Die vier Apokalyptischen Reiter der Aufwandsschätzung von Cloud-Legacy-Projekten

Die Bewertung von vier Haupttreibern ermöglicht eine solide Kalkulation des Aufwands für die Überführung von Softwarealtlasten in die Cloud.

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Rechner und Softwaresysteme mit Verbindungen in die Wolken

(Bild: Erzeugt mit Midjourney durch heise medienwerk)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Thomas Zühlke
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Viele ältere Anwendungen profitieren deutlich von einer Modernisierung zu einer Cloud‑Native‑Architektur. Dieser Ansatz löst bestehende Probleme durch neue Technologien, bietet Entwicklerinnen und Entwicklern eine moderne Arbeitsumgebung und eröffnet neue Absatzchancen als Software‑as‑a‑Service. Verschiedenen Studien zufolge ist Modernisierung bei einer Mehrheit der Unternehmen unvermeidlich, weil deren Altanwendungen geschäftskritisch sind (siehe Lünendonk: Unternehmen ringen mit der IT-Modernisierung und Thinkwise: Legacy-Modernisierung – Warnsignale ernst nehmen). Daher wächst das Interesse, bestehende Kernsysteme zu modernisieren und fit für die Cloud zu machen.

Cloud Native Kolumne: Thomas Zühlke
Thomas Zühlke, Cloud Solution Architect, adesso

Thomas Zühlke ist Cloud-Architekt bei adesso SE mit fast 20 Jahren Berufserfahrung, davon die letzten neun Jahre ausschließlich im Cloud-Umfeld. Er berät Kunden bei der Adaption der Azure Cloud, erstellt Roadmaps, entwirft Migrationsstrategie und Modernisierungskonzepte. Trotz vorwiegender Konzeptionsarbeit begeistert er sich weiterhin für die technische Umsetzung der entworfenen Lösungen.

Cloud Native Kolumne der DCNC

Die DOAG Cloud Native Community (DCNC) vernetzt Interessierte und Anwender aus Deutschland, Österreich und der Schweiz für den Informations- und Erfahrungsaustausch zu Themen rund um Cloud Native. Gemeinsam organisieren sie überregionale Veranstaltungen wie die CloudLand ("Das Cloud Native Festival"), die sich wichtigen Themen widmet: AI & ML, DevOps, Compute / Storage / Network, Data & BI, Security & Compliance, Public Cloud, Architecture, Organization & Culture, Customer Stories, Sovereign Cloud und Cloud-native Software Engineering. Im Rahmen der Cloud Native Kolumne beleuchten Expertinnen und Experten aus der Community regelmäßig die verschiedensten Trends und Aspekte Cloud-nativer Softwareentwicklung und -bereitstellung.

Einer Modernisierung geht meist ein Konzept voraus. Dieses analysiert alte und neue Anforderungen und beschreibt, wie sie umgesetzt werden sollen. Es benennt betriebliche Anpassungen und konzipiert neue Teamstrukturen. Auf dieser Basis erstellt das Unternehmen Schulungspläne für die beteiligten Mitarbeitenden. Alle Änderungen fließen in eine Roadmap ein, die sowohl verpflichtende als auch optionale Schritte mit ihren jeweiligen Kosten abbildet.

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Oft ist schon vor dem Modernisierungskonzept eine erste Aufwandsschätzung nötig, etwa für die Budgetplanung. Diese Schätzung ist schwierig, weil Anwendungen komplex sind und sich konkrete Änderungen erst nach einer Analyse bestimmen lassen. Manchmal stehen mehrere Systeme zur Auswahl. Dann müssen Architektinnen und Architekten den geeignetsten Kandidaten identifizieren und eine grobe Kostenschätzung für die kommenden Jahre entwickeln. Unternehmen erwarten in dieser Phase häufig eine schnelle Einschätzung mit nachvollziehbaren Zahlen – quasi ein fundiertes Bauchgefühl.

