Missing Link: Die Vertreibung der Milliardäre aus dem Silicon Valley?
Der California Effect, ähnlich dem europäischen Brüssel-Effekt, sorgt immer wieder für Kritik. Das hat das Silicon Valley verändert, und wird es weiterhin tun.
(Bild: Daniel AJ Sokolov)
Ob es tatsächlich zu einer Ratifizierung des Gesetzes kommt, bleibt allerdings abzuwarten. Erst einmal müsste es durch ein Volksbegehren im November 2026 zur Wahl gestellt werden. Damit dies geschieht, müssten mehr als 900.000 Unterschriften gesammelt werden. Doch bereits jetzt hat die Diskussion dafür gesorgt, dass einige Milliardäre und ihre Firmen Kalifornien den Rücken gekehrt haben. Die beiden Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page beispielsweise haben zahlreiche Firmen nach Nevada und Florida verlegt – darunter jene Firmen, die ihre Yachten und Anteile an einem privaten Flughafenterminal verwalten. Auch der bekannte Investor Peter Thiel hat seine Firma „Thiel Capital“ als direkte Konsequenz nach Miami verlegt.
Corona, Regulierung und ideologische Differenzen
Seit Jahren kommt es bereits zu hochkarätigen Abwanderungen. Einer der wohl bekanntesten Umzüge aus Kalifornien dürfte die Verlegung des Tesla-Hauptquartiers aus dem Silicon Valley nach Austin in Texas sein. Die Stadt trägt bereits seit Anfang des Jahrtausends den Namen „Silicon Hills“. Nachdem Elon Musk selbst bereits im Jahr 2020 aus Los Angeles nach Austin gezogen war, folgte auch das Hauptquartier des Autobauers im Jahr 2021 endgültig. Zuvor hatte es eine Auseinandersetzung zwischen dem Milliardär und dem Staat über eine Fabrikschließung während der Corona-Pandemie gegeben.
Im selben Jahr zog auch der Software-Gigant Oracle von Kalifornien nach Austin. Als Grund nannte der Konzern damals, dass die flexibleren Arbeitsbedingungen ein groĂźes Hauptquartier in Kalifornien ĂĽberflĂĽssig machen wĂĽrden. GrĂĽnder und CEO Larry Ellison verlegte seine eigene Residenz nach Hawaii.
Weniger dramatisch begründete Hewlett Packard Enterprises damals seinen Umzug nach Houston in Texas. Man flüchte vor den astronomischen Immobilienpreisen und wolle eine bessere Basis, um Talente rekrutieren zu können. Im Silicon Valley sind die Lebensunterhaltungskosten enorm.
Chevron, SpaceX und Twitter-Nachfolger X verlegten im Jahr 2024 ihre Hauptquartiere nach Texas. Neben der strikten regulatorischen Umgebung Kaliforniens sorgte ein weiteres Gesetz für den Umzug der beiden Unternehmen aus Musks Imperium. Das Gesetz „AB 1955“ verbietet es Angestellten einer Schule, die sexuelle Orientierung eines Kindes ohne dessen Zustimmung öffentlich zu machen. Elon Musk bezeichnete das Gesetz auf X sinngemäß als den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eine seiner eigenen Töchter ist transgeschlechtlich.
Auch Palantir zog 2020 nach Denver in Colorado. In den Papieren zum Börsengang schrieb das Unternehmen damals: „Die Ingenieurselite des Silicon Valley mag mehr über die Entwicklung von Software wissen als die meisten anderen. Aber sie weiß nicht mehr darüber, wie die Gesellschaft organisiert sein sollte oder was Gerechtigkeit erfordert.“
Tech-Landkarte diversifiziert sich
Der US-Bundesstaat, der am stärksten von der Migration profitiert, ist Texas. Von 135 Firmen, die in den vergangenen Jahren ihr Hauptquartier dorthin verlegten, kamen 41,8 Prozent aus Kalifornien, zeigt der Bericht eines Immobilienunternehmens. Besonders profitiert hat dabei das sogenannte „Texas Triangle“, zwischen Dallas-Fort Worth, San Antonio/Austin und Houston. In Austin allein arbeiten 16,44 Prozent der Bevölkerung im Tech-Sektor, wobei fast 24 Prozent von ihnen im Sales-Bereich tätig sind. Die Region deckt dabei hauptsächlich Bereiche wie Fintech und die Halbleiter-Branche (Texas Instruments) ab, während in Houston besonders Firmen aus dem Energiesektor und Logistik-Bereich ansässig sind.
Im Gegensatz zur eher Hauptquartier-lastigen Region um Dallas, profitiert außerdem auch Phoenix in Arizona als einer der Produktionsstandorte von Halbleitern. Zu den ansässigen Firmen gehören neben Intel auch TSMC. Beide Regionen haben dabei vom „California Environmental Quality Act“, kurz CEQA, profitiert. Der zusätzliche regulatorische Aufwand erschwert die schnelle Fertigstellung von Projekten. Rund um Phoenix finden sich zudem einige Greentech-Unternehmen, zu denen ursprünglich auch Meyer Burger und Nikola gehörten. Beide Firmen sind mittlerweile allerdings insolvent.
