MIT Technology Review 1/2020
S. 90
Karriere
Ausbildung

Was macht ein Klarierungsagent?

Er ist für die komplette Abfertigung eines Schiffs im Hafen zuständig. Seine Aufgaben reichen vom Bestellen von Schleppern über die Zollabfertigung bis hin zur Versorgung mit Treibstoff und Proviant.

Ole Klinger schlüpft in seine gelbe Sicherheitsjacke und geht über die Gangway an Bord der „Antonia“. Der Tanker hat mit einer Ladung Rohöl aus der Nordsee im Hamburger Hafen festgemacht. Klinger arbeitet bei der Schiffsagentur Sartori & Berger und wird das Schiff klarieren, was in der Seemannssprache „klarmachen“ bedeutet. Im Auftrag von Reedern und Charterern kümmert sich Klinger um den gesamten Durchlauf des Schiffs im Hafen.

Die Arbeit des 47-Jährigen hatte schon begonnen, als sich das Schiff noch auf hoher See befand. Der Kapitän hat Klinger ein „ETA“ geschickt: die Abkürzung für expected time of arrival („voraussichtliche Ankunftszeit“).

Für diesen Zeitpunkt ­organisiert Klinger den Liegeplatz am Kai und den Festmacher, der auch wissen muss, welche Poller er benutzen darf. Klinger fordert Lotsen sowie Schlepper für die Seeschiffe an und wickelt als Vertreter des ­Kapitäns alle Formalitäten mit der Polizei und dem Zoll ab, darunter die Kon­trollen von Einfuhr- und Schiffspapieren.

Auch Proviant und Ersatzteile organisiert Klinger für die „Antonia“. Und er betreut die 25 Mann starke Besatzung, regelt Termine bei Ärzten, besorgt Visa, erledigt persönliche Bestellungen und arrangiert Ausflüge für die Seeleute.

Das Wichtigste: Klinger ist für einen reibungslosen Umschlagbetrieb zuständig, also für die Abstimmung zwischen dem Ablader, der die Ladung löscht, und dessen Empfänger.

Voraussetzung für den abwechslungsreichen Beruf ist eine dreijährige duale Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann. Während dieser universellen Handelslehre kann man sich zum Klarierungsagenten spezialisieren. Dazu sucht sich der Auszubildende eine Reederei oder Schiffsagentur, die über eine entsprechende ­Abteilung verfügt. Dort setzt der Azubi sein Berufsschulwissen in die Praxis um: die Import- und Exportregeln, die organisatorische Abwicklung der Schiffe im Hafen, die Logistikkenntnisse und das Verfassen englischer Geschäfts­korrespondenz.

Klinger konnte die Schiffskaufmann-Prüfung an der Höheren Handelsschule in Kiel schon nach zweieinhalb Jahren absolvieren und sich mit seinem umfassenden Spezialwissen in den Beruf des Klarierungsagenten stürzen. Von 1992 bis 1995 war er als selbstständiger Klarierungsagent in Rotterdam, Singapur und Hongkong. „Der Job ist international. Das gefällt mir“, sagt Klinger. Joseph Scheppach

Klarierungsagent Ole Klinger in seinem Revier, dem Hamburger Hafen.
Foto: Privat