Zur Veranschaulichung dient ein reales Beispielprojekt. Das Produkt läuft seit acht Jahren und umfasst ein Team aus einem Frontend-Entwickler, einem Backend-Entwickler und einem Architekten, die sich um die Weiterentwicklung kümmern – alle in Vollzeit. Pro Jahr entstehen rund 600 Personentage an Aufwand; über acht Jahre summiert sich das auf 4800 Personentage. Das Team war zu Beginn möglicherweise größer, dieser Effekt ist über die lange Laufzeit jedoch vernachlässigbar. Der Projektleiter bzw. Product Owner ist in dieser Betrachtung nicht enthalten, da der Fokus für die Berechnung auf den Entwicklungsaufwänden liegen soll.

Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen im Allgemeinen, dass für eine minimale Modernisierung und Cloud‑Readiness etwa 10 bis 30 Prozent der ursprünglichen Entwicklungskosten anfallen. Dieser Aufwand umfasst Änderungen an Konfigurationen, den Austausch einzelner Komponenten durch höherwertige Dienste sowie die Anpassung von Querschnittsthemen. Er gilt nicht für reine Lift‑and‑Shift‑Szenarien oder vollständige Neuimplementierungen, da jene deutlich weniger beziehungsweise diese erheblich mehr Aufwand erfordern.

Die Berechnungen setzen voraus, dass das bestehende Team die Modernisierung eigenständig durchführt – ohne externe Unterstützung und zusätzlichen Schulungsbedarf. Für das Beispielprodukt ergibt sich ein Aufwand zwischen 480 und 1440 Personentagen. Diese Spanne ist groß, insbesondere bei älteren Produkten. Je länger ein System läuft, desto größer ist der Anteil der Wartungsphase, die keine neuen Funktionen schafft und dadurch die ursprünglichen Entwicklungsaufwände verwässert. Zudem bleibt unklar, welche Softwareteile konkret angepasst oder modernisiert werden müssen. Der nächste Abschnitt zeigt, wie sich diese Werte genauer herleiten lassen, und nennt die wichtigsten Kostentreiber.

Mehrere Studien haben untersucht, wie sich Ressourcen im Lebenszyklus eines Softwareprojekts verteilen. Sie zeigen ähnliche Ergebnisse, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Ein bekanntes Beispiel ist „The Staged Model of the Software Lifecycle: A New Perspective on Software Evolution“.

Es gliedert den Lebenszyklus in folgende Phasen (siehe Abbildung unten):

  • Initial Development
  • Evolution
  • Servicing
  • Phase‑Out
  • Close‑Down

Das Modell unterscheidet zwischen aktiver (Evolution) und passiver Wartung (Servicing). Aktive Wartung gilt als Entwicklungsaufwand, da sie Erweiterungen durch neue Features, regulatorische Anforderungen oder Mandantenanpassungen umfasst. Passive Wartung betrifft ausschließlich erhaltende Maßnahmen wie Bugfixes oder Bibliotheksupdates und fließt nicht in die Modernisierungskosten ein. Weitergehende Informationen zu Modellen, die unter anderem auch die mit der Zeit steigenden Wartungskosten berücksichtigen, finden sich in: How much does software development cost? In-depth guide for 2025; Lebenszyklus-Kosten von IT Produkten und IT Project Outsourcing In 2025 – A Comprehensive Guide.

Aus der Erfahrung haben sich folgende, in der Abbildung hervorgehobenen Werte bewährt:

  • Initial Development ≈ 15 Prozent
  • Evolution ≈ 25 Prozent

Verteilung von Aufwänden auf die Phasen des Software-Lebenszyklus

Die Phasen Phase‑Out, Close‑Down und Servicing bleiben unberücksichtigt, da sie keine relevante Entwicklungstätigkeit enthalten. Der Entwicklungsanteil der Software beträgt (inklusive etwa 5 Prozent für die zu Beginn häufig erhöhte Lernkurve und eventuell benötigte Proof-of-Concepts) somit 40 Prozent von 4800 Personentagen, also 1920 Personentage. Davon entfallen 10 bis 30 Prozent auf die Modernisierung, also 192 bis 576 Personentage. Diese Werte sind realistisch, doch bleibt die Bandbreite groß. Um sie zu verfeinern, müssen die größten Aufwandstreiber identifiziert werden.

CloudLand 2026 – das Cloud Native Festival
CloudLand 2026 – das Cloud Native Festival

(Bild: cloudland.org)

Vom 19. bis 22. Mai 2026 finden Interessierte beim Cloud Native Festival CloudLand ein prall gefülltes Line-up mit mehr als 200 Highlights – darunter die beiden neuen Themenbereiche „Open Source“ und „Platform Engineering“. Besucherinnen und Besucher erwartet eine bunte Mischung überwiegend interaktiver Sessions, Hands-ons und Workshops, begleitet von einem umfassenden Rahmenprogramm, das zum aktiven Mitmachen einlädt.

Tickets für das Festival und Unterkünfte im Heide Park Soltau lassen sich über die Festival-Homepage buchen.

Je gründlicher die Analyse einer Modernisierung, desto genauer wird die Schätzung. Für eine solide Näherung genügt es, die zentralen Aufwandstreiber zu erkennen und zu prüfen, ob sie im Projekt relevant sind. Einige Basisbausteine müssen bei jeder Modernisierung angepasst werden, etwa CI/CD‑Pipelines oder Logging‑Mechanismen. Solche Arbeiten lassen sich pauschal mit rund 5 Prozent der Entwicklungsaufwände veranschlagen.

Daneben existieren optionale Basisbausteine, die den Aufwand erheblich steigern können. Diese entscheidenden Faktoren werden sinnbildlich als apokalyptische Reiter bezeichnet. Jeder dieser vier Treiber kann mit etwa 5 Prozent der Entwickleraufwände bewertet werden:

Architektur der Geschäftslogik

Häufig erfolgt eine Umstellung auf Microservices oder Self‑Contained Systems. Dadurch entstehen neue System‑Schnitte, Kommunikationswege und Skalierungsmechanismen, während die Business‑Logik selbst unverändert bleibt.

Architektur des Speicherkonzepts

Ein Wechsel von relationalen Datenbanken zu Dokumenten‑ oder Graphenmodellen oder die Einführung von Event Sourcing/CQRS erfordert umfassende Anpassungen an Persistenz, Migration und Nachrichtenverarbeitung.

Mandantenkonzept

SaaS‑Lösungen verlangen Multi‑Tenant‑Fähigkeit. Altanwendungen nutzen häufig getrennte Installationen je Mandant und sind nicht auf zentrale Datenhaltung oder gemeinsame Berechtigungsmodelle ausgelegt.

Authentifizierung und Autorisierung (AuthN/AuthZ)

Viele Systeme verwenden noch eine eigene Benutzerverwaltung oder veraltete Identity‑Provider. Die Migration zu Cloud‑Providern (z. B. Azure Entra ID) sowie die Einführung verschlüsselter Kommunikation und zentraler Token‑Validierung erhöhen den Aufwand deutlich.

Selten umfasst die Modernisierung zusätzlich ein Redesign des GUI‑Konzepts oder den Wechsel zu einem neuen Frontend‑Framework. Auch dafür kann ein pauschaler Mehraufwand von 5 Prozent angesetzt werden. Darüber hinaus entstehen gelegentlich parallele Projekte für Infrastruktur und Governance (Landing Zones), um die modernisierte Lösung sicher betreiben zu können.

Im Beispielprojekt greifen drei dieser Reiter: die Umstellung auf Microservices (+ 5 %), die Einführung eines Mandantenkonzepts (+ 5 %) und die Modernisierung des Security‑Konzepts (+ 5 %). Zusammen mit der Basisanpassung ergibt sich ein Gesamtaufwand von 20 Prozent der 1920 Entwicklungs‑Personentage, also etwa 384 Personentage.

Die Kombination aus Entwicklungsaufwandsanalyse und Bewertung einzelner Änderungsbausteine liefert eine ausreichend präzise Schätzung. Da genaue Prozentwerte schwer festzulegen sind, empfiehlt sich eine Unterteilung in Fünf‑Prozent‑Schritte, sofern keine detaillierteren Informationen vorliegen. Eine Schätzung bleibt jedoch stets eine Annäherung.

Vor jeder Modernisierung ist deshalb ein detailliertes Konzept unverzichtbar. Es identifiziert obligatorische und optionale Änderungen, bewertet deren Aufwand und legt einen konkreten Umsetzungsplan fest. Fehlt dieses Konzept, scheitert die Modernisierung oft schon vor dem Projektstart.

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