„AI eats Software“: Warum SaaS-Aktien an der Wall Street crashen
Mitten in der KI-Hausse schmieren die Aktien von Softwareherstellern ab. Die Anteilsscheine von Adobe, Oracle & Co. haben sich halbiert, Microsoft schwächelt.
(Bild: Artit Wongpradu/Shutterstock.com)
Microsofts ungewohnte Schwächephase ist mehr als eine Randnotiz. Denn tatsächlich spielt sich das eigentliche Tech-Drama derzeit eine Reihe hinter dem „Magnificent Seven“ ab – bei jener Software-Aristokratie, die über ein Jahrzehnt hinweg massive Kurszuwächse verbuchen konnte. Oracle, Adobe, Salesforce, ServiceNow, DocuSign, Workday und auch SAP: Die einstigen Börsenlieblinge befinden sich plötzlich im freien Fall. Der wertvollste Konzern Deutschlands etwa hat gegenüber seinen Höchstkursen von vor einem Jahr mittlerweile um mehr als ein Drittel eingebüßt.
Software-Selloff: Kursverluste von bis zu 50 Prozent
Der Ausverkauf ist kaum mehr als eine gewöhnliche Korrektur einzustufen – die Kursverluste allein seit Jahresbeginn wirken vielmehr wie aus dem Lehrbuch für größere Börsencrashs. Salesforce, Adobe, Oracle befinden sich 2026 allesamt zweistellig im Minus. ServiceNow, Atlassian, HubSpot verlieren sogar teils 30, 40, 50 Prozent, wie eine Kursübersicht von Fiscal.ai in den sozialen Medien eindrucksvoll verdeutlicht. Das Narrativ, das seit Monaten an den Trading-Desks der Wall Street gespielt wird, lautet: „AI eats Software.“ Verstärkt wurde der jüngste Sell-off zudem durch neue Produktankündigungen. Als LLM-Anbieter Anthropic vergangene Woche im Januar mit „Claude Cowork“ einen KI-Agenten vorstellte, der Berichte schreibt, Tabellen erstellt und Informationen aus Screenshots extrahiert, war das für viele Investoren der endgültige Beweis, dass der Produktivitätssprung durch KI real ist.
Das Ende des Seat-based-Models?
Die Logik hinter der Angst ist nachvollziehbar. Das klassische Software-as-a-Service (SaaS)-Modell basiert auf Lizenzen pro Nutzer. Mehr Mitarbeiter, mehr „Seats“, mehr Umsatz. Ein über Jahre perfekt skalierbares System – bis KI beginnt, menschliche Arbeit zu ersetzen oder zumindest massiv zu verdichten.
Wenn autonome KI-Agenten künftig Aufgaben erledigen, für die früher ganze Unternehmensabteilungen nötig waren, warum dann noch dutzende Salesforce- oder Workday-Lizenzen bezahlen? Wenn KI Verträge prüft, formuliert und abschließt, wozu flächendeckende DocuSign-Abos? Und wenn generative Bild- und Designmodelle in Sekunden liefern, was früher Teams von Grafikern taten – wie viele Photoshop-Lizenzen braucht ein Unternehmen von Adobe dann noch? Die Angst der Investoren: Die Produktivität explodiert, aber die Umsätze der Software-Anbieter implodieren. KI wird gefeiert, doch sie könnte sich als pures Gift für die Seat-Ökonomie erweisen.
„Kein Grund, Software-Aktien zu besitzen“
Die Börse hasst Unsicherheit und Übergangsphasen wie aktuell. Sollte sich das Geschäftsmodell tatsächlich von „Per Seat“ zu „Per Outcome“ verschieben – also Bezahlung nach Ergebnis statt nach Nutzer –, könnte das die gesamte Umsatzlogik der Branche verändern.
„Viele Buy-Side-Investoren sehen derzeit keinen Grund, Software-Aktien zu halten – egal wie günstig sie sind oder wie stark sie zuvor unter Druck geraten sind“, schrieb etwa der Techanalyst Jordan Klein von Mizuho Securities vergangene Woche in einer Mitteilung an Kunden. „Sie gehen davon aus, dass es aktuell keinerlei Katalysatoren für ein Re-Rating gibt“, sieht Klein höhere Bewertungsmultiplikatoren aktuell nicht in Sicht.
Panik oder Übertreibung?
Aktuell werden Software zu Kurs-Gewinn-Verhältnissen auf 10-Jahrestiefs gehandelt. Vor einer Dekade galt das skalierbare Geschäftsmodell von SaaS noch der heilige Gral, im Zeitalter des AI-Hypes wird es dagegen aktuell fast als Auslaufmodell gehandelt. Der Markt preist inzwischen fast das Worst-Case-Szenario ein: Dass die eigentliche Wertschöpfung zu den Modell-Anbietern und Hardware-Herstellern wandert und Software zur austauschbaren Hülle degradiert wird.
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„Es kommt selten vor, dass Unternehmen mit so unglaublich starken Fundamentaldaten (GS-Score) eine so unglaublich schlechte Performance (GC-Score) erzielen“, wundert sich unterdessen der Schweizer Fondsmanager Thierry Borgeat von der Fondsboutique Arvy in den sozialen Medien über den aktuellen Ausverkauf. „Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals zuvor gesehen zu haben.“
Größte Umbruchphase seit der Cloud-Revolution
Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Der Software-Sektor steht am Beginn seiner vielleicht größten Umbruchphase seit der Cloud-Revolution. KI wird Software dabei nicht sofort einfach ersetzen, sie dürfte sie aber neu definieren. Die großen Anbieter verfügen aber auch über enorme Datenbestände, tiefe Kundenbeziehungen und kritische Infrastruktur. Microsoft, SAP oder Salesforce erzielen zudem genügend hohe Absätze abseits des klassischen Software-Geschäfts.
So rechnet etwa die britische Großbank Barclays damit, dass Software-Aktien 2026 „endlich eine Atempause bekommen“, da die Bewertungen ein attraktives Niveau erreicht hätten und die Kundenausgaben stabil bleiben dürften. Die Ratingagentur Morningstar hat unterdessen vergangene Woche neun unterbewertete Tech-Aktien identifiziert – darunter fünf Software-Titel.
(emw)