Kommentar zum Berliner Stromausfall: Sind jetzt alle wach?

Der Stromausfall im Berliner Südwesten hat gezeigt, welche Probleme auftreten, wenn Kritische Infrastruktur ausfällt. Höchste Zeit, zu handeln.

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Das Kraftwerk Lichterfelde, davor eine Brücke, links Äste eines großen Baumes

Das Kraftwerk Lichterfelde mit der angegriffenen KabelbrĂĽcke im Vordergrund

(Bild: Lienhard Schulz (CC BY-SA 3.0) / heise medien)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Am Anfang steht eine ganz grundsätzliche Frage: Wofür muss der Staat sorgen? Worauf müssen, worauf können Bürgerinnen und Bürger sich verlassen? Die Antwort darauf ist in vielen konkreten Fragen oft kompliziert. Doch wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, auf den sich die meisten Menschen einigen können, dann ist das die Rolle als Garant für die Überlebensfähigkeit. Der Staat muss dafür sorgen, dass Menschen grundsätzlich frei, sicher und selbstbestimmt leben können. Garantiert werden muss dafür, was nötig ist. Eine notwendige Voraussetzung: dass Kritische Infrastruktur funktioniert. Maximal heruntergebrochen also Strom, Wasser und Abwasser. Fällt nur eines dieser drei Elemente weg, werden viele andere Voraussetzungen des normalen Weiterlebens unmöglich.

Die gute Nachricht: Die Stromversorgung ist endlich wiederhergestellt, auch fĂĽr die letzten 22.000 der 50.000 betroffenen Haushalte Berlins. Die schlechte Nachricht: Viele Auswirkungen werden sich erst zeigen. Und ein GlanzstĂĽck war das, was der Staat als Garant der notwendigen Versorgung geleistet hat, definitiv nicht. Auch die beteiligten Unternehmen, teils im Landesbesitz, mĂĽssen sich vielen Fragen stellen.

Aber es geht auch um Grundsätzliches: Wie offen, wie geheim müssen wichtige Versorgungsleitungen sein? Die naheliegende Antwort für einige Akteure: Nur bei nachgewiesenem, berechtigtem Interesse sollten Infrastrukturdaten exakt herausgegeben werden. Klingt erst einmal logisch. Doch gerade die Fälle, bei denen die oder eine andere Vulkan-Gruppierung – wie viele es gibt, weiß man bislang nicht – zugeschlagen haben soll, sind Beispiel dafür, wie wenig Sinn das ergibt: Umspannwerke, der Übergang von Strommasten zu Erdkabeln oder eben auch die Querung der in Berlin zahlreichen Wasserstraßen und Schienenwege lassen sich nicht vollständig sichern. Was Politikerinnen und Politiker in diesen Tagen als Entschuldigung nutzen, ist deshalb auffallend richtig: Es kann keine absolute Sicherheit geben.

Weshalb es auf Redundanz und Resilienz ankommt. Dass ein Single Point of Failure ohne separat geführte, redundante Anbindung für Kritische Infrastruktur keine gute Basis ist, darf 2026 niemanden mehr überraschen. Natürlich ist es schwer, alle Eventualitäten zu bedenken. Denn vieles gilt heute als kritisch, was in gewisser Weise, aufgrund von Abhängigkeiten, auch korrekt ist. Doch längst nicht alles ist gleich kritisch, wie das Berlin-Beispiel ebenfalls zeigt.

Dass etwa die Fernwärmeversorgung ausfiel, lag nicht an der Fernwärme, sondern am fehlenden Strom für die Pumpstationen. Gleiches galt für die Pumpen bei Öl- und Gasheizungen: Kein Betriebsstrom heißt eben auch keine Wärme. Bei Temperaturen, die tagelang die Frostgrenze nicht überschritten, hieß das auskühlende Häuser, frierende Menschen und einfrierende Leitungen.

