Zahlen, bitte! Club-Hits in 3½ Zoll – Fatboy Slim und sein Atari ST

Der weltbekannte DJ und Produzent Fatboy Slim hat seine größten Hits auf einer Hardware der 1980er produziert: dem Atari ST 520. Wir blicken zurück.

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Ende 2025 erschien „The Satisfaction Skank“ ein Mash-up zwischen den Hits „Satisfaction“ von den Altrockern der Rolling Stones und „The Rockafella Skank“ des englischen DJs und Produzenten Fatboy Slim.

So richtig neu ist der Song an sich nicht: Die Stones um den Sänger Mick Jagger verweigerten ein Vierteljahrhundert ihre Zustimmung zur Veröffentlichung, sodass er nur als Bootleg herumgeisterte, bis sie ihren Widerstand aufgaben und zusammen mit Fatboy Slim veröffentlichten.

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Der Song beinhaltet aber noch eine Kuriosität, die vor allem Retro-Fans aufhorchen lässt: Er entstand auf einem Atari 520 ST – Der Homecomputer, der vor 41 Jahren auf den Markt kam und mit dem Commodore Amiga um die Homecomputer-Krone rang.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Und der ST war nicht nur in diesem einen Fall der Ausgangspunkt: Er war entscheidender Bestandteil zur Produktion der größten Hits von Fatboy Slim. Amiga-Nerds müssen daher ganz stark sein: Der legendäre DJ – dem man nun wirklich nicht nachsagen kann, dass er langweilig sei – ist Atari-Fan. Doch wie entstand Fatboy Slim?

Norman Cook kam am 31. Juli 1963 im Londoner Stadtteil Bromley auf die Welt. Erste Musikerfahrungen sammelte er als Bassist der Indie-Rock-Band The Housemartins (größter Hit: „Caravan of Love“) von 1986 bis zu ihrer Auflösung zwei Jahre später.

In der Zeit zog ein Atari 520 ST nebst Akai S-950-Sampler ins Studio ein. Aufgrund seiner serienmäßigen Midi-Schnittstelle etablierte sich der Atari ST in Musikstudios und das Gespann war ein klassisches Set-Up in Musikproduktionen dieser Zeit.

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Cook gründete die Band Beats International, die mit „Dub Be Good to Me“ im Jahr 1990 einen Nummer-1-Hit in den britischen Chats landeten, die es sogar in der Bundesrepublik auf Platz 4 schaffte. Da die nachfolgenden Singles nicht annähernd an den Erfolg anknüpfen konnten, war 1992 nach zwei Alben schon wieder Schluss.

Danach erschienen unter den Namen wie Mighty Dub Katz oder Pizzaman in der Mitte der 1990er Jahre verschiedene Dance- und House-Songs unter seiner Beteiligung.

Erstmals unter dem Namen Fatboy Slim trat Cook 1996 auf. Das Debütalbum „Better Living Through Chemistry“ hatte schon im Cover einen Bezug zum Atari: Zu sehen ist die Rückseite einer 3½-Zoll-Diskette, natürlich Double Density, wie sie auch im Atari zum Einsatz kamen.

Mit dem zweiten Album „You’ve Come a Long Way, Baby“ erschien 1998 Fatboy Slims endgültiger Durchbruch: mit „The Rockafeller Skank ", " Gangster Tripping ", „Praise You " und „Right Here, Right Now“ waren gleich vier sehr erfolgreiche Songs auf der Scheibe.

Zusammen mit den Chemical Brothers und The Prodigy dominierte Fatboy Slim zu der Zeit das Big-Beat-Genre, das sich vor allem durch schnelle und verzerrte Drumbeats auszeichnete. Im Jahr 2000 war der Big Beat schon wieder Out – im neuen Jahrtausend suchten die Clubgänger neue Sounds. Zu dem Zeitpunkt war die Zeit des Atari ST aber ohnehin schon länger aus der Mode.

Dessen Höhepunkt war zweifelsohne am 14. Juli 1990, als der Synthesizer-Ikone Jean-Michel Jarre in Paris La Défense vor geschätzt bis zu 2,5 Millionen Menschen ein Konzert gab und auf der riesigen Bühne insgesamt 11 Atari Mega ST sichtbar ihren Dienst taten.

Trotz dieses Product-Placements verlor der ST mit der immer größeren Verbreitung von IBM-PCs und der Amiga-Konkurrenz schnell an Marktanteilen und verschwand Mitte der 1990er vom Markt. Danach war er aber noch lange in Studios vertreten, was nicht zuletzt an der leistungsfähigen Software wie Creator/Notator Logic oder Cubase lag.

Der 520 ST, so wie Atari ihn schuf, Laufwerk und dem, für die damalige Zeit hochauflösenden, Monochrom-Monitor ST124.

(Bild: Felix Winkelnkemper, CC BY-SA 4.0)

Fatboy Slim war danach noch als Musiker, Produzent und DJ produktiv und produzierte Hits wie „Weapon of Choice“, dessen Video reihenweise Preise abräumte. Seinem Studio-Set rund um den Atari 520 blieb er lange treu: Erst 2012 wechselte er auf ein MacBook Pro und das nicht ganz freiwillig: Das Management und die mit ihm arbeitenden Musiker drängten Cook auf das Upgrade in die Gegenwart.

Im launigen Podcast von The Retro Hour gab er zu, dass er bis heute mehr Ahnung von seinen Ataris als von Laptops habe. Er kennt seinen 520 ST sogar so genau, dass er an einem kleinen Bildschirmflackern erkannte, wenn beim Atari ein Absturz unmittelbar bevorstand, er dadurch aber noch Zeit hatte, das Projekt abzuspeichern.

Ein Gamer ist er so aber nicht: Nach eigenen Worten spielte Fatboy Slim sein letztes Spiel 1982 in einem Pub. Das Spiel war Galaxian.
Ihn ärgert auch, dass Hersteller von Software einmal alles richtig machen, sodass es für ihn passt, sie aber mit der neuen Version alles neu erfinden mit Funktionen, die er weder brauche noch haben will. Deswegen nutzt er Software oft, bis das Betriebssystem sie nicht mehr unterstützt.

Auf jeden Fall ist er seinem Atari ST dankbar. Als er 2012 allmählich mit dem aktiven Disketten jonglieren aufhörte und zum MacBook Pro wechselte sagte er musicradar gegenüber:

„Ich mache seit über 20 Jahren Musik auf dem Atari. Die meisten Electro-Musiker eines bestimmten Alters haben wahrscheinlich genauso angefangen – mit dem Atari und dem S950. Mit nur diesen beiden Geräten und einem Mischpult konnte man einen Song produzieren. So habe ich „You've Come A Long Way, Baby“ gemacht. Der Atari und die Akais haben mir dieses Haus gekauft. Sie haben mein Leben verändert.“ Der 2013 erschienene Song „Eat Sleep Rave Repeat“ war bis 2025 der letzte Track, der mit dem Atari-Set erstellt wurde.

Das Atari-Set ist allerdings heute noch einsatzbereit. Cook hat sogar mehrere Ataris in petto, für den Fall, dass sein Arbeitsgerät mal das Zeitliche segnen sollte – was er bisher vermeiden konnte. Stattdessen hat der ST im Jahr 2025 noch einmal richtig Oldschool „Satisfaction Skank“ produziert.

(mawi)