Heimliche KI-Gewinner: Storage-Aktien explodieren, als wäre es 1999
Was haben Micron, Western Digital, SanDisk oder Seagate gemeinsam? Die Speicherhersteller haussieren an der Börse wie keine anderen Tech-Aktien.
(Bild: Bro Crock/Shutterstock.com)
Die KI-Revolution produziert Gewinner und Verlierer wie zu den Hochzeiten des frühen Industriekapitalismus – entweder man ist Teil des neuen Zeitalters oder Teil eines Problems, wie zuletzt die langjährigen Software-Champions erfahren mussten. Die Aktien von Microsoft, Adobe oder Salesforce sind aus Disruptionsängsten zuletzt deutlich unter Druck geraten.
In der exakten Gegenwelt befinden sich Tech-Unternehmen, die beim ersten Internet-Boom um die Jahrtausendwende eine Schlüsselrolle spielten: Micron, Western Digital oder Seagate. Seinerzeit lieferten die Silicon-Valley-Pioniere, die aus einer Ära mit Apple, Microsoft, Intel oder AMD stammen, Festplatten und Arbeitsspeicher, während SanDisk die erste Flash-Speicherkarten produzierte – die vier US-Tech-Pioniere bildeten ganz maßgeblich das physische Rückgrat der neuen Internetökonomie.
Micron, Western Digital, Seagate und SanDisk sind die unterschätzten Profiteure der KI-Ökonomie
Etwa ein Vierteljahrhundert später liefen die klassischen Speicherfirmen ihren einstigen Höchstkursen hinterher — dann passierte eine komplette Neubewertung im Zuge des KI-Hypes. Seit vergangenem Spätsommer schießen die Aktien der amerikanischen Storage-Anbieter empor wie die viel zitierte Fahnenstange.
Der Grund: Micron, Western Digital, Seagate und auch SanDisk sind die großen, bislang unterschätzten Profiteure der KI-Ökonomie. Getragen wird die unerwartete Hausse von einem strukturellen Engpass, der sich nicht per Software-Update beheben lässt: physischer Speicher.
Der Treiber ist dabei nicht Spekulation, sondern eine neue Realität: Hyperscaler wie Microsoft, Meta, AWS oder Oracle bauen ihre Rechenzentren in einem Tempo aus, das Angebot und Planungshorizonte der Speicherindustrie überfordert. KI lebt von Daten: Modelle müssen abgelegt, geladen, trainiert und ständig gefüttert werden. GPUs ohne ausreichend Speicher sind dabei kaum mehr als teure Rechenhüllen. Je größer die Modelle, desto exponentieller steigt der Bedarf an hochdichten, zuverlässigen Enterprise-Speicherlösungen. Erst gestern verkündete Meta-CEO Mark Zuckerberg bei Bekanntgabe der Quartalsbilanz für 2026 eine Anhebung der Investitionen (Capex) auf 115 bis 135 Milliarden Dollar – deutlich über den Analystenerwartungen.
Große Lieferengpässe auf dem NAND Flash-Markt
Der Markt beginnt täglich neu einzureisen, dass Storage kein austauschbares Commodity-Geschäft mehr ist, sondern ein strategischer Flaschenhals. Insbesondere bei NAND Flash ist die Macht extrem konzentriert. Micron, Western Digital, SanDisk und die südkoreanischen Konzerne Samsung und SK Hynix sowie Kioxia aus Japan kontrollieren faktisch die gesamte globale Produktion. Die Entwicklung und der Aufbau neuer Kapazitäten kostet zweistellige Milliardenbeträge und dauert Jahre. NAND lässt sich nicht „hochskalieren“, wenn die Nachfrage plötzlich explodiert – und genau das passiert gerade.
Davon profitieren nicht nur klassische Flash-Hersteller wie Micron, sondern auch die lange totgesagten HDD-Spezialisten. Seagate und Western Digital erleben eine Renaissance, weil Hyperscaler bei gigantischen Datenmengen weiterhin auf kosteneffiziente, hochskalierbare Festplattenspeicher setzen. HDDs sind, wie es jüngst Western-Digital-CEO Irving Tan formulierte, „die zuverlässigste, skalierbarste und kosteneffektivste Speicherlösung“ für viele KI-Workloads. Analysten sprechen offen von Angebotsknappