Polens geheimer Sieg
Vor 80 Jahren gelang es erstmals während des Zweiten Weltkriegs, einen deutschen Funkspruch zu entschlüsseln.
Eigentlich galt die Verschlüsselungsmaschine der deutschen Wehrmacht als unüberwindbar. Schon die erste Generation der Enigma konnte rund eine Billiarde (1015) verschiedene Schlüssel erzeugen. Selbst wenn jemand jede Sekunde eine Kombination ausprobieren könnte, wäre er mehr als 300 Millionen Jahre beschäftigt.
Wie soll man eine solche Verschlüsselung knacken? Frankreich und Großbritannien versuchten es erst gar nicht. Dokumente zum Nachbau der Chiffriermaschine, die ihnen der deutsche Spion Hans-Thilo Schmidt zugespielt hatte, überließen sie deshalb Anfang der 1930er-Jahre ihren polnischen Verbündeten. Diese setzten drei Mathematiker auf die Enigma an. Bisher waren vor allem Sprachwissenschaftler mit dem Knacken von Codes betraut, doch die Enigma verlangte nach einem anderen Ansatz. Sie verband zwei Arten der Verschlüsselung: Zunächst überführten fest verdrahtete Walzen jeden eingegebenen Buchstaben in einen anderen. Da sich die Walzen bei jeder Eingabe weiterdrehten, wurde ein und derselbe Buchstabe jedes Mal anders verschlüsselt. So tauchten im verschlüsselten Text keine wiederkehrenden Muster von bestimmten Silben mehr auf (Kryptografen hassen Muster). Außerdem konnten Angreifer die Buchstaben nicht mehr anhand ihrer Häufigkeit ermitteln.
Die erste Generation der Enigma hatte drei Walzen mit je 26 Buchstaben, die sich frei miteinander austauschen ließen. Das ermöglichte gut 105000 Kombination. Die Zahl von einer Billiarde ergab sich erst durch ein zusätzliches Steckerbrett, mit dem sechs Buchstaben paarweise miteinander vertauscht werden konnten.
Um eine Botschaft zu entschlüsseln, musste der Empfänger wissen, welche Walze an welchem Platz saß, was ihre Anfangsstellung war und wie das Steckerbrett gesteckt war. Dieser Code wurde vom deutschen Militär täglich gewechselt und monatlich mit Codebüchern an die Empfänger verteilt. Gelangte eines dieser Bücher in die Hände des Gegners, konnte der zwar für den Rest des Monats alle Funksprüche dechiffrieren, aber danach war er wieder so schlau wie zuvor.
Doch der polnische Mathematiker Marian Rejewski (1905– 1980) entdeckte eine winzige Lücke, mit der er 1932 schließlich die gesamte Verschlüsselung aushebeln konnte. Sein zentraler Einfall war, die Entschlüsselung der Walzen von der des Steckerbretts zu trennen. Bei den Walzen half ihm ein Fehler der Deutschen: Um die Angriffsfläche auf den wertvollen Tagescode zu reduzieren, sendeten sie ihre Botschaften nicht komplett im Code des jeweiligen Tages, sondern übermittelten am Anfang jedes Funkspruchs einen Einmal-Code, der nur für diesen Funkspruch galt.
Der Einmal-Code bestand aus den drei Anfangsbuchstaben für die Walzenstellung (zum Beispiel ABC) und wurde zur (vermeintlichen) Sicherheit zweimal hintereinander gesendet: ABCABC. Verschlüsselt wurde daraus etwa DEFXYZ. Damit hatte Rejewski einen Fuß in der Tür, denn er wusste nun, dass D und X, E und Y sowie F und Z jeweils die gleichen Buchstaben codierten. Hatte er genug Funksprüche aufgeschnappt, konnte er auf diese Weise ein Beziehungsgeflecht zwischen allen Buchstaben des Alphabets erstellen. Wie sich herausstellte, ergab sich daraus ein für jede Walzenstellung charakteristisches Muster (Kryptoanalytiker lieben Muster). Ein Jahr lang probierte das polnische Team alle Walzenstellungen mit einer nachgebauten Enigma durch und erstellte eine Tabelle dieser Beziehungen. Später baute es dazu elektromechanische Maschinen, von denen je sechs mit unterschiedlichen Walzenpaarungen parallel arbeiteten. Wegen ihrer tickenden Geräusche nannte man die Geräte „Bomben“.
