116117, Termin-Backend, Patientenakte & Co: Streit um Aufgabenverteilung beginnt

Das Primärarztsystem soll mithilfe telemedizinischer Tools Patienten steuern. Der Kampf um die Aufgabenverteilung ist vorprogrammiert.

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Wartezimmer einer Arztpraxis

(Bild: Basileus / Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Mit dem im Mai 2025 von Gesundheitsministerin Nina Warken angekündigten Primärarztsystem sollen Hausärzte künftig als "Lotsen" fungieren und Patienten gezielt in die richtige medizinische Versorgung lenken. Die Auftaktveranstaltung setzt auf das bereits im Koalitionsvertrag verankerte Vorhaben einer „flächendeckenden Möglichkeit einer strukturierten Ersteinschätzung über digitale Wege in Verbindung mit Telemedizin“ auf. Die bundeseinheitliche Rufnummer 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, die bereits über derartige Funktionen verfügt, könnte – verstärkt auch mit KI – zur zentralen Anlaufstelle für Patienten werden.

Vor überzogenen Erwartungen warnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Das Primärarztsystem ist keine eierlegende Wollmilchsau“, sagt Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur. Die Hoffnung auf Kosteneinsparungen sei unrealistisch, da der medizinische Fortschritt und steigende Gehälter ohnehin zu höheren Ausgaben führten.

Union und SPD wollen ein verbindliches System einführen, bei dem Patienten primär in eine Hausarztpraxis gehen, die sie bei Bedarf – und mit einem Termin in einem bestimmten Zeitraum – an Fachärzte überweist. Der Umbau wird als „Großoperation“ bezeichnet – auch, weil er in ein sehr großes Versorgungssystem eingreift. Laut KBV gibt es 578 Millionen Behandlungsfälle und eine Milliarde Kontakte von Patienten zu Fach- und Hausärzten pro Jahr in den bundesweit 98.500 Praxen. Warken peile im Sommer einen ersten Referentenentwurf an.

Der Sozialverband VdK befürwortet zwar eine bessere Orientierung bei Terminen, warnt aber vor Sanktionen: „Wer Hilfe sucht, benötigt Hilfe, keine Strafe“, sagte Präsidentin Verena Bentele laut dpa. Sie kritisiert zudem: „Die Ursache für zu viele Arztkontakte ist kein massenhaft praktiziertes ‚Ärztehopping‘, sondern ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes System, das schlecht koordiniert ist.“ Mit den privaten Krankenversicherungen gibt es laut VdK bereits jetzt eine Zwei-Klassen-Medizin. Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnt vor einem „ambulant-ärztlichen Versorgungs-Chaos“ und kritisiert, es gebe keine Antwort darauf, wie digital unerfahrene Menschen eingebunden werden sollen.

Laut dpa sollen Termine bei Frauen- und Augenärzten vom Erst-zum-Hausarzt-Prinzip ausgenommen sein. Bei Kindern sollen Kinderärzte die erste Anlaufstelle sein und für bestimmte schwere chronische Erkrankungen sollen „geeignete Lösungen“ kommen – etwa Jahresüberweisungen oder die Möglichkeit, dass ein Fachinternist die Rolle als steuernder Primärarzt übernimmt. Wenn eine Praxis keinen Termin vermitteln kann, soll man zudem „auch zu Fachärzten in eine Klinik gehen können“ – das soll eine „Termingarantie“ darstellen. Ärzteverbände fordern zudem, die freie Arztwahl nicht abzuschaffen. Um Akzeptanz zu schaffen, werden zudem bereits Steuerungsinstrumente diskutiert. Von einem Bonus für Patienten ist die Rede, die sich an die Empfehlungen des Systems halten, und von einer Gebühr bei direktem Aufsuchen des Facharztes.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung argumentierte im Oktober 2025 für ein Tarifmodell mit Eigenbeteiligung: Ein zusätzlicher Facharzttarif (200 bis 350 Euro jährlich) soll Versicherten ermöglichen, auch künftig ohne Überweisung oder ohne digitale Ersteinschätzung direkt zum Facharzt zu gehen, während die Mehreinnahmen dazu dienen sollen, zusätzliche Termine außerhalb des Budgets voll zu vergüten. In anderen Ländern sei das auch so.

Auf Kassenseite wird die Steuerung stärker als digitales Routing verstanden. Der GKV-Spitzenverband (PDF) schlägt in seinem Konzept „Primärversorgung: Zugang und digital gestützte Versorgungsnavigation“ ein standardisiertes Navigationstool vor. Dieses soll „im Rahmen eines niedrigschwelligen Erstkontakts (digital oder analog)“ den Behandlungsbedarf einheitlich einschätzen, den passenden Versorgungspfad identifizieren und die Dringlichkeit bestimmen; als mögliche Pfade nennt die GKV neben ärztlicher Versorgung auch „weitere Gesundheitsprofessionen“, „direkte Überleitung in die Notfallversorgung“, „digitale Versorgungsformen“ und „Optionen zur Selbstbehandlung“.

Zentral ist im GKV-Konzept dabei die Kopplung an Terminvermittlung: Das Tool soll „direkt die (digitale) Terminbuchung“ ermöglichen und „zwingend und umgehend“ an eine digitale Terminvermittlung auf Basis eines bundeseinheitlichen Terminverzeichnisses angebunden werden. Perspektivisch soll es an die ePA angeschlossen werden; erhobene Daten sollen strukturiert in die ePA übertragen werden, damit alle relevanten Befunde, Diagnosen und Therapieempfehlungen dort zusammenlaufen. Der GKV-Spitzenverband schlug dazu unter anderem vor, dass man in einer Kassen-App Beschwerden eingibt und erfährt, ob ein Arztbesuch nötig ist oder eine Apotheke helfen könnte – dazu gehören sollte demnach auch eine neutrale Plattform mit verfügbaren Praxisterminen. Damit stellt sich zwangsläufig auch die Frage, wer das Termin-Backend betreibt. Schon heute laufen viele Buchungen über die große private Plattform Doctolib. Mit einem bundeseinheitlichen Terminverzeichnis und einer neutralen Plattform dürfte daher ein Wettbewerb um den Auftrag entstehen, die zentrale Infrastruktur zu liefern.

Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) fordert, digitale Lösungen nicht nur anzudocken, sondern als Voraussetzung zu definieren. In seinem Positionspapier (PDF) „Primärversorgung digital denken – digital vor ambulant vor stationär“ heißt es: „Digitale Lösungen sind dabei kein ergänzendes Angebot, sondern eine Grundvoraussetzung, um das Primärversorgungssystem zu realisieren“. Der Verband will einen „initialen digitalen Zugang“ als eigenständigen Kanal etablieren, über den Patienten nach Schilderung ihrer Symptome „eine erste medizinische Einschätzung“ erhalten – „entweder über telefonische Hotlines oder durch zertifizierte, digitale Technologien wie eine KI-gestützte strukturierte Ersteinschätzung“. Für die Weitervermittlung in die fachärztliche Versorgung setzt der SVDGV auf Plattformen, „wozu auch Terminmanagementsysteme gehören“, und fordert, diese müssten „interoperabel, technologie- und anbieteroffen“ sein.

Für viel Diskussion sorgt dabei die Frage, wer die Steuerung der Patienten übernehmen soll. Timo Frank von der Stabsstelle Versorgung der Gematik spricht in einer LinkedIn-Diskussionsrunde von einem politischen Machtkampf: „Ich glaube, der politische Machtkampf ist vorprogrammiert, den wird es geben.“ Jan Zeggel, Gesundheitsexperte, weist auf die unterschiedlichen Begrifflichkeiten hin: „Persönlich finde ich, man sieht das sehr deutlich, während die arztnahen Organisationen von einem Primärarztsystem sprechen“, sei im Bundesgesundheitsministerium „der Begriff Primärversorgungssystem etabliert. Ich glaube, das zeigt schon sehr deutlich, wo wir dort jetzt auch im Rahmen der Reformen, wo die Verhandlungslinien auch entsprechend langlaufen.“

Stefan Spieren, Hausarzt und Digitalisierungspionier, erklärt in der LinkedIn-Diskussion: „Wenn wir Patientinnen und Patienten erklären, welchen Mehrwert sie haben, egal über welches System sie reinkommen, ob sie nur bei mir in der Praxis stehen und sagen ‚ich will jetzt‘ oder ob sie am Telefon sind oder beim Online-Termin. […] Der Patient muss als allererstes verstehen, warum wir das tun, was wir tun. […] Und wenn der Patient Vorteile sieht, das wissen wir doch von uns selbst: Ich mache immer das, […] was mir die meisten Vorteile bringt.“

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Ein weiteres Problem ist die Vergütung digitaler Leistungen. „Das steht und fällt mit dem Vergütungssystem. Das ist unser Problem. […] Ich lebe als Arzt nur davon, dass diese Versicherungskarte, platt formuliert, in diesem Lesegerät gesteckt hat. Ich werde nicht für Qualität bezahlt. So pervers das gerade klingt, je mehr Karten in meinem Kartenlesegerät gesteckt haben, desto besser ist es für das, was ich auf meinem Konto erlebe“, so Spieren.

Frank betont die Notwendigkeit einer gemeinsamen Lösung: „Grundsätzlich sollten wir uns aber darauf einigen, den Patienten zum richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt in die richtige Versorgungsebene zu lotsen. Und da ist es eigentlich egal, ob das die 116 117 am Telefon macht, digital macht oder die Krankenkasse macht. Entscheidend ist, ob am Ende ein Angebot rauskommt, das den Patienten nützt.“

Spierens Appell: „Wir müssen verstehen, dass es so nicht weitergeht, sondern dass wir uns lenken lassen müssen beziehungsweise Patienten lenken und wir uns da anfügen.“ Dies sei nur möglich, wenn Ärzte dabei nicht leer ausgehen. Einig sind sich die Beteiligten, dass es eine radikale Kostensenkung oder eine perfekte Plattform nicht von heute auf morgen geben werde.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) fordert, dass zusätzliche Steuerungs- und Terminaufwände nicht zum Nulltarif laufen. Der Chef der KVWL, Dirk Spelmeyer, warnt, Reform- und Sparvorschläge „auffällig oft zulasten der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung“ zu formulieren – obwohl diese „das Rückgrat unseres Gesundheitssystems“ bilde. Die KVen hätten durch das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) den Auftrag erhalten, schnelleren Zugang zu Fachärzten sicherzustellen – und „geliefert“. Dieser „zusätzliche Einsatz“ müsse „fair honoriert“ werden – auch vor dem Hintergrund, dass bundesweit bereits erbrachte Leistungen im Wert von rund 2,7 Milliarden Euro (2024) nicht bezahlt worden seien, was umgerechnet „über 40 Millionen Termine“ im fachärztlichen Bereich betreffe.

Spelmeyer fordert außerdem, die Politik müsse sich „zum System der ambulanten medizinischen Versorgung bekennen“ und verhindern, dass private Dienstleister dem System Geld entziehen, ohne Versorgungsverantwortung zu übernehmen – und plädiert dafür, den Arztberuf angesichts von „Budgets“ und „Regressen“ als Einstiegshürden für Nachwuchs attraktiver zu machen.

(mack)