Dänischer US-Boykott: Apps sortieren Waren im Supermarkt aus
Viele Dänen haben eine große Wut auf die USA – und lassen die beim Einkaufen raus. Mit Hilfe von Apps vermeiden sie gezielt amerikanische Produkte.
In Dänemark
(Bild: f.t.Photographer / Shutterstock.com)
- Andreas Floemer
- mit Material der dpa
Die Wut auf die USA angesichts des Grönland-Konflikts verleitet die Dänen zum Boykott im Supermarkt. Was aus den USA stammt, landet bei vielen nicht mehr im Einkaufswagen. Mit Apps können die Dänen Lebensmittel jetzt auf ihre Herkunft scannen.
Gemeinsam mit seinem Freund Malthe Hensberg hat der 21 Jahre alte Däne Jonas Pipper die App „UdenUSA“ („OhnedieUSA“) entwickelt. Die Idee war den beiden schon im vergangenen Jahr gekommen, als US-Präsident Donald Trump erstmals ernsthaft damit drohte, Grönland zu übernehmen.
Viele Dänen wollen US-Waren boykottieren
Aus einer Welle des Protests in Dänemark entstand damals die Facebook-Gruppe „Boykottiert Waren aus den USA“, in der sich Dänen dazu austauschen, wie sie amerikanische Produkte am besten meiden können. Inzwischen hat die Gruppe mehr als 100.000 Mitglieder. Zur Einordnung: Dänemark hat rund sechs Millionen Einwohner.
„Wir haben gemerkt, dass es vielen wichtig war, auf Lebensmittel aus den USA zu verzichten“, sagt App-Entwickler Pipper der Deutschen Presse-Agentur. „Aber es ist nicht immer so leicht, die im Supermarkt auch zu erkennen.“ Für einen Großeinkauf müssen Nutzerinnen und Nutzer die kostenpflichtige App erstehen, die monatlich umgerechnet etwa 2,50 Euro (19 dänische Kronen) kostet. Die kostenlose Version erlaubt nur zwei bis fünf Scans am Tag.
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App kommt auf den ersten Platz im App-Store
Außerdem schlage die App Alternativen zu US-Produkten vor, damit Verbraucher stattdessen europäische Unternehmen unterstützen könnten. Die Idee scheint auf Anklang zu stoßen: Im dänischen App-Store lag „UdenUSA“ am Mittwoch auf Platz 1 der Download-Hitliste der kostenlosen Apps. Für Android soll die App laut den Entwicklern bald auch in Googles Play Store angeboten werden.
Schon im vergangenen Jahr hatte es in Dänemark Initiativen gegeben, mit denen die Dänen ein Zeichen gegen Trumps Handelspolitik setzen wollten – so hatten zum Beispiel einige dänische Supermarktketten Waren europäischer Produzenten mit einem Stern auf dem Preisschild gekennzeichnet.
Bringt der Boykott etwas?
Unklar ist aber, was für einen Effekt solch ein Boykott haben kann. Denn die dänische Volkswirtschaft ist vergleichsweise klein – und nur wenige Lebensmittel kommen direkt aus den USA. Selbst wenn ein relevanter Teil der dänischen Konsumenten US-Produkte meide, dürfte dies kaum ausreichen, um spürbare wirtschaftliche oder politische Wirkungen zu entfalten, sagt Sascha Raithel, Professor für Marketing an der Freien Universität Berlin.
„Größere Boykott-Bewegungen bilden sich üblicherweise erst dann, wenn ein abgelehntes Ereignis nicht bloß angedroht wird, sondern tatsächlich eintritt beziehungsweise eingetreten ist“, sagt Jan Landwehr, Professor für Marketing an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Kleinere Boykotte könnten in gewissen Gruppen aber bereits jetzt auftreten. Dabei komme es aber auch darauf an, ob die Produkte leicht zu ersetzen seien, sagt Katharina Gangl, Direktorin für Studien am Nürnberg Institut für Marktentscheidungen.
Dänen wollen ihrem Ärger Luft machen
Für viele Verbraucher sei die bewusste Entscheidung gegen US-amerikanische Lebensmittel einfach eine Art, ihrem Ärger Luft zu machen, sagt der Verhaltensforscher Pelle Guldborg Hansen von der Universität Roskilde dem dänischen Rundfunk.
„Viele Menschen sehen Nachrichten und ärgern sich über etwas – und in diesem Fall geht es auch noch um uns und um Grönland“, so der Forscher. „Da möchte man einfach irgendetwas gegen seine Wut unternehmen. Und sei es noch so klein.“
Apps nutzen US-Dienste
Kurios ist an der dänischen App jedoch, dass man mit ihr US-Produkte im Supermarkt erkennt, unter der Haube steckt dennoch allerlei US-Know-how drin. Denn in der App kommen laut den Datenschutzinformationen diverse US-Produkte zum Einsatz. Für die Produkterkennung sendet das Start-up Bilder zur Analyse an OpenAI, für die Auswertung von Nutzungsdaten und App-Konfiguration kommt Googles Firebase zum Einsatz. Die Abonnementverwaltung und Zahlungsabwicklung werden vom US-Unternehmen Superwall übernommen.
Ähnlich verfahren letztlich auch die weiteren Alternativen wie die App der gemeinnützigen Organisation Open Food Facts oder Buy European. Beide nutzen zur Produkterkennung OpenAIs Dienste.
Womöglich haben die App-Anbieter jedoch hier kaum geeignete Alternativen zu den genannten US-Diensten gefunden. Für Konsumentinnen und Konsumenten erfüllen sie zumindest den Zweck, beim täglichen Einkauf US-Produkte zu erkennen. Dafür verwenden sie letzten Endes auch Smartphones, deren Soft- beziehungsweise Hardware wie das iPhone in den USA entwickelt oder designt wurde.
(afl)