Die digitale Transformation fordert Business und IT

Die Digitalisierung schafft neue Geschäftsprozesse und bringt alte zu Fall. Klassische IT-Systeme haben es damit schwer. Die dazu passende IT-Architektur umfasst zwei Ebenen: stabile betriebswirtschaftliche Anwendungen im hauseigenen Rechenzentrum und agile Applikationen in der Cloud.

Ein schlechtes Zeugnis in Sachen Digitalisierung stellt den deutschen Unternehmen Frank Riemensperger aus, Chairman von Accenture Germany: „Nennenswerte Umsätze mit digitalen Geschäftsmodellen finde ich in kaum einer Bilanz. Die deutsche Industrie braucht dringend eine frische Wachstumsperspektive, um auch in Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz mithalten zu können. Schlüssel zu diesem Wachstum sind die Plattform-Ökonomie sowie die Ergänzung klassischer Produkte um digitale Services.“

Wie so etwas funktionieren kann, zeigte Björn Goercke, President SAP Cloud Platform und Chief Technology Officer der SAP auf der SAP Hausmesse TechEd: „Um in der Digitalisierung erfolgreich zu sein, benötigen Unternehmen zum einen Daten, und zum anderen eine IT-Plattform, auf der sie die Informationen mit den bestmöglichen Technologien analysieren können.“

„Um in der Digitalisierung erfolgreich zu sein, benötigen Unternehmen zum einen Daten, und zum anderen eine IT-Plattform, auf der sie die Informationen mit den bestmöglichen Technologien analysieren können“, so Björn Goercke, President SAP Cloud Platform und Chief Technology Officer der SAP auf der SAP Hausmesse TechEd in der Rolle des Raumschiff-Kapitäns James T. Kirk. Quelle: SAP

Beispiele für die Aufwertung physischer Produkte durch digitale Services beschreibt Glenn González, Digital Transformation Lead bei SAP Deutschland: Der Medizintechnikhersteller Aesculap eine Tochter des B Braun-Konzerns stellt Operationsbestecke her, die in Sets an Krankenhäuser geliefert werden. Bislang musste stets das komplette Set desinfiziert werden, auch wenn nur ein einzelnes Werkzeug benutzt wurde. Abhilfe schafft künftig eine App auf dem iPads, über die festgehalten wird, welche Teile bereits im Einsatz waren. Die Idee dahinter ist es den Krankenhäusern einen eigenen Service zum Verwalten der Operationsbestecke anzubieten. c-Com, die digitale Startup-Ausgründung des Spezialwerkzeugherstellers MAPAL, hat für die CNC-Werkzeuge seiner Kunden einen digitalen Zwilling erschaffen, der den kompletten Lebenszyklus der Tools abbildet und beispielsweise festhält, wie oft ein Präzisionsbohrer schon nachgeschliffen wurde. Der Kosmetikhersteller Schwan-STABILO Cosmetics wiederum hat für seine Vertriebsmitarbeiter eine mobile App entwickelt, die ermöglicht im Gespräch mit B2B-Kunden zum Beispiel auf einer Messe Produkte zu hochgradig individuell zu konfigurieren und in einen digitalen Warenkorb zu legen, um einerseits die Lead-Time signifikant zu verkürzen und andererseits das gesamte Kundenmeeting digital zu dokumentieren.

Machine Learning, Internet of Things und Blockchain

Mit klassischer betriebswirtschaftlicher Software (ERP/Enterprise Ressource Planning) lassen sich derartige Szenarien nur sehr schwer abbilden, weil dafür schlicht die Funktionen fehlen. Besser ist eine IT-Architektur, die zwei Ebenen umfasst: Eine für standardisierte Geschäftsabläufe im ERP-System und eine weitere, die als Drehscheibe für agile innovative Anwendungen wie Machine Learning, Internet of Things, Blockchain und Advanced Analytics fungiert und das Zusammenspiel der einzelnen Bereiche fördert. „SAP bietet diese Technologien im Business-Kontext an“, erläutert González am Beispiel von Invoice Matching, wo Eingangszahlungen einer Rechnung gegenübergestellt werden. „In klassischen ERP-Systemen läuft das über einen Entscheidungsbaum. Wir nutzen dafür Machine Learning, so dass unser System mit der Zeit immer smarter wird.“ Besonders gut, so der SAP-Experte, laufe Machine Learning im Zusammenspiel mit SAP HANA, einer Hauptspeicher-basierten Datenbank-Platform: „Klassische Datenbanken verdichten den Informationsbestand in Aggregaten. In-Memory-Datenbanken hingegen verzichten auf Aggregate, so dass Machine Learning direkt auf die Originaldaten zugreifen kann, erklärt der SAP-Experte. „Dies führt zur nächsten Generation der ERP, der sogenannten „Intelligent Enterprise“, in der viele Prozesse durch Machine Learning automatisiert und effizienter durchgeführt werden.“