Besitzer von Solaranlagen mussten erleben, dass ihre Systeme keineswegs bei einem Blackout weiterlaufen: Ohne Netzsynchronisierung arbeiten viele Anlagen nicht. Nur inselfähige Systeme, die ohne externe Hilfe nach einem Herunterfahren neu starten können, konnten weiterlaufen. Etwas Linderung hatten auch solche Nutzer, die über Speicher mit Notstromsteckdose verfügen, wie bei Balkonkraftwerk-Kleinspeichern. Doch bei vier Tagen Netzausfall dürften die im Winter selten gut gefüllten Speicher bei vielen Haushalten höchstens den Kühlschrankinhalt gerettet haben.

Dass ohne Strom auch Hebeanlagen und Pumpen fĂĽr Wasser und Abwasser nur begrenzt funktionieren, dĂĽrfte einigen ebenfalls jetzt erst wirklich aufgefallen sein: Kein Strom ist ein Basisproblem.

Strom ist unerlässlich – und redundante Anbindungen sind ein Schlüssel zur Risikominderung. Ganze Generationen von Innenpolitikern hatten Bücher wie „Blackout“ dekorativ in ihren Regalen und hätten das wissen können. Auch der Vorfall in Brandenburg, der das Tesla-Werk lahmlegen sollte, hätte eine Warnung sein müssen. Dabei musste unter anderem ein Edeka-Regionallager die Arbeit einstellen – weil ohne Strom der Betrieb nicht mehr laufen konnte. Doch die Schlussfolgerungen, die gezogen wurden, waren bestenfalls mäßig. Dabei ist die einfachste: Kein Strom = funktioniert nicht. Strom muss da sein.

Das nächste Problem wird gerade etabliert: Immer mehr Systeme hängen davon ab, dass sie auch digital erreichbar sind. Der Wunsch nach intelligenten Steuerungen setzt voraus, dass ein Grundmaß an Konnektivität vorhanden ist – soweit Strom dafür zur Verfügung steht. Doch von Redundanz und Resilienz konnte auch hier keine Rede sein: Die Mobilfunkversorgung fiel ebenfalls aus, nur Notversorgung konnte sichergestellt werden. Denn die meisten Masten haben – wenn überhaupt – nur kleinere Akkus. Selbst das Festnetz fiel weitgehend aus.

Wie aber informieren sich die Menschen dann? Normalerweise gibt es dafür Kurbelradios und Ähnliches. Doch auch das klappte nur teilweise – denn der Sender Schäferberg, der Südwestberlin und Potsdam mit Fernseh- und Radiosignalen versorgt, fiel mit dem Stromausfall ebenfalls zeitweise aus. Dass dann auch noch ein Bahnstellwerk zwischen Berlin und Potsdam – offenbar nach dem Leerlaufen der Notstromversorgung – zeitweise ausfiel und dadurch eine ansonsten per Bahnstromsystem angebundene Strecke nicht mehr genutzt werden konnte, war zwar ebenfalls ein schlechtes Zeichen. Aber immerhin noch undramatisch genug, als dass der Konzern nun daraus lernen könnte. Das muss ohnehin die große Hoffnung sein, dass die Ereignisse vor allem zu schnellem Lernen führen.

Denn der Stromausfall im Südwesten der Bundeshauptstadt betraf 50.000 Haushalte. Das ist zwar eine große Menge Menschen, allerdings in einem vergleichsweise überschaubaren, relativ dicht besiedelten und gut erreichbaren Gebiet. Doch selbst unter diesen relativ guten Bedingungen dauerte es mehrere Tage, bis das Problem zumindest vorläufig behoben wurde. Vieles hat dabei funktioniert, wohl nicht zuletzt deswegen, weil Menschen in Krisensituationen doch häufiger füreinander da sind als mitunter befürchtet. An Hilfsangeboten aus dem ganzen Bundesgebiet gab es keinen Mangel.

