Gottes Werk und Darwins Beitrag
Als die katholische Kirche vor 20 Jahren die Evolution anerkannte, schien Darwin endgültig rehabilitiert. Doch Bibelfromme rüsten zu einem Kulturkampf, der in den USA eskaliert.
Bedächtig schleppte sich der in weißer Soutane gekleidete Mann durch die Vatikanischen Gärten. Trotz seines künstlichen Hüftgelenks ging Johannes Paul II. zu Fuß in die nahe gelegene Casina Pio IV. In dieser Patriziervilla erwarteten ihn die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Tagelang hatten die Gelehrten über die Evolutionslehre diskutiert. Deren Aussagen kollidieren zwar mit den religiösen Dogmen aller Religionen – weltweit. Doch nur in der christlichen Welt kam es zu heftigen Auseinandersetzungen darüber. Noch 1950 hatte Papst Pius XII. die darwinistische Lehre in seinem Apostolischen Rundschreiben „Humani Generis“ als Gefahr für den katholischen Glauben eingeschätzt und die Evolutionstheorie nur als Hypothese akzeptiert.
Daher schlug wie eine Bombe ein, was der Papst an diesem 22. Oktober 1996 verkündete. In seiner Botschaft mit dem Titel „Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien“ erklärte er: „Neue Erkenntnisse führen zu der Feststellung, dass die Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese ist.“
Viele Kommentatoren werteten das als „historische Wende“ und glaubten, die Kirche habe nun ihren Frieden mit Darwin gemacht. Doch das Kriegsbeil ist nicht begraben – ganz im Gegenteil. Heftiger denn je tobt ein Kulturkampf um die Glaubensfrage: Bibel oder Darwin?
In seiner offiziellen Erklärung im „L’Osservatore Romano“ hatte Papst Wojtyla betont, die Anerkennung der Evolutionstheorie stehe nicht im Widerspruch zum Glauben, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde. Denn der Schöpfungsakt sei nicht im materiellen Sinne zu verstehen – dies wäre mit der Evolutionstheorie tatsächlich nicht vereinbar. Sondern in einem geistigen Sinn: Von Gott erschaffen sei die menschliche Seele. So konnte der Heilige Stuhl an zwei zentralen Lehren festhalten: die der einmaligen Entstehung des Menschengeschlechts sowie der separaten Erschaffung der Seele. „Eine kluge Position“, sagt der Philosoph Gereon Wolters. „Der erste Punkt deckt sich zum Glück für die Kirche mit den Ergebnissen der Forschung, der andere ist kein Gegenstand der Wissenschaft.“
Doch dieser Mittelweg wird nicht von allen Gläubigen akzeptiert. Schon Papst Benedikt XVI. distanzierte sich von der Evolutionstheorie, „die viele Fragen offen“ lasse. „Das christliche Bild der Welt ist, dass die Welt in einem sehr komplizierten Evolutionsprozess entstanden ist, dass sie aber im tiefsten eben doch aus dem Logos entstanden ist“, so der pensionierte Pontifex. „Aus dem Logos“ bedeutet so viel wie „aus dem Wort Gottes“ oder „aus dem schöpferischen Sinn“.
Unmissverständlicher sprach sich der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn gegen die Evolutionstheorie aus. Zwar seien seine Thesen nicht vom Vatikan genehmigt worden, schränkte Schönborn ein. Doch habe ihn Papst Benedikt in seiner Haltung bestärkt, die er 2005 in der „New York Times“ unter dem Titel: „Finding Design in Nature“ erläuterte: „Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegzuerklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“ Deshalb solle an allen Schulen gelehrt werden, dass Evolution nur eine von vielen Theorien sei. Später relativierte er allerdings seine Aussagen und ging auf Distanz zu den Kreationisten.
Diese kämpfen in den USA schon lange dafür, das Darwinsche Evolutionsmodell aus den Schulbüchern zu verbannen und durch die Schöpfungsgeschichte getreu der Bibel zu ersetzen. 1987 entschied der Oberste Gerichtshof in einem Musterprozess zwar, Kreationismus verbreite eine religiöse Ansicht und sei deshalb ein für alle Mal aus der Bio-Stunde zu verdammen. Dennoch haben die religiösen Aktivisten ihre Anwälte in Marsch gesetzt. In über 30 der 50 Bundesstaaten wird derzeit gerichtlich um die richtige Lehre an den Schulen gerungen.
Den pseudowissenschaftlichen Überbau liefert das konservative Discovery Institute in Seattle. Die Denkfabrik der Bewegung fördert Dutzende von Akademikern und Buchautoren, um einen Plan zur „Umgestaltung des religiösen, kulturellen und sozialen Lebens“ umzusetzen. Dies geht aus „The Wedge“ (deutsch: „Der Keil“) hervor, einem Dokument, das 1999 aus dem Discovery Institute herausgesickert war. Ziel sei es, den „Materialismus und sein schädliches Erbe zu Fall zu bringen“ und „anstelle dessen wieder die Lehre einzuführen, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde“. Zu den Geistesverwandten dieser rasant wachsenden Bewegung gehören einflussreiche Personen wie Ex-Präsident George W. Bush. Auch Präsidentschaftskandidat Donald Trump umwirbt diese religiöse Klientel.
„Unerreicht seltsam“ findet es der Soziobiologe Edward Wilson, dass die Amerikaner so schwer von der Evolution zu überzeugen sind. Denn die Beweise dafür sind überwältigend. Alltäglich bestätigt sich die Abstammungslehre durch Fossilienfunde und Erbgutanalysen aufs Neue. Und die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaftler dürften den Konflikt erneut verschärfen. Denn nun zeichnet die Forschung Homo sapiens als ein Geschöpf mitten in einem erstaunlich raschen Evolutionsprozess. Nie in ihrer Geschichte, schreibt US-Anthropologe John Hawks im Fachblatt „PNAS“, sei die Spezies einem derart rapiden biologischen Umbau unterzogen worden wie in ihrer jüngeren Vergangenheit. Hawks’ Analysen der globalen Variation im Genpool der Menschheit ergaben: Die Evolution des Menschen verläuft seit 50000 Jahren mit geradezu exponentieller Beschleunigung. So fanden die Forscher gleich an 1800 Stellen des menschlichen Erbguts Spuren evolutionärer Prozesse. Was sie nicht fanden: Hinweise auf einen großen Plan. JOSEPH SCHEPPACH