„Cloud-9“: Gescheiterte Zwerggalaxie aus Dunkler Materie und ohne Sterne

Mit der „Cloud-9“ ist wohl ein kosmisches Objekt entdeckt worden, das bislang nur theoretisch beschrieben wurde: eine kleine Gaswolke mit viel Dunkler Materie.

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Eine pinke Wolke vor einem Sternenhimmel

Die „Cloud-9“ (in pink und gelb markiert) rekonstruiert aus Daten des Radiointerferometers Very Large Array (VLA)

(Bild: NASA, ESA. G. Anand (STScI), and A. Benitez-Llambay (Univ. of Milan-Bicocca); Image processing: J. DePasquale (STScI))

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Eine internationale Forschungsgruppe hat mit dem Weltraumteleskop Hubble eine neue Art von kosmischem Objekt entdeckt, das der Forschungsleiter als ursprünglichen Baustein einer gescheiterten Galaxie bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Wolke aus Dunkler Materie und Wasserstoffgas, aber ohne Sterne, die den Spitznamen „Cloud-9“ bekommen hat. Sie hat einen Durchmesser von 4900 Lichtjahren und besteht aus einer Million Sonnenmassen an Gas, aber fünf Milliarden Sonnenmassen Dunkler Materie. Ihre Existenz lege nahe, dass es zahlreiche weitere vergleichsweise kleine Strukturen im Universum gibt, die von Dunkler Materie dominiert werden und die wir bislang nicht nachweisen konnten. Möglicherweise gebe es auch in unserer Nachbarschaft noch weitere davon.

Das Areal der „Cloud-9“ im sichtbaren Licht

(Bild: NASA, ESA. G. Anand (STScI), and A. Benitez-Llambay (Univ. of Milan-Bicocca); Image processing: J. DePasquale (STScI))

Der erste Nachweis des Objekts ist vor drei Jahren mit dem riesigen Radioteleskop FAST (Five-hundred-meter Aperture Spherical Telescope) in China gelungen, erklärt die Europäische Weltraumagentur ESA. Der Spitzname „Cloud-9“ („Wolke 9“) habe keine spezielle Bedeutung, es habe sich schlicht um die neunte Gaswolke gehandelt, die bei der Galaxie Messier 94 gefunden wurde. Bis zur Überprüfung mit Hubble habe man aber einfach davon ausgehen können, dass es sich um eine lichtschwache Zwerggalaxie handelt, deren Sterne mit bodenbasierten Teleskopen nicht auszumachen sind. Erst das Weltraumteleskop habe bestätigt, dass da tatsächlich keine sind.

Die Forscher und Forscherinnen um Alejandro Benitez-Llambay von der Universität Mailand-Bicocca erklären, dass es sich bei der Wolke um ein bislang nur theoretisch beschriebenes Objekt handeln dürfte, das „RELHIC“ getauft wurde. Solch eine „Reionisierungs-limitierte H-I-Wolke“ („Reionization-Limited H I Cloud“) besteht demnach aus Wasserstoffgas aus der Frühzeit des Kosmos, aber nicht genug, um die Sternentstehung einzuleiten. Die Entdeckung ermöglicht also nicht nur einen Einblick in die weiterhin rätselhafte Dunkle Materie, sondern auch in das frühe Universum und die Prozesse bei der Entstehung von Sternen und Galaxien. „In der Wissenschaft lernen wir normalerweise mehr aus den Misserfolgen als aus den Erfolgen“, meint Benitez-Llambay.

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Die Dunkle Materie gehört gegenwärtig zu den wichtigsten Themen der Physik und Astronomie, angeblich gab es jetzt einen ersten experimentellen Nachweis. Dass es sie geben muss, wurde aber auf Basis astronomischer Beobachtungen postuliert, bei denen Sternenbewegungen gemessen wurden, die sich mit der bekannten Materie und deren Gravitation nicht ausreichend erklären lassen. Insgesamt sollte es demnach fünfmal mehr Dunkle Materie im Kosmos geben als klassische. Noch mehr entfällt auf die nicht weniger rätselhafte Dunkle Energie. Gegenwärtig wird auf ganz unterschiedlichen Wegen nach den Teilchen gefahndet, aus denen sie bestehen könnten. Die Forschungsarbeit zur „Cloud-9“ ist in The Astrophysical Journal Letters erschienen.

(mho)