Zahlen, bitte! 440 Milliarden Garnelen pro Jahr als Weltnahrung

Garnelen und Krabben gehören zu den wichtigsten Meeresfrüchten. Aufgrund von sinkenden Fangmengen und erhöhter Nachfrage wird die Zucht immer wichtiger.

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Von
  • Detlef Borchers

Die Zahlen sind beeindruckend: Mit einer jährlichen Produktion von 440 Milliarden Tieren liegen Garnelen aus der Familie der Krebse in der Nahrungsmittelproduktion weit vor Fischen, Insekten und Geflügel, die von der Anzahl her auf den weiteren Plätzen folgen. Geht es um die gesteuerte Produktion von tierischem Eiweiß für den menschlichen Verzehr, so führen Zuchttiere wie Weißfußgarnelen und Tigergarnelen mit deutlichem Vorsprung. Dabei ist es für die Wissenschaft und Industrie nicht so einfach, die gestiegene Nachfrage nach Arten- und Umweltschutzgesichtspunkten zu bedienen.

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Mit einem Konsum von 2,5 Milliarden Großgarnelen pro Jahr liegt Deutschland im Mittelfeld, während die USA die Spitzenposition einnehmen. Über 90 Prozent der in Deutschland angebotenen Garnelen stammt aus Indien, Südostasien und Südamerika. Ansätze zur tierwohlgerechten Produktion gibt es erst seit wenigen Jahren, immer wieder dagegen Nachrichten wie solche über den Fund radioaktiv kontaminierter Chargen.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblĂĽffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natĂĽrlich der Mathematik vor.

Die Zucht nahm dabei in den vergangenen Jahrzehnten einen immer größeren Raum ein: Zunächst wurde nur die schwarze Tigergarnele gezüchtet, ab 2000 folgte die Weißfußgarnele, auch als weiße Tigergarnele bekannt. Die Aufzucht erfolgt größtenteils in den Ländern des Globalen Südens, wo die dafür nötige Wassertemperatur von 20 Grad problemlos erreicht wird.

Verkaufsfertige Garnelen im Handel Es fehlen Kopf, Beine, der sogenannten Carapx als Teil der Schale und Teile des hinteren Exoskeletts

(Bild: Frank C. Müller)

Über die Zustände bei der Garnelenzucht wurde 2019 ein Bericht verfasst. Er prangerte vor allem die Praxis an, dass den Zucht-Weibchen die Augen abgeschnitten werden. Durch diese Ablation soll die Eiablage vergrößert werden. Als Reaktion auf den Bericht wurde das Shrimp Welfare Project (SWP) gegründet, das sich um weitere Aspekte der Garnelenzucht kümmert. Dazu gehört die Praxis, die Tiere durch Eiswasser zu betäuben, bevor sie geschlachtet werden.

Diese Praxis wird von einem Bericht des International Council for Animal Welfare (ICAW) [PDF] kritisiert, der im Oktober 2025 erschien und sich für die elektrische Betäubung starkmacht, die auch das SWP fordert. Entsprechend dieser Praktiken wurden dabei Europas Supermarktketten vom ICAW im Einzelnen bewertet. Bereits 2005 hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in einem Bericht darauf aufmerksam gemacht, dass Garnelen und andere Zehnfußkrebse (Dekapoden) Schmerzen empfinden können. Das Bayrische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit empfiehlt für heimische Zuchtstationen ebenfalls elektrische Durchströmungen in einem umgebauten Becken als artgerechte Tötungsmethode.

Für die Garnelenzucht gibt es mehrere Gütesiegel. Am bekanntesten dürfte das Siegel des Aquaculture Stewardship Council sein, das beim Verzicht auf Antibiotika, der überwiegenden Fütterung mit Fischmehl und der ständigen Prüfung der Wasserqualität vergeben wird. Weitere Anforderungen sind die Einhaltung internationaler Arbeitsstandards und der freie Küstenzugang für die lokale Bevölkerung.

Das Siegel macht keine Angaben zu den maximalen Besatzdichten pro Hektar oder pro Quadratmeter. Nach Angaben der Stiftung Warentest tragen 94 Prozent der Weißfuß- und 42 Prozent der Black-Tiger-Garnelen im deutschen Handel das ASC-Siegel. Nach den Bewertungen der ICAW bedeutet das ASC-Siegel aber auch, dass die Betriebe keine Angaben zur verbindlichen Einführung der elektrischen Betäubung machen müssen und die Augenstiel-Ablation erst ab 2031 verboten wird.

Das Bio-Siegel für Aquakulturen der EU stellt Anforderungen an die Wasserqualität und begrenzt die Belegdichte auf 2400 kg pro Hektar, wobei die Tiere in naturnahen Teichen leben und mit Bio-Futter ernährt werden. Im Unterschied zum ASC-Siegel werden keine sozialen Anforderungen genannt. Der Einsatz von Antibiotika ist in Ausnahmefällen möglich, muss aber lange vor der Ernte liegen.

US-Krabbenkutter Wrangler bei der Arbeit im Jahr 2019 vor der KĂĽste von Portland.

(Bild: CC BY-SA 4.0, Tkliles)

Die strengsten Anforderungen an die Garnelenfarmen stellen die Auquakultur-Richtlinien von Naturland. Hier darf die Biomasse 1600 kg pro Hektar nicht überschreiten, was einer Besatzdichte von 15 Garnelen pro Quadratmeter entspricht. Die Jungtiere dürfen nur aus der natürlichen Nachzucht kommen. Die Augenstiel-Ablation ist untersagt, ebenso der Einsatz von Antibiotika und Chemotherapeutika. Die Wasserqualität darf nur um 10 Prozent verschlechtert sein und Mangrovenwälder müssen nach fünf Jahren wieder aufgeforstet werden, wenn hier Garnelenzucht betrieben wurde. Auch in Deutschland können Garnelenfarmen betrieben werden. Sie beliefern Edel-Restaurants mit fangfrischen Garnelen und nehmen dafür ca. 60 Euro pro Kilo. So wird die Garnele zum Luxusgut.

Das Gegenteil eines Luxus-Angebotes tauchte in diesem Jahr in den USA auf. Dort gelangten mit Cäsium-137 kontaminierte Garnelen aus Indonesien über mehrere Anbieter in den US-Großhandel. Daraufhin warnte die US-Gesundheitsbehörde FDA vor dem Verzehr. Als Verursacher der Radioactive Shrimp Scare wurde ein metallverarbeitender Betrieb im Industriegebiet von Cikande ausfindig gemacht, der medizinische Geräte verschrottet. Das radioaktive Isotop konnte auf Garnelenfarmen im Umkreis von 400 Meilen in den Tieren nachgewiesen werden. Die strahlende Zukunft der Garnelenzucht ist das wohl eher nicht.

(mawi)