OpenAI vor dem Börsengang: Der teuerste Traum der Tech-Geschichte?

Das vielleicht größte IPO der Tech-Historie wirft seine Schatten voraus, wie ein Aktienpool von OpenAI zeigt. Doch das dürfte kein Spaziergang werden.

vorlesen Druckansicht 18 Kommentare lesen
OpenAI-Schriftzug und Umrisse von Personen, die an einem Tisch sitzen, wobei eine Person am Kopf des Tisches sitzt und eine steht.

(Bild: kovop / Shutterstock.com)

Lesezeit: 7 Min.
Inhaltsverzeichnis
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

OpenAI steht sinnbildlich für den KI-Boom der 2020er-Jahre. Doch je größer die Erwartungen, desto fragiler wird das Narrativ. Ein Mega-Börsengang zeichnet sich ab – vielleicht schon 2026, womöglich erst 2027. Sicher scheint bislang nur eines: Wenn OpenAI an der Wall Street debütiert, wird dies kein gewöhnliches IPO, sondern ein Stresstest für den gesamten KI-Trade.

Interne Bewertungsdiskussionen reichen von 500 Milliarden US-Dollar bis hin zu einer Billion Dollar. Damit würde OpenAI aus dem Stand in die Liga der zwanzig wertvollsten Konzerne der Welt aufsteigen und in die Dimensionen von Oracle, Samsung oder Tencent vorstoßen. Für ein Tech-Unternehmen, das kaum zehn Jahre alt ist, hochdefizitär arbeitet und sich in einem technologischen Rüstungswettlauf befindet, ist das mehr als ambitioniert.

OpenAI-CEO Sam Altman selbst äußerte sich zuletzt auffällig unenthusiastisch. „Bin ich begeistert davon, CEO eines börsennotierten Unternehmens zu sein? Null Prozent“, sagte Altman jüngst im „Big Technology“-Podcast. Öffentliche Märkte könnten zwar Wert schaffen, räumte er ein – doch die Nebenwirkungen eines Lebens als Public-Company-CEO seien „ziemlich nervig“.

Es ist eine bemerkenswerte Aussage. Während Tech-Gründer den Börsengang sonst als Krönung inszenieren, klingt Altman eher wie ein Manager, der weiß, dass ihm die Börse bald keine Ausreden mehr durchgehen lässt. Quartalsberichte, hundertprozentige Transparenz, kritische Analystenfragen – all das passt nur bedingt zu einem Unternehmen, das bislang vor allem von Vision, Tempo und enormem Kapitalzufluss lebte. Gleichzeitig deutet alles darauf hin, dass OpenAI kaum eine Wahl hat. „Wir brauchen sehr viel Kapital“, gibt Altman zu. Irgendwann werde man „alle Shareholder-Limits reißen“. Übersetzt: Die privaten Finanzierungsquellen stoßen an ihre Grenzen.

Ein zentrales Signal lieferte OpenAI bereits im vergangenen Herbst: Ein Aktienpool für Mitarbeiter in Höhe von zehn Prozent des Unternehmens wurde eingerichtet – bei einer damaligen Bewertung von rund 500 Milliarden Dollar. Allein dieses Paket entspricht einem Wert von etwa 50 Milliarden Dollar. Zusammen mit bereits vergebenen Aktien summiert sich die Mitarbeiterbeteiligung auf rund 26 Prozent des Unternehmens.

Die Größenordnung ist historisch. Zum Vergleich: Meta gab zwischen 2020 und 2025 rund 66 Milliarden US-Dollar für Aktienvergütung aus – bei einem Umsatz, der ein Vielfaches von OpenAI betrug. OpenAI hingegen zahlt im Schnitt rund 1,5 Millionen Dollar aktienbasierte Vergütung pro Mitarbeiter – Talentbindung um jeden Preis.

Doch diese Strategie bleibt nicht ohne Risiken. Aktienvergütungen verwässern bestehende Anteile. Börsennotierte Konzerne kompensieren das oft mit Aktienrückkäufen. OpenAI hingegen wird sich solche finanziellen Manöver, die von reifen Konzernen oder Big Techs wie Apple, Microsoft oder Meta bekannt sind, in absehbarer Zeit kaum leisten können. Das kalifornische Unternehmen verbrennt Milliarden und plant Investitionen, die selbst für Big-Tech-Verhältnisse absurd wirken.