Die anschließende Entschlüsselung der Steckverbindung war vergleichsweise einfach: Die Buchstabenpaare ließen sich erraten oder per Häufigkeitsanalyse ermitteln. So konnten die polnischen Code-Brecher in weniger als zwei Stunden den Tagescode knacken und anschließend alle Funksprüche der Deutschen mitlesen. Dies hätten sie allerdings auch einfacher haben können: Ihr Chef hatte die Codes längst vom französischen Geheimdienst bekommen. Doch er verriet seinem Team nichts davon, damit es für den Fall, dass diese Quelle versiegt, weiter an einer Entschlüsselung arbeitet.
Seine Sorge war berechtigt: Ab 1938 lieferte Schmidt keine Codebücher mehr. 1943 wurde er enttarnt und brachte sich um. Ebenfalls 1938 führten die Deutschen zwei weitere Walzen für die Enigma ein. Deshalb hätten die Polen nicht mehr nur sechs, sondern sechzig „Bomben“ parallel rechnen lassen müssen. Das überstieg ihre Möglichkeiten. Im Sommer 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen, übergaben sie ihr Material an ihre staunenden Verbündeten, welche die Enigma immer noch für unknackbar hielten. „Rejewskis Angriff auf die Enigma ist eine der wahrhaft großen Leistungen der Kryptoanalyse“, schreibt der britische Wissenschaftsautor Simon Singh. „Der Erfolg beruhte auf drei Faktoren: Angst, Mathematik und Spionage.“
Das Material landete im britischen Bletchley Park, wo Alan Turing die polnischen Methoden perfektionierte und ganze Batterien von „Bomben“ aufbauen ließ. Im Januar 1940 gelang dort die erste Entschlüsselung eines Enigma-Funkspruchs im Zweiten Weltkrieg.
Trotz der mechanischen Unterstützung waren weiterhin Intuition und Spürsinn gefragt. Die Maschinen konnten zwar alle möglichen Kombinationen durchprobieren – doch woher sollte man wissen, wann der richtige Schlüssel gefunden war?
Auch hier kam den Briten eine Nachlässigkeit der Deutschen zu Hilfe. Diese bauten ihre Funksprüche oft sehr stereotyp auf, etwa mit dem Wort „Wetter“ am Anfang und „Heil Hitler“ am Schluss. Dazu kam eine konstruktive Schwäche der Enigma: Sie konnte einen Buchstaben nicht mit sich selbst verschlüsseln. Wenn ein Codeknacker also das Wort „Wetter“ in der ersten Zeile vermutete, er aber nicht genau wusste, wo, konnte er sicher sein: Dort, wo die entsprechenden Buchstaben auch im verschlüsselten Text auftauchten, schon mal nicht.
Zum Teil erzeugten die Briten solche Hinweise auch selbst: Sie legten Seeminen und warteten darauf, dass sich die deutschen Schiffe gegenseitig davor warnten. Darin würde unweigerlich die genaue Position auftauchen, und die war bekannt. Wusste man, wonach man suchen musste, konnte man die Bomben so einstellen, dass sie genau den dazu passenden Schlüssel ermittelten.
Die Leistung der Kryptologen dürfte den Krieg nach Meinung von Experten wenn nicht entschieden, so doch um mehrere Jahre verkürzt haben. Die Anerkennung dafür kam spät und spärlich. Rejewski floh während des Krieges nach Großbritannien, durfte aber nicht in Bletchley Park mitarbeiten. Erst Mitte der 70er-Jahre gab die britische Regierung bekannt, die Enigma entschlüsselt zu haben. Bis dahin hatte Rejewski keine Ahnung, dass seine Arbeit wohl Hunderttausenden das Leben gerettet hatte. Ihm wurde posthum in Posen ein Denkmal gesetzt.
Alan Turing erlebte seinen späten Ruhm nicht mehr. Er wurde wegen seiner Homosexualität zu einer Hormontherapie gezwungen, in deren Folge er sich 1954 im Alter von 42 Jahren das Leben nahm. Seine Geschichte wurde 2001 in „Enigma“ nach einer Romanvorlage von Robert Harris verfilmt, 2014 in „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch. Polnische Codeknacker spielen in beiden Filmen keine große Rolle. Gregor Honsel