleine Gehirne so etwas nicht können. Beide Annahmen sind falsch. Interview: W. Stieler