Ausprobiert: Prusament PVB, mit Isopropanol glÀttbares 3D-Druck-Filament
PVB soll sich leicht in 3D drucken lassen und durch Behandlung mit Spezialalkohol glasklar werden. Wir haben es ausprobiert.
Beim FFF-3D-Druck formt man das Thermoplast durch Hitze in die gewĂŒnschte Form, dabei bleiben eigentlich immer Schichten sichtbar. Je nach Material kann man diese hinterher chemisch glĂ€tten, indem man die OberflĂ€che anlöst. ABS kann man mit Aceton glĂ€tten, aber Aceton ist nicht ganz ungefĂ€hrlich und ABS nicht leicht zu drucken. PLA und PETG lassen sich gut drucken, aber nur mit Chemikalien glĂ€tten, die wir nicht guten Gewissens in der eigenen Werkstatt empfehlen können.
PVA (Polyvinylbutyral) hingegen soll Eigenschaften von PLA, wie dessen gute Druckbarkeit, mit mechanischen Eigenschaften von PETG verbinden und ist gleichzeitig mit gut erhĂ€ltlichem und unproblematischem Isopropanol (IPA) glĂ€ttbar. Durch die Lösbarkeit in Isopropanol sind Teile aus PVB aber auch perfekt klebbar untereinander, ideal fĂŒr mehrteilige Drucke. Dies sollte es fĂŒr dekorative Drucke gut geeignet machen. Mit dem Isopropanol lĂ€sst sich aber auch die Transparenz der Objekte sehr erhöhen. Sonstige "transparente" Filamente sind ja durch die Layer und die beim Druck entstehende raue OberflĂ€che eher nur lichtdurchlĂ€ssig statt tatsĂ€chlich glasklar. Das macht neugierig, deshalb haben wir probiert, wie gut sich das Filament im praktischen Einsatz schlĂ€gt.
Wir orderten ungefĂ€rbtes Prusament PVB direkt vom Hersteller Prusa. Die Lieferung erfolgte schnell; die 500-Gramm-Spule kostete ohne Versand knapp 24 Euro, ist also deutlich teurer pro Kilo als PLA oder PETG. Wie immer bei Prusa war die Spule in einem dichten und wieder verwendbaren Zip-Beutel mit Entfeuchtergel verpackt und das Filament perfekt aufgespult. Auf einem Label wird die Dickentoleranz ausgewiesen und man kann fĂŒr jeden Meter Filament, online per Barcode, die Abweichungen kontrollieren und weitere Informationen zum Material bekommen. Noch mehr steht in den sehr guten DatenblĂ€ttern [1] bei Prusa.
MaĂhaltigkeit und Haftung
Nun aber zu den bekannten Nachteilen von PVB. Wie man an den Spulendaten sieht, ist die MaĂhaltigkeit zwar insgesamt gut, aber im Vergleich zu anderen Prusa-Spulen mit PLA und PETG sind die Abweichungen doch doppelt bis fast das Zehnfache gröĂer. In der Praxis ist das zwar nur bei sehr feinen Drucken auf perfekt eingestellten Druckern relevant, aber gerade wenn man hinterher glĂ€tten oder trasparente Deko-Objekte drucken will, doch störend. Hierzu muss aber gesagt werden, dass unsere Spule schon vor einiger Zeit hergestellt wurde und schon etwas lĂ€nger im Lager bei Prusa lag. Eventuell wurden die Herstellungsverfahren seither noch verbessert.
FĂŒr mechanische Bauteile ist die, wie bei PLA, niedrige Temperatur-Resistenz von ca. 55°C zu beachten. Prusa empfiehlt gleichzeitig eine Druckbett-Temperatur von 75°C, dies weist schon auf eine hohe Tendenz zum Warping hin â derTendenz, dass sich lĂ€ngere Objekte verbiegen und vom Druckbett lösen. Weiterhin wird eine niedrigere Haftung der Layer untereinander angegeben, dies kann aber durch die spĂ€tere Behandlung mit Isopropanol etwas verbessert werden, besonders fragil waren die Drucke in unserem Test aber auch ohne diese nicht.
