Stromausfall in Berlin belastete Gesundheitssystem massiv

Der Stromausfall in Berlin zeigt, wie verwundbar Krankenhäuser, Praxen und Apotheken sind und warum Pflege im Bevölkerungsschutz stärker mitgedacht werden muss.

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Leerer Krankenhausflur mit StĂĽhlen

(Bild: Ground Picture / Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz hat nach Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) grundlegende Schwächen der kritischen Infrastruktur offengelegt. „Die jüngsten Ereignisse verdeutlichten die Verwundbarkeit unserer allgemeinen Infrastruktur“, erklärte ein Sprecher der DKG auf Anfrage. Dies betreffe nicht nur Angriffe auf die Stromversorgung, sondern auch „Drohnenüberflüge über Flughäfen oder Cyberattacken“.

„Es reicht daher nicht, wenn Krankenhäuser allein resilient sind“, denn Kliniken seien „zwingend auf eine funktionierende Gesamtinfrastruktur angewiesen“, so die DKG. Fällt die Stromversorgung großflächig aus, habe das „direkte Auswirkungen auf die Versorgung“. Zwar verfügten Krankenhäuser in der Regel über Notstromaggregate, diese sicherten jedoch „nur eine Grundversorgung über begrenzte Zeit“, ein vollständiger, regulärer Betrieb lasse sich damit „nicht dauerhaft gewährleisten“. Resilienz sei deshalb „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.

Ein von der DKG beauftragtes Gutachten zeigt, dass allein zum Schutz vor Cyberangriffen und Sabotage Investitionen von rund 2,7 Milliarden Euro notwendig seien. „Berücksichtigt man zusätzlich mögliche Kriegsszenarien, steigt der Investitionsbedarf im Bündnisfall auf nahezu 5 Milliarden Euro, im Verteidigungsfall sogar auf 14 bis 15 Milliarden Euro.“ Die aktuelle geopolitische Lage sowie der Anschlag in Berlin machten deutlich, dass „Resilienz und Sicherheit dauerhaft fester Bestandteil der Krankenhausstrukturen sein müssen“. Sie seien „ein wesentlicher und existenzieller Bestandteil der nationalen Daseinsvorsorge“.

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Auch die ambulante medizinische Versorgung war stark betroffen. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin lagen 205 Arzt- und Psychotherapiepraxen im Stromausfallgebiet, überwiegend hausärztliche Einrichtungen. Die KV prüft unter anderem Schäden durch ausgefallene Kühlung von Medikamenten und Impfstoffen sowie mögliche Frostschäden. Einige Praxen hatten einen eingeschränkten Notbetrieb für ihre Stammpatientinnen und -patienten eingerichtet.

Zur Absicherung der Versorgung hatte die KV Berlin ihre Notdienstpraxis am Charité Campus Benjamin Franklin zusätzlich an zwei Tagen geöffnet, hieß es von der dpa. Der mobile Hausbesuchsdienst des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes blieb im Einsatz. Gleichzeitig kam es laut dpa zu Verzögerungen, weil Verkehrsprobleme, ausgefallene Klingeln und nicht funktionierende Aufzüge den Zugang zu Patientinnen und Patienten erschweren.

Auch Apotheken waren vom Blackout betroffen. Wie die Deutsche Apotheker Zeitung berichtet, waren mehrere Apotheken im Berliner Südwesten ohne Strom. Teilweise mussten sie schließen, andernorts wurde der Betrieb improvisiert aufrechterhalten – etwa durch händische Dokumentation der Arzneimittelabgabe oder durch das Auslagern kühlpflichtiger Medikamente. Einzelne Apotheken konnten dank eigener Notstromsysteme weiterarbeiten und wurden zeitweise zu Anlaufstellen für Anwohner.

Der Stromausfall hat darüber hinaus eine breitere Debatte über Bevölkerungsschutz ausgelöst. DRK‑Präsident Hermann Gröhe beklagte laut dpa fehlende Investitionen in den Zivil- und Katastrophenschutz. Auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, mahnte, das Gesundheitssystem sei auf größere Krisen- oder Angriffsszenarien nicht ausreichend vorbereitet.

Am Ende rückt die Pflege in den Fokus. Der massive Stromausfall hat nach Einschätzung des Deutschen Pflegerats gravierende Defizite im Bevölkerungsschutz sichtbar gemacht – insbesondere mit Blick auf pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen. „Wenn der Strom ausfällt, geht es für viele pflegebedürftige Menschen um ihre Existenz, Sicherheit und Versorgung“, sagte DPR‑Präsidentin Christine Vogler. Zwar seien die 74 betroffenen Pflegeeinrichtungen inzwischen wieder mit Strom versorgt, doch der Vorfall habe gezeigt, wie abhängig Pflege von funktionierender Infrastruktur ist – von Strom für Beatmungs- und Hilfsmittel über Heizung und Medikamente bis hin zur Erreichbarkeit ambulanter Dienste.

Besonders belastend sei die Situation für Menschen in häuslicher Pflege und ihre pflegenden An- und Zugehörigen gewesen. In vielen Haushalten habe die Verantwortung plötzlich bei wenigen Personen gelegen, teils ohne ausreichende Informationen oder erreichbare Unterstützung. Der Pflegerat fordert daher, pflegerische Expertise sowie die Perspektive pflegender Angehöriger systematisch in den Bevölkerungsschutz einzubinden und entsprechende Strukturen dauerhaft zu verankern.

(mack)