OpenAI will im abgelaufenen Geschäftsjahr rund 20 Milliarden Dollar erlöst haben und strebt bis 2030 „hunderte Milliarden“ Jahresumsatz an. Gleichzeitig stehen Verpflichtungen von bis zu 1,4 Billionen US-Dollar für Rechenzentrumsprojekte über die kommenden acht Jahre im Raum. Aktuell wird erwartet, dass die ChatGPT-Mutter allein in den nächsten drei Jahren bis 2029 mehr als 115 Milliarden Dollar an Cash verbrennen wird.

Frisches Kapital sichert sich OpenAI unterdessen am Sekundärmarkt. In der jüngsten Finanzierungsrunde will das KI-Unternehmen 100 Milliarden Dollar einsammeln – bei einer Bewertung von bis zu 830 Milliarden Dollar. SoftBank allein hat sich dabei bereits zu einem Investment in Höhe von 30 Milliarden Dollar bekannt und dafür sogar Nvidia-Aktien verkauft. Weitere Mittel sollen von Staatsfonds kommen, unter anderem aus dem Nahen Osten.

Seit dem Launch von ChatGPT im November 2022 galt OpenAI als uneinholbarer Taktgeber im KI-Wettlauf. Diese Dominanz ist im vergangenen Jahr zunehmend erodiert. Googles Gemini-Modelle haben massiv aufgeholt. Anthropic gewinnt zudem Marktanteile im Enterprise-Segment. Gleichzeitig kommen aus China leistungsfähige Modelle wie DeepSeek zu einem Bruchteil der Kosten.

Intern reagiert OpenAI nervös. Sam Altman soll mehrfach „Code Red“ ausgerufen haben – eine interne Alarmstufe, die verdeutlicht, wie ernst die Konkurrenz genommen wird. Besonders Alphabet dürfte dem KI-Emporkömmling gefährlich werden. Kein anderer Big-Tech-Konzern vereint derart viel KI-Talent, Datenzugang und Infrastruktur unter einem Dach.

Auffällig ist zudem, wie stark OpenAI zuletzt auf Marketing setzt. Zum zweiten Mal in Folge schaltet das US-Unternehmen im Februar einen Super-Bowl-Spot – Kostenpunkt: mehrere Millionen Dollar für 60 Sekunden Sendezeit. Dass es OpenAI trotz 800 Millionen wöchentlicher Nutzer als nötig erachtet, derart aggressiv in klassischen Medien zu werben, kann durchaus als ein Warnsignal gedeutet werden.

Marketing-Professor und Tech-Analyst Scott Galloway sieht OpenAI unterdessen in diesem Jahr am Scheideweg angekommen. Für den Bestseller-Autor („The Four“) ist OpenAI der neuralgische Punkt des gesamten KI-Trades. Sollte das Unternehmen scheitern, gebe es am ganzen US-Aktienmarkt „nirgendwo mehr einen sicheren Hafen“. KI habe 80 Prozent der Börsengewinne seit 2022 getragen – OpenAI steht im Zentrum des AI-Hypes.

Videos by heise

Galloway spricht von einem möglichen „Narrative Shock“: Der Moment, in dem Investoren erkennen, dass das KI-Wachstumsversprechen nicht aufgeht, könnte die Blase zum Platzen bringen. „OpenAI könnte damit das Netscape unserer Zeit sein: Der Pionier, der seinen Moment im Rampenlicht genießt und anschließend doch von einem etablierten Giganten verdrängt wird“, schlussfolgert Galloway. Zur Erinnerung: Netscape dominierte in den 90er-Jahren mit seinem Browser das frühe Internet – bis Microsoft mit dem Explorer und vor allem seinem Ökosystem schnell aufholte.

Auch für Nvidia, Microsoft, Oracle und AMD steht am Ende viel auf dem Spiel. Ihre Bewertungen hängen am KI-Narrativ – und an Kunden wie OpenAI. Platzt diese Story, wird es ungemütlich. Das OpenAI-IPO dürfte damit zum Referendum über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz als Geschäftsmodell werden. Kann ein Start-up mit extremen Kapitalanforderungen, unklarer Profitabilität und wachsendem Wettbewerb dauerhaft Milliardenrenditen liefern? OpenAI wächst rasant, prägte den Zeitgeist des KI-Hypes der vergangenen drei Jahre und verfügt aktuell über enorme Ressourcen. Doch je näher der Börsengang rückt, desto weniger zählen Visionen und desto mehr der Weg zur Profitabilität.

(emw)