Doch offenbar waren diejenigen, die durch die Krisenlage sicher hätten navigieren müssen, ihren Aufgaben nicht vollständig gewachsen und unterschätzten die Lage. Wer die Vorgänge bei diesem Stromausfall für ein Berliner Spezifikum hält, hat wohl nicht vollständig unrecht. Aber dass es woanders besser laufen würde, ist nicht garantiert – man denke etwa an den Beginn des Ahrtal-Krisenmanagements. Deshalb ist zu hoffen, dass nicht nur Berlin konkrete Lehren zieht.

Was wäre, wenn Russland angreifen würde? Wenn hybride Angriffe von Wegwerfagenten ausgeführt würden, angeworben über Kleinanzeigenportale und Telegram? Während bei Fragen der Verteidigungsfähigkeit, bei Raketen, Panzern, Flugzeugen und Wehrpflicht längst eine Unzahl an Lösungen präsentiert und verkauft wird, ist im Zivil- und Bevölkerungsschutz auch drei Jahre nach der Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz wenig passiert.

Ja, Feuerwehren haben neue Zivilschutzfahrzeuge erhalten, auch das THW konnte bei seinen Hilfeleistungen auf neue Möglichkeiten zurückgreifen. Doch im Fall der Fälle könnte das THW nicht überall gleichzeitig sein, die Bundeswehr wäre für Hilfeleistungen nicht verfügbar und die Bevölkerung wäre verunsicherter als sie es heute ist. Wenn es um Resilienz geht, wenn es um Redundanzen geht, dann führt das Beispiel Berlins deutlich vor Augen: Es ist noch viel zu wenig getan.

Das hat auch damit zu tun, wie Politik mit dem Thema umgeht: Krisenresilienz ist kein Thema für Bierzelte und Marktplätze. Sie kostet Geld und wird im besten Fall nicht gebraucht. Im Bundestag zeigt sich das derzeit an der Diskussion über das Kritis-Dachgesetz. Damit soll der bessere physische Schutz Kritischer Infrastrukturen gewährleistet werden.

Das ist ein wichtiges Projekt in schwierigen Zeiten. Doch die Gefahr ist groß, dass eher dem Populismus statt nachhaltigen und wirksamen Lösungen der Weg geebnet wird, dass mehr gegen Landebahnkleber unternommen wird als für tatsächliche Redundanz und Resilienz. Wenn der Landkreistag darauf hinweist, dass mit dem Gesetz nur solche „Kritischen Einheiten“ zum Schutz verpflichtet werden sollen, die mehr als 500.000 Menschen versorgen, dann ist das deutlich: Das können wir uns kaum leisten – weder als Gesellschaft noch wirtschaftlich. Der wirtschaftliche Schaden, den der tagelange Ausfall verursacht hat, wird schwer zu beziffern sein. Viele Millionen wird er jedoch in jedem Fall betragen.

Wenn Deutschlands Zeitenwende-Politiker also tatsächlich stärkere Resilienz für die Bevölkerung meinen, die vor kriegerischen, hybriden, aber auch klimawandelbedingten Großschadensereignissen schützt, dann gehen sie diese Aufgaben 2026 ernsthaft an. Denn wer an der Gesamtsituation Schuld trägt, ist offenkundig: alle Verantwortungsträger der vergangenen drei Jahrzehnte. Schuldzuweisungen helfen deshalb wenig weiter, denn Lösungen für die Zukunft sind viel wichtiger.

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Grundsätzlich zuständig sind dafür beim Zivilschutz Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), von dem so gut wie nichts in der Berliner Stromkrise zu hören war, Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU), die ebenfalls auf Tauchstation blieb, und für digitale Infrastruktur-Resilienzen Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (ebenfalls CDU). Sie hätten einiges zu tun, wenn sie es nun ernsthaft angehen wollen würden – und die Bürger nicht nur in Berlin diesen Vorfall nicht schnell ad acta legen. Bis zum nächsten Ausfall, der vielleicht noch weniger glimpflich verläuft. Derzeit jedenfalls wäre Grundverständnis für das Problem da. Selbst wenn es kostet.

(wpl)