30 Jahre Java – Interview mit Community-Vertretern (Teil 5)

Java wurde 2025 schon 30 Jahre alt. Das ist ein guter Zeitpunkt, zurĂĽck, aber auch nach vorn zu blicken.

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(Bild: Erstellt mit KI (Midjourney) durch iX-Redaktion)

Lesezeit: 14 Min.
Von
  • Falk Sippach
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich eine rege Community im Java-Umfeld gebildet. Ich habe einige deutschsprachige Vertreter zu ihren Erfahrungen befragt. Die Resonanz war überwältigend. Vielen Dank an alle, die mitgemacht haben. In diesem fünften und letzten Teil kommen Sandra Warmbrunn (Co-Organisatorin JUG Ostfalen), Michael Paus (Board-Mitglied JUG Stuttgart und Organisator des Java Forum Stuttgart), Stefan Hildebrandt (Co-Organisator JUG Bremen/Oldenburg), Thomas Ruhroth (Mitorganisator JavaLand4Kids) und Gerrit Meier (Co-Organisator JUG Ostfalen) zu Wort.

Neuigkeiten von der Insel - Falk Sippach
Neuigkeiten von der Insel - Falk Sippach

Falk Sippach ist bei der embarc Software Consulting GmbH als Softwarearchitekt, Berater und Trainer stets auf der Suche nach dem Funken Leidenschaft, den er bei seinen Teilnehmern, Kunden und Kollegen entfachen kann. Bereits seit über 15 Jahren unterstützt er in meist agilen Softwareentwicklungsprojekten im Java-Umfeld. Als aktiver Bestandteil der Community (Mitorganisator der JUG Darmstadt) teilt er zudem sein Wissen gern in Artikeln, Blog-Beiträgen, sowie bei Vorträgen auf Konferenzen oder User Group Treffen und unterstützt bei der Organisation diverser Fachveranstaltungen. Falk twittert unter @sippsack.

Java prägt viele Entwicklerinnen und Entwickler seit ihren ersten Schritten in der IT – und hat in dieser Zeit Höhen, Tiefen und mehrere Neuerfindungen erlebt. Die folgenden Antworten spiegeln persönliche Anfänge, prägende Erlebnisse, kritische Momente und eine Einordnung von Javas Rolle in der heutigen Softwareentwicklung wider. Abschließend wagen sie einen Blick nach vorn: mit Tipps für die eigene Weiterentwicklung und Erwartungen an Java in den kommenden Jahren.

30 Jahre Java – Interview mit Community-Vertretern

Wann und mit welcher Version bist du erstmals mit Java in BerĂĽhrung gekommen?

Sandra Warmbrunn: Ich bin 1998 im Studium das erste Mal mit Java 1.1 in BerĂĽhrung gekommen.

Michael Paus: Das muss etwa 1997 mit Java 1.1 oder evtl. auch noch 1.0 gewesen sein.

Stefan Hildebrandt: Gegen Ende meiner Schulzeit habe ich 1997 meine ersten Gehversuche mit Linux gemacht und habe dort auch weiterhin Desktop-Anwendungen programmieren wollen. Durch Zufall bin ich auf ein Java-Buch gestoĂźen, und der Ansatz, die Anwendungen unter Linux und Windows laufen zu lassen, hat mir gefallen, auch wenn die eine oder andere HĂĽrde vorhanden war.

Thomas Ruhroth: Ich bin während meiner Ausbildung zum mathematisch-technischen Assistenten auf Java gestoßen. Ich hatte gerade Smalltalk (ja, das ist eine OO-Programmiersprache) gelernt, und da kam das Thema auf, dass Java auch OO und schneller sei. Das war die Version Java 1.1. Naja, so schnell war Java dann auch nicht, aber unter den Runtime-Sprachen, war es die schnellste.

Gerrit Meier: Das ist eine sehr gute Einstiegsfrage. Da musste ich doch wirklich gerade mal mit javap in meinen alten Uniunterlagen von 2003 schauen. Obwohl das Tool 1.2 fĂĽr die ersten Ăśbungen ausgibt, wĂĽrde ich offiziell das Statement abgeben wollen, dass es wohl Version 1.4 war, die mich die meiste Zeit in der Uni begleitet hat. Somit kam ich eigentlich eher aus der Pflicht zu Java, anstatt es zu finden. Zum Ende des Studiums jedoch war es schon ein fester Bestandteil fĂĽr Tools (Visualisierung) rund um meine Diplomarbeit, die im Kern C++ war.

