Kommentar: Entwickler, wacht auf – oder verliert euren Job
Wer als Developer relevant bleiben will, muss jetzt handeln und sich mit Softwarearchitektur beschäftigen, meint Golo Roden.
(Bild: sdecoret/Shutterstock.com)
- Golo Roden
Noch vor wenigen Jahren galten KI-gestützte Programmierwerkzeuge als nette Spielerei. Das hat sich grundlegend geändert. Copilot, Claude, Codex und Co. schreiben heute Code, der funktioniert – nicht immer perfekt, aber in der Regel durchaus brauchbar. Sie generieren Unit-Tests, erstellen Dokumentation und schlagen Refactorings vor. Die Entwicklung beschleunigt sich rasant. Und wer glaubt, nicht betroffen zu sein, täuscht sich.
Was KI kann – und was nicht
Wichtig dabei: KI-Systeme arbeiten auf der Ebene von Syntax und Mustern. Sie erkennen wiederkehrende Strukturen und reproduzieren sie mit beeindruckender Geschwindigkeit. FĂĽr Standardaufgaben reicht das oft aus, beispielsweise, um eine REST-API aufzusetzen, eine Datenbankanbindung zu schreiben oder ein Formular zu validieren.
KI versteht jedoch nicht, warum etwas so ist, wie es ist. Sie kennt keine Zielkonflikte zwischen Performance und Wartbarkeit. Sie weiß nicht, welche Entscheidungen in sechs Monaten teuer werden. Sie hat kein Gespür dafür, wie eine Architektur zur Organisation passt. Und sie kennt die ungeschriebenen Regeln der Fachdomäne nicht, jene Logik, die in keinem Pflichtenheft steht, aber über Erfolg oder Scheitern eines Projekts entscheidet.
Die unbequeme Wahrheit
Das bedeutet, dass sich die Wertschöpfung in der Softwareentwicklung verschiebt, weg von der reinen Umsetzung, hin zur Konzeption. Das ist keine düstere Prophezeiung, sondern bereits Realität. Wer heute hauptsächlich Code runterschreibt, ohne tieferes Verständnis für das Gesamtsystem, macht sich mittelfristig ersetzbar.
Videos by heise
Doch was bleibt, ist Architektur. Architektur bedeutet dabei jedoch nicht, UML-Diagramme zu zeichnen oder ähnliches. Architektur bedeutet, die Entscheidungen zu treffen, die später schwer zu ändern sind: Wie schneiden wir unsere Services? Welche Abhängigkeiten gehen wir ein? Wo ziehen wir die Grenzen zwischen Modulen? Diese Fragen erfordern Kontextwissen, Erfahrung und Urteilsvermögen. Das sind alles Dinge, die sich nicht aus Trainingsdaten ableiten lassen.
Jetzt handeln
Und das bedeutet: Die Zeit, sich mit Architektur zu beschäftigen, ist nicht „irgendwann, wenn ich mal Zeit habe“. Sie ist jetzt. Wer wartet, bis die KI-Tools noch besser werden, wartet zu lange.
Das heißt konkret: Abstraktionsfähigkeit entwickeln, Systemdenken üben, Domänenwissen aufbauen, statt nur Tickets abzuarbeiten. Entwicklerinnen und Entwickler müssen lernen, warum die eine Entscheidung getroffen wurde, und nicht nur, wie der Code aussieht.
Developer, die diese Fähigkeiten mitbringen, werden wertvoller, nicht weniger wert. Sie werden zu denjenigen, die KI-Werkzeuge effektiv einsetzen und deren Ergebnisse kritisch bewerten können. Sie werden die Architekten und Architektinnen sein, die Systeme gestalten, während die reine Codierung zunehmend automatisiert wird.
Mit anderen Worten: Wer als Developer seinen Job behalten will, muss sich jetzt mit Architektur beschäftigen. Ein guter Ort dafür ist die Konferenz zur Softwarearchitektur, die OOP 2026. Sie vermittelt, wie Entwicklerinnen und Entwickler Softwareprojekte strategisch gestalten, statt nur zu coden.
(rme)