Bimodale IT kombiniert Stabilität und Innovation

Gartner hat für eine solche zweischichtige IT-Architektur den Begriff „bimodale IT“ geprägt: Auf der einen Seite eine stabile Schicht, die nie ausfallen darf, auf der anderen Seite agile, sich schnell verändernde Applikationen in der Cloud. Für innovative Anwendungen bringt dieses Bereitstellungsmodell Vorteile, wie González erläutert: „In der Cloud ist die Agilität höher. Ein Unternehmen kann Applikationen schnell nutzen, und sie im Idealfall ein- und wieder ausschalten, ohne sich um die Beschaffung und Implementierung der Hardware sowie den Betrieb der Systeme zu kümmern.“ Für eine erfolgreiche Innovation müsse ein Unternehmen unter Umständen in der Lage sein, innerhalb kürzester Zeit ein IT-System mit einem Datenumfang von 50 Terabyte aufzubauen. „Bei Inhouse-Systemen zieht das einen monatelangen Prozess der Beschaffung und Implementierung nach sich. In der Cloud hingegen regelt eine schlichte Vertragserweiterung einen derartigen Ausbau“.

„Predictive Maintenance oder Prozessoptimierung können auch On Premise laufen“, so Glenn González, Digital Transformation Lead bei SAP Deutschland. „Sobald jedoch die Systeme eine Interaktion mit dem Kunden ermöglichen sollen, wird es ohne Cloud schwierig.“

Während global selbst Großunternehmen stark standardisierte ERP-Systeme komplett in die Cloud migrieren, liegt in Deutschland die Zahl der Cloud-Skeptiker höher. Aber auch diese Unternehmen können laut González zumindest mit einigen Innovationsszenarien starten: „Predictive Maintenance oder Prozessoptimierung können auch On Premise laufen. Sobald die Systeme jedoch eine Interaktion mit dem Kunden ermöglichen sollen, wird es ohne Cloud schwierig. Unternehmen müssten dann selbst eine IT-Plattform aufbauen und betreiben, bei der sich Anwender anmelden und gegebenenfalls miteinander zusammenarbeiten. Cloud-Lösungen ermöglichen das out of the box.“

Auf Innovationsprojekte ausgelegt sind laut González die In-Memory-Datenbank-Technologie SAP HANA sowie das darauf basierende ERP-System S/4HANA. Innovationsbausteine wie Machine Learning, Internet of Things, Blockchain und Advanced Analytics bündeln die Walldorfer in ihrem Cloud-basierenden „Digital Innovation System“ SAP Leonardo. Falsch ist aus Sicht des SAP-Experten allerdings die Annahme, dass eine abgeschlossene Migration etwa in diese Systemwelt die Voraussetzung für den Einstieg in Innovationsprojekte darstellt. Vielmehr sollten Unternehmen sofort mit Innovationen starten und parallel dazu ihr bestehendes System migrieren.

Digitale Geschäftsmodelle entstehen in Design-Thinking-Workshops

IT-Systeme können das technische Rückgrat der digitalen Transformation darstellen, der Ausgangspunkt dafür kommt jedoch immer vom Businessmodell. Dieses kann aber nicht der Software-Hersteller liefern, sondern es muss vom Unternehmen selbst entwickelt werden — zum Beispiel in Innovations-Workshops nach der Design-Thinking-Methode. „Wir bringen dabei Abteilungen zusammen, die sonst getrennt voneinander arbeiten“, schildert González das diesbezügliche SAP-Vorgehen. „Hier schaffen Coaches eine Atmosphäre, in der losgelöst von den Zwängen des Tagesgeschäfts Kreativität entsteht.“ Die Mitarbeiter aus den Fachabteilungen überlegen, wie sie IT nutzen können, um die jeweiligen Probleme besser oder effizienter zu lösen. Nach einem erfolgreichen ersten Workshop bilden dann einige Unternehmen eigene Coaches aus, um die Innovation in weiteren Abteilungen anzuschieben.

Für Unternehmen, die in die Digitalisierung starten wollen, hat González drei Tipps parat: Unternehmen sollten stets vom Kunden her denken — und die richtigen Fragen stellen. „Wenn Sie einen Weg finden, die Probleme des Kunden besser zu lösen, wird dieser in Ihre Lösung investieren.“ Der zweite Tipp: Unternehmen sollten Innovationsszenarien stets zu Ende denken: „Ein Dashboard verwandelt zwar Daten in Einsichten, aber das bringt wenig, wenn sich daraus keine konkreten Aktionen ableiten lassen, die zu besseren Produkten oder zu mehr Aufträgen führen.“ Der dritte Tipp betrifft die IT-Systeme: „Die Innovationsplattform sollte im Idealfall schon verfügbar sein, bevor die Idee geboren wird. Dann kann eine Fachabteilung mit einem Pilotprojekt loslegen, ohne mit dem Implementieren der IT Zeit zu verlieren.“

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