Zahlen, bitte! Bis 12 zählen auf Grönländisch

Während manch Präsident meint, dass Grönland nur ein großes Stück Eis sei, zeigt es sich beim genaueren Hinsehen kulturell vielfältig, inklusive eigener Zahlen.

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Aufmacherbild Zahlen, bitte

(Bild: heise medien)

Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Detlef Borchers
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

6Grönland ist kein Stück Eis, wie ein US-amerikanischer Präsident Anfang 2026 behauptete, sondern eine große Insel, auf der Grönländisch in vier Varianten gesprochen wird. Tatsächlich ist Kalaallisut, das Westgrönländische, die meistverbreitete Sprache unter den Eskimo-Aleutischen Sprachen. Es wird von etwa 57.000 Menschen gesprochen und ist seit 2009 die Amtssprache der Insel.

Bei den Zahlen hat die Sprache eine Eigenheit: Von 1 bis 12 wird auf Grönländisch gezählt, danach geht es auf Dänisch weiter. So ist das Vigesimalsystem (mit Basis 20) nicht auf den ersten Blick zu erkennen, bei dem „Inuk Naallugu“ (= kompletter Mensch) für die Zahl 20 steht. Die Zählerei verkompliziert sich, da das Dänische ebenfalls ein Vigesimalsystem ist, jedoch mit Ausnahme der 20, 40 und 100.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Anders als in Gebieten wie Nordkanada und Alaska war das Sprechen von Grönländisch niemals verboten. Ganz im Gegenteil bemühten sich dänische und deutsche Missionare, die Bevölkerung auf Grönländisch von ihrem Glauben zu überzeugen.

Wenn man sich nicht mit dem Land beschäftigt, könnte man glauben, dass es nur ein Eisklumpen ist. Grönland als Satellitenaufnahme. Für etwas schusselige Staatslenker ist auch noch Island unten rechts zum Vergleich zu sehen.

(Bild: NASA)

Es war Samuel Kleinschmidt, ein Missionar der Herrnhuter Brüdergemeinde, der die erste Rechtschreibung und Grammatik des Grönländischen verfasste, die Bibel übersetzte und die Systematik der grönländischen Zahlen aufzeichnete. Mit der Anbindung an Dänemark vermischte sich das ursprüngliche System so, dass bis 12 auf Grönländisch, darüber auf Dänisch gezählt wird.

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Das führte wiederum dazu, dass im Grönländischen das 1994 entwickelte kaktovikische Zahlensystem eingeführt wurde, das im benachbarten Nordkanada das Rechnen erleichtern sollte und 1998 von der Inuit Circumpolar Council allgemein akzeptiert wurde. Auch dieses System geriet etwas in Vergessenheit, bis es 2022 in Unicode aufgenommen wurde. Wie ein Artikel von Scientific American zeigt, lässt sich so recht elegant rechnen. Natürlich gibt es auch entsprechende Apps, etwa für Android oder für iOS.

Zahl Grönländisch
1 ataaseq
2 marluk
3 pingasut
4 sisamat
5 tallimat
6 arfinillit
7 arfineq-marluk
8 arfineq-pingasut
9 qulingiluat (oder qulaaluat oder arfineq-sisamat)
10 qulit
11 aqqanillit
12 aqqaneq-marluk
Quelle: Counting in Greenlandic

Zurück zu Grönland: Im Grönländischen gibt es nicht nur vertrackte Zahlen, sondern auch vertrackte Wörter, weil die Sprache polysynthetisch ist und sehr lange Wörter möglich sind. Als längstes Wort gilt „Nalunaarasuartaatee-ranngualioqatigiiffissua-lioriataallaqqissupiloru-jussuanngortartuinnaka-sinngortinniamisaalinn-guatsiaraluallaqqqooqiga-minngamiaasiinngooq“, was einen recht sinnfreien Satz über den Initiator eines Radiosender-Netzwerks beschreibt. Das Wort soll 153 oder 156 Buchstaben haben, je nachdem, ob von kleinen oder winzigen Radiosendern die Rede ist.

No penguin, Mister President! Eine Dickschnabellumme, die auch in Grönland eine Heimat findet.

(Bild: Michael Haferkamp, CC BY-SA 3.0)

Beschränken wir uns auf Qarasaasiaq, was wörtlich übersetzt "künstliches Gehirn" heißt. Damit unterscheidet sich das grönländische Wort für den Computer markant vom isländischen Tölva, was wortwörtlich eine "Zahlenwahrsagerin" ist und auf den germanischen Ursprung dieser Sprache verweist – das nur für den Fall, wenn man fortlaufend Grönland und Island verwechselt, wie es einem US-amerikanischen Präsidenten passierte.

Aber der derzeitige Bewohner im Weißen Haus scheint ja auch zu glauben, dass sich überall, wo viel Eis ist, Südpol-Pinguine ausbreiten.

(mawi)