Im benachbarten Utah verwandelt sich die „Silicon Desert“ nicht nur in die „Silicon Slopes“, auch die ansässigen Branchen verändern sich. Rund um Salt Lake City finden sich besonders Firmen aus dem Software-As-A-Service-Bereich sowie dem Fintech-Sektor. Zu den bekannteren Namen gehören beispielsweise Qualtrics (Hauptquarier in Provo, Utah) sowie große Niederlassungen von Adobe, Microsoft und Oracle.
Auch Colorado profitiert vom Geschäftsumfeld in Kalifornien. So hat sich Colorado Springs in den letzten Jahren als Cybersecurity-Hotspot etabliert. Maxar Technologies, eine Firma aus dem Feld der Radar- und Satelliten-Technologie verlegte ihren Firmensitz im Zuge eines Firmenzukaufs von Kalifornien nach Colorado.
Ein weiterer Bundesstaat, der dank seiner niedrigen Steuern in den vergangenen Jahren eine hohe Firmenzuwanderung erlebt hat, ist Florida. Besonders Investoren wie Peter Thiel und Firmen aus dem Crypto/Web3 und Fintech-Bereich zieht es in den Sunshine State. Eine besondere Rolle spielen dabei die Einkommens- und Kapitalertragssteuer. Während Kalifornien Kapitalerträge als reguläres Einkommen mit bis zu 13,3 Prozent besteuert, wird beides in Florida überhaupt nicht besteuert.
Washington State, Heimat großer Cloud-Anbieter wie Microsoft, Amazon Web Services und F5 Networks, kann keine Umzüge aus Kalifornien für sich verbuchen. Allerdings haben ohnehin schon viele der großen Anbieter, nebst den genannten, Vertretungen in Seattle und Umgebung. Dazu gehören sowohl Google und Meta als auch Oracle.
Zu weiteren wichtigen Tech-Hubs zählen Boston, mit Firmen wie Boston Dynamics, und New York. Dort haben bedeutende Tech-Firmen wie Google, Microsoft, Amazon und auch SAP große Niederlassungen. Dabei gilt der Staat als einer der Fokuspunkte für Berufseinsteiger. Rund 26 Prozent der dort Arbeitenden besetzen Junior-Positionen. Dem stehen knapp 56 Prozent mit einer Senior-Stelle gegenüber.
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Das Ende des Silicon Valley?
Muss sich Kalifornien, die laut Governor Gavin Newsom viertgrößte Marktwirtschaft der Welt ist, also Sorgen als bedeutender Standort machen? Mitnichten. Gerade im KI-Boom der letzten Jahre konnte sich das Silicon-Valley als absoluter Hotspot re-etablieren. Knapp sieben Prozent der Büroflächen werden allein durch KI-Firmen belegt. Eine ähnliche Entwicklung spiegelt auch der Jobmarkt wider. Ausschreibungen im KI-Bereich stiegen von 20 Prozent Mitte 2022 auf 42 Prozent im Juni 2025. Zudem fanden 70 Prozent der gesamten KI-Risikokapitalfinanzierung von 2019 bis heute ihren Weg in das Silicon Valley. Insgesamt konnten Startups aus Kalifornien rund 49 Prozent des gesamten Risikokapitalmarkts für sich beanspruchen, schreibt Carta, ein Unternehmen für Eigenkapitalmanagement.
Die momentanen Entwicklungen sprechen eher für das Entstehen eines „Hub-and-Spoke“-Modells, nachdem die Firmen ihre Hauptquartiere an Standorten mit niedrigen oder keinen Steuern haben. Ihre übrigen Standorte hingegen orientieren sich an der Verfügbarkeit von Talenten. Denn vollständig aus dem Silicon Valley zurückgezogen haben sich nur wenige Firmen. Gesetzt hat sich der Markt ohnehin nicht. Sowohl in Austin als auch in Houston kam es in 2024 zu einem Rückgang der Mitarbeiterzahl bei von Risikokapital finanzierten Startups von sechs beziehungsweise knapp 11 Prozent.
Und der „Billionaire Tax Act“? Sollte dieser zur Wahl gestellt werden, so hat Governor Newsom in einem Interview mit der New York Times bereits angekündigt, dafür zu sorgen, dass der Gesetzesentwurf abgelehnt wird. Andere Milliardäre sehen die Diskussion eher gelassen. „Wir haben uns entschieden, im Silicon Valley zu leben“, sagte Nvidia-CEO Jensen Huang in einem Bloomberg–Interview. „Und welche Steuern sie auch immer erheben möchten, so sei es.“ Er mache sich keine Sorgen, er sei darauf fokussiert, die Zukunft der KI zu entwickeln. Genau deswegen sei Nvidia im Silicon Valley: Die Talente seien dort. Bleibt abzuwarten, was passiert, falls die KI-Blase platzt.
(emw)