Testdrucke
Prusament PVB (0 Bilder) [3]
Zuerst wurde von uns ein Treefrog [5] in 60% seiner normalen GröĂe (LĂ€nge etwa 50mm) gedruckt. Es wurde ein Prusa i3 Mk2 mit modifiziertem BauteillĂŒfter benutzt, als Software PrusaSlicer mit dem von Prusa bereitgestellten Profil. Kritische Stellen sind hier die Vorderbeine, die besonders bei 60% GröĂe gut die Tendenz zum Curling (Hochbiegen von feinen Details) anzeigen. Der Bauch, der ein recht steiler Ăberhang ist, ist ein weiterer guter Indikator fĂŒr die Qualitöt eines Filaments.
In unserem Versuch trat sehr deutliches Curling auf, die Haftung der erst partiell gedruckten Beine reichte aber aus, dass die eine oder andere Kollision von Druck mit der DĂŒse nicht zu einem Fehldruck fĂŒhrte. Es wurden weitere Versuche durchgefĂŒhrt, unter anderem mit weniger KĂŒhlung und geringerer Druckbett-Temperatur. Leider alles erfolglos, es gingen einige gehbehinderte Frösche vom Bett. Die einzige Methode, die erfolgreich war, bestand darin, die Druckgeschwindigkeit zu verringern. Dies kann global oder per Autocooling im PrusaSlicer geschehen, was dafĂŒr sorgt, dass die frischen Schichten Zeit zum AuskĂŒhlen haben. Weiterhin steigert ein langsameres Drucken auch die Transparenz, dazu gleich mehr.
Die Haftung ist auf den meisten PEI-beschichteten Druckbetten (siehe Prusa-Material Guide [6]) gut, allerdings neigt auch PVB zum Warpen. Dies kann durch eine höhere Druckbett-Temperatur abgemildert werden, allerdings steigt so wieder die Curling-Tendenz, besonders in Layern nahe dem Druckbett. Zudem ist PVB auch hygroskopisch, d.h. es zieht aus de Luftfeuchte Wasser und damit sinkt die Druckbarkeit. Es sollte also trocken gelagert werden oder muss vor dem Drucken aufwĂ€ndig getrocknet werden. Man muss also beim Drucken mehr beachten als bei PLA und PETG und dies, verbunden mit dem deutlich höheren Kilopreis, fĂŒhrt dazu, dass man PVB eigentlich nur einsetzen will, wenn man die Drucke hinterher tatsĂ€chlich glĂ€tten oder glasklar machen will.
GlÀttung (Smoothing)
Die GlĂ€ttung von PVB ist mit dem recht unproblematischen Alkohol Isopropanol (>70 Vol%) möglich. Dies ist geradezu erholsam in der Handhabung, wenn man schon Erfahrungen mit anderen Chemikalien zum GlĂ€tten hat, etwa Aceton fĂŒr ABS. Die Ergebnisse sind, wie man in der Bilderstrecke sehen kann, wirklich gut. Zur Verdeutlichung wurden zwei Testfrösche mit mattem Lack angesprĂŒht, um den GlĂ€ttungseffekt zu verdeutlichen.
2-Propanol, Isopropanol, IPA: Die DĂ€mpfe wirken betĂ€ubend. Der Kontakt verursacht Reizungen der Augen und der SchleimhĂ€ute. Beim Umgang sollte fĂŒr ausreichende LĂŒftung gesorgt werden. Weiterhin können sich explosive Luft/Isopropanol-DĂ€mpfe bilden und es ist leicht entzĂŒndlich. Daher immer auf gute LĂŒftung achten und ZĂŒndquellen fernhalten.
Wir haben verschiedene Methoden des GlĂ€ttens ausprobiert: Tauchen, Bepinseln, Benebeln und in der Gasphase. Bei allen Verfahren gilt, dass die angelöste OberflĂ€che noch recht lange klebrig ist. Man sieht jedes Staubkorn und jeden Fingerabdruck, wenn man nicht vorsichtig und sauber arbeitet. Auch kleben die Drucke gerne ĂŒberall fest, ein flexibles Alublech, eine alte CD-Unterseite oder Klebeband (muss natĂŒrlich Isopropanol-resistent sein) als Unterlage helfen beim spĂ€teren Entfernen. Weiterhin kann man den Druck, an einer spĂ€ter unsichtbaren Stelle, mit Draht oder einem HolzspieĂ befestigen.
Tauchen: Der Druck wird, mit Trocknungspausen dazwischen, mehrmals in Isopropanol getaucht. Hierbei kann man den GlÀttungserfolg gut beobachten. Es sind auch starke GlÀttungen möglich.
Benebeln: Mittels eines "ZerstĂ€ubers" (ParfĂŒmflakon o.Ă€.) wird Isopropanol auf den Druck gesprĂŒht. Hierbei kann man, in gewissen MaĂe, die StĂ€rke der GlĂ€ttung an auf verschiedenen Stellen des Objekts variieren. Die Trockenzeiten sind kĂŒrzer als beim Tauchen, aber man muss mehr Wiederholungen machen. Am besten im Freien oder unter eine Absaugung durchfĂŒhren! Dabei aber, besonders im Freien, auf Staub und Insekten achten, die sich gerne auf helle Objekte setzen.
Pinseln: Hier kann man selektiv arbeiten, allerdings können sich zu harte Borsten auf dem Druck abzeichnen und der Pinsel sollte keine Borsten verlieren, die dann ankleben und ohne BeschÀdigung der OberflÀche nur schwer zu entfernen sind.
Beim GlĂ€tten in der Gasphase macht man es wie beim GlĂ€tten von ABS in Aceton: Das Objekt steht in einem verschlossenen BehĂ€lter, erhöht ĂŒber einem Schwamm oder Tuch, die mit Isopropanol getrĂ€nkt sind. Hier sind die Verweilzeiten tendenziell höher als bei den anderen Verfahren (sprich: Stunden), und wenn man den Druck nicht rechtzeitig herausnimmt, sind Details, wie die kleinen FĂŒĂchen des Frosches, schon zu klaren PVB-Tropfen verschmolzen.
Nach dem GlĂ€tten muss man das Isopropanol gut ausdampfen lassen, damit das PVB wieder eine gute HĂ€rte bekommt. Besonders wenn man das Objekt lange taucht oder in der Gasphase hatte, kann Isopropanol tief in das Objekt eindringen und von dort das Objekt noch lange weich machen. Auch können sich dĂŒnne WĂ€nde verformen und so das Objekt unbrauchbar machen.
Wir empfanden das GlÀtten durch Tauchen am einfachsten. Man kann die GlÀttung durch die Dauer und HÀufigkeit des Tauchens gut steuern. Alle Testobjekte wurden mit Absicht in 0,2mm dicken Schichten gedruckt, um den Effekt zu demonstrieren.
Transparenz
Möchte man transparente Drucke, so sollte man langsam und mit möglichst groĂem DĂŒsendurchmesser drucken. Letzteres konnten wir in der vorhandenen Zeit nicht testen. Alle Testdrucke wurden mit der StandarddĂŒse von 0,4mm in 0,2mm Schichtdicke gedruckt. Dennoch sind die Auswirkungen der GlĂ€ttung fĂŒr die Transparenz deutlich sichtbar, vor allem im Vergleich mit lichtdurchlĂ€ssigen Filamenten aus anderem Material.
Prusament PVB Transparenz (5 Bilder) [7]

FĂŒr die Tasten aus der Bilderstrecke wurde fĂŒr die erste Schicht 0,32mm Layerhöhe benutzt. Diese lĂ€sst sich noch gut von beiden Seiten glĂ€tten und hĂ€lt mehr aus. Die Kappen wurden dann in Isopropanol getaucht und, auf dem offenen Rand stehend, trocknen gelassen. Die dĂŒnnen Objekte sind mit Vorsicht zu behandeln, lassen sich aber zerstörungsfrei vom Druckbett ablösen. Die GlĂ€ttung und damit die Verklebung der Layer- und Perimeter-Grenzen verbessert die Haltbarkeit nochmals.
Fazit
Uns hat das PVB-Filament von Prusa Freude bereitet und uns zwei Anwendungen mehr fĂŒr den 3D-Druck erschlossen. War bisher das GlĂ€tten von FFF-Drucken eine gefĂ€hrliche Sache, so kann es nun fast in der guten Stube eingesetzt werden, um dekoratives ohne sichtbare Layerstrukturen zu drucken. Auch die Möglichkeit halbwegs transparente Objekte zu drucken, hat seine Anwendung gefunden. Dies war doch bisher eindeutig die DomĂ€ne von Harz-Druckern [9]. (caw [10])
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[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/3094696.html?back=6026113;back=6026113
[5] https://www.thingiverse.com/thing:18479
[6] https://help.prusa3d.com/en/materials
[7] https://www.heise.de/bilderstrecke/3095211.html?back=6026113
[8] https://www.heise.de/bilderstrecke/3095211.html?back=6026113
[9] https://www.heise.de/news/YouTube-Maker-baut-3D-Lentikular-Display-aus-dem-Resin-Drucker-5989402.html
[10] mailto:caw@make-magazin.de
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