Große Sprünge
Der deutsche Sportler Markus Rehm springt mit Prothese so weit wie die internationale Elite der nicht behinderten Athleten. Sollte er an den regulären Olympischen Spielen teilnehmen dürfen?
Am 23. Oktober 2015 machte Markus Rehm einen gewaltigen Satz von 8,40 Metern. Hätte er ihn drei Monate zuvor bei der Leichtathletik-WM in Peking gezeigt, wäre ihm die Silbermedaille sicher gewesen. Nur Olympiasieger Greg Rutherford sprang mit 8,41 Metern weiter.
Trotzdem hat Rehm wenig Aussicht, auf regulären Weitsprung-Wettbewerben mitzumischen. Bei einem Unfall verlor er im Alter von 14 Jahren seinen rechten Unterschenkel. Er läuft und springt nun mit einer Carbon-Prothese (siehe TR 3/2013, S. 86). Damit setzt er neue Maßstäbe im Behindertensport und wurde Deutscher Meister unter den Nichtbehinderten. Doch er möchte noch mehr: sich mit allen internationalen Spitzenathleten messen dürfen.
Dieses Ansinnen ist in den Sportverbänden heftig umstritten. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat kürzlich in seine Statuten geschrieben, dass jeder Athlet selber nachweisen muss, dass ihm die Prothesen keinen Vorteil bringen. Wolfgang Potthast, Professor für Biomechanik und Orthopädie an der Deutschen Sporthochschule Köln, ist dieser Frage nachgegangen. Dazu hat er sieben Weltklasse-Weitspringer mit und ohne Prothesen untersucht, inklusive Markus Rehm selbst. Hochgeschwindigkeitskameras filmten ihre Bewegungen, Sensoren im Boden maßen die Kräfte.
Trotz dieses Aufwandes kommt die Studie zu keinem klaren Ergebnis. „Zu diesem Zeitpunkt kann nicht eindeutig ausgesagt werden, dass die Prothese von Markus Rehm ihm beim Weitsprung einen oder keinen Gesamtvorteil bietet“, lautet das Fazit. Beim Anlaufen sei er zwar langsamer, aber beim Abspringen könne er dafür mehr Kraft aufbringen. Ob sich Vor- und Nachteile gegenseitig aufheben, lasse sich nicht sagen. Zudem zeigt die Studie, „dass Weitspringer mit Unterschenkelprothese, die von der Prothese abspringen, eine substanziell andere Bewegungstechnik nutzen als Springer ohne Prothese.“ Ein Faktor, der in einer Technik einen Vorteil bedeuten würde, könnte in der anderen Technik einen Nachteil darstellen“, schließt Potthasts Gutachten.
Beim 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius lag der Fall ähnlich: Auch seine Unterschenkelprothesen brachten laut Gutachten Vor- und Nachteile, die sich schlecht gegeneinander aufrechnen lassen. Mit diesem Argument erstritt er sich gerichtlich die Zulassung zu den Olympischen Spielen 2008. Zunächst scheiterte er noch an der Qualifikation, 2011 kam er aber bei der WM bis ins Halbfinale, ein Jahr später war er bei den Olympischen Spielen mit der 400-Meter-Staffel dabei.
Die Frage, ob Sportler mit und ohne Prothesen nun gleichberechtigt gegeneinander antreten sollten, ist seitdem eher noch verwirrender geworden. Eine zentrale Frage dabei ist immer noch ungeklärt: Was genau bedeutet eigentlich „Vergleichbarkeit“? Vor dieser grundsätzlichen Diskussion drücken sich die Sportverbände seit Jahren. Stattdessen fordern sie immer wieder nur von Prothesenträgern, selbst zu beweisen, dass sie keine Vorteile haben.
Es ist aber ein Unding, die Beweislast einfach dem Sportler aufzubürden. Im Fall Rehm finanzierte das japanische Fernsehen die Studie, um eine Dokumentation darüber zu drehen. Unter normalen Umständen wird sich aber kaum ein Athlet solch aufwendige Gutachten leisten können.
Werden sich eines Tages trotzdem Regularien erstellen lassen, die ähnlich wie in der Formel 1 eine faire Ausgangsbasis schaffen? Im internationalen paralympischen Verband gibt es solche Regeln schon – etwa Vorgaben für die Länge der Prothese, je nach Körpergröße des Athleten. Ob sich das aber auf die komplett unterschiedlichen Bewegungsabläufe zwischen Sportlern mit und ohne Prothesen übertragen lässt, ist zweifelhaft. Sport ist nun einmal der Wettbewerb zwischen Menschen mit ähnlichen Voraussetzungen. Und wenn ein Unterschenkel in einem Fall aus Knochen, Sehnen und Muskeln besteht und im anderen Fall aus Carbonfasern und Kunstharz, kann davon keine Rede sein.
Eine Lösung, die erstaunlichen Leistungen gehandicapter Sportler besser zu würdigen, wäre ein gemeinsamer Wettkampf mit getrennter Wertung – so wie es auch Markus Rehm vorschwebt und wie es teilweise schon praktiziert wird. Ob Rehm diese Chance schon bei den aktuellen Olympischen Spielen bekommt, die im August in Rio de Janeiro beginnen, ist noch offen. Der IAAF hat zu Redaktionsschluss noch nicht darüber entschieden. Falls er sich sperrt, würde dem Publikum wohl ein spannender Wettkampf entgehen.