JavaLand 2026 im Europa-Park Rust

(Bild: DOAG)

Vom 10. bis 12. März 2026 findet die JavaLand-Konferenz statt. In diesem Jahr zieht die Community-Konferenz in den größten deutschen Freizeitpark, den Europa-Park Rust. Das Programm bietet knapp 130 Vorträge in 13 Themenbereichen.

Was war rückblickend dein schönstes Erlebnis mit der Sprache oder dem Ökosystem Java?

Sandra Warmbrunn: Rückblickend, da es schon so viele Jahre sind, kann ich gar nicht genau sagen, welches wirklich mein schönstes Erlebnis war. Es sind ein paar, die ich toll fand. Meine bestandene Prüfung zum Certified Java Programmer 1.5 war schon sehr schön. Außerdem die Möglichkeit, auf der JVM andere Programmiersprachen benutzen zu können. Groovy hat mir geholfen, funktionale Programmiertechniken zu lernen.

Michael Paus: Mein schönstes Erlebnis war, als ich nach Jahren der Beschäftigung mit Java in einem eher kleineren Rahmen endlich bei Airbus in ein sehr interessantes und großes Java-Projekt mit JavaFX einsteigen durfte.

Stefan Hildebrandt: Die Mächtigkeit des Ökosystems, die sich bei mehreren Migrationen von anderen Plattformen zu Java gezeigt hat: Allen Unkenrufen zum Trotz waren die Systeme danach deutlich leistungsfähiger, was an der JVM und an optimierten Komponenten wie Connection-Pools lag.

Thomas Ruhroth: Ich habe mich sehr über Streams und Lambdas gefreut. Das hat schöne Dinge, die ich von anderen Sprachen kannte, möglich gemacht. Die letzte schöne Sache war vor ein paar Jahren ArchUnit. Damit ist jetzt eine gut lesbare, leicht verwendbare Erweiterung zur Sicherstellung von Architektur-Eigenschaften vorhanden.

Gerrit Meier: Da gibt es einige und für mich ist es schwer, das Schönste rauszupicken. Eines der Ersten war jedenfalls ein Poor Man’s Remote Desktop beim Kunden aus der Not und die erste Erkenntnis: Das kann man mit Java machen! Danach ging es gerade in den 2010ern featuretechnisch Schlag auf Schlag. Vor allem Java 8 war, meines Erachtens nach, ein sehr revitalisierendes Release und hat dafür gesorgt, dass sich Java wieder modern anfühlte. Auch wenn ich kaum Desktop-UIs entworfen habe, hat mir auch die JavaFX-Phase sehr gefallen und mich mindestens privat mal wieder dazu eingeladen, mich damit zu beschäftigen. Am Ende war es ein etwas kürzeres Gastspiel von JavaFX im JDK als damals angenommen, aber trotzdem würde ich es nicht als Misserfolg werten wollen. Vor allem beginnend mit Java 8 und seinem reichhaltigen Feature-Set (und natürlich auch 9, 10, 11) war auch wieder mehr Core-Java in Vorträgen zu erleben und zu lernen, was mich zum nächsten Punkt bringt. Wenn wir natürlich das Ökosystem breiter fassen und die Technologie als gemeinsame Basis sehen, dann sind es die Menschen, die einem über den Weg laufen und – ob nun Java User Group, Konferenzen oder auf der Arbeit – einem das Gefühl geben, dass wir uns mit unserer Community sehr glücklich schätzen können. Platt gesagt: Ohne Java wäre mein Freundeskreis ab 30 wohl nicht mehr so stark angewachsen.

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Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Was hat dich negativ beeinflusst beziehungsweise war ein unschöner Moment im Java-Umfeld?

Sandra Warmbrunn: Der unschöne Moment war, von Groovy (schöne klare Schreibweisen) zu Java und dem ganzen Boilerplate-Code zurückzukommen (was allerdings natürlich historisch begründet ist).

Michael Paus: Dies war kein einzelner Moment, sondern eher ein kontinuierlicher Prozess. Ich habe es als sehr enttäuschend und frustrierend erlebt, wie konsequent stiefmütterlich das Thema Frontend im Java-Umfeld behandelt wurde und wird. Es wurde vieles begonnen, aber nie richtig zu Ende gedacht, geschweige denn richtig vermarktet und beworben.

Stefan Hildebrandt: Der Umstieg von JSF 1.x auf 2 war nur als Big Bang möglich, wenn man weiter eine einheitliche UI haben wollte. Das war sehr hinderlich und hat viele Anwendungen technologisch veralten lassen. Nach diesem Debakel wurden auch Updates im Java-Enterprise-Umfeld mit der Zeit einfacher zu handhaben.

Thomas Ruhroth: Ich fand es schade, dass aus der Idee der Java-Prozessoren nichts wurde. Es gab ja mal die Idee, Java-Bytecode direkt auf einem speziellen Prozessor ausführbar zu machen. Das war während meiner Ausbildung eines der Themen, von denen wir geglaubt haben, dass sie die ganze Computerwelt revolutionieren würden und es bald nur noch Java-Prozessoren gibt.

Gerrit Meier: Disclaimer: Ich hoffe, dass sich hier keine Personen negativ angesprochen fühlen. Gerade im Laufe der oben erwähnten 2010er kam es durch Oracle zu einer starken Erschütterung in der Entwicklergemeinschaft (oder nur bei mir, falls ihr es nicht so empfunden habt) bezüglich Lizenzierung, beispielsweise Android, Abwendung von Java EE und grundsätzlich das Gefühl, dass Java für das Unternehmen als Lizenzierungsgrundlage wichtiger ist als die Technologie als solche. Das hat bei mir eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Zukunft der Sprache gebracht. Am Ende war es für mich persönlich wahrscheinlich die einzige unschöne Erfahrung. Auf der anderen Seite war es zum Beispiel für Java EE ein notwendiger Bruch. Mit der Überführung in die Eclipse Foundation und breitem Firmensupport (zu dem auch Oracle gehört) ist es meiner Meinung nach am Ende doch gut ausgegangen.

Glaubst du, dass Java auch nach 30 Jahren noch relevant ist? Welche Rolle spielt Java deiner Meinung nach in der modernen Softwareentwicklung, insbesondere im Vergleich zu anderen Sprachen und Technologien?

Sandra Warmbrunn: Ich glaube, dass Java weiterhin eine große Rolle im Bereich Softwareentwicklung spielen wird, ich kenne kein Ökosystem, das so eine große Community hat und so viele Tools, Frameworks und Möglichkeiten bietet.

Michael Paus: Java hat nach wie vor eine groĂźe Bedeutung. Das zeigen allein schon die Zahlen und das Ranking in den diversen Metriken. Java ist keine Hype-Sprache mehr, sondern hat mehr den Charakter eines stabilen Fundaments, auf dem man auch groĂźe Projekte erfolgreich aufbauen kann.

Stefan Hildebrandt: Im KI-Umfeld spielt Python eine größere Rolle und kommt darüber auch im Unternehmensumfeld stärker zum Einsatz. Der Umweg über einen anderen Einsatzbereich war schon bei JavaScript/TypeScript zu beobachten, die über SPAs auch auf dem Server gelandet sind. Auf der JVM ist der Trend hin zu Kotlin ein wenig abgeflaut, auch wenn Kotlin sich in vielen Bereichen etabliert hat.

Thomas Ruhroth: Ja, ich glaube, dass Java noch eine lange Geschichte haben wird. Sprachen, die viele Connections zu Open-Source-Communitys haben, werden nicht so schnell sterben – da steckt so viel Liebe und Arbeit von vielen drin.

Gerrit Meier: In der "modernen Softwareentwicklung" würde ich Java ohne jeglichen Zweifel gesetzt sehen. Vor allem durch Technologien wie Spring als alternativer Vorreiter, der nicht müde wird, mit dem Stand der Technik mitzuhalten, und Quarkus als Standard (JakartaEE) Framework, haben wir eigentlich fast schon die Qual der Wahl. Und das vom Hobbyprojekt bis zu großen Enterprise-Deployments. Ich möchte Java gar nicht so direkt mit anderen Sprachen vergleichen. Gerade heutzutage sind syntaxtechnisch relativ viele ähnliche Konzepte zu finden – klammern wir hier mal Haskell, Elixir und Freunde aus, bei denen sich sinnvolle Neuerungen in einer Sprache relativ schnell auch in andere Sprachen verteilen. Natürlich sollten wir unterscheiden, wo das kompilierte Programm zur Ausführung gebracht wird. Java auf dem Mikrocontroller mag ein schönes Bastelprojekt sein, aber da sollten wir C/Rust doch den Vortritt lassen, wenn wir in Richtung Signalverarbeitung schauen. Wir dürfen auch nie vergessen, dass die JVM ein Biest ist, das immer mehr leisten kann und wird. Und eventuell werden wir irgendwann Programmiersprache X dort laufen lassen und das J in JVM ist das Einzige, das uns dann noch an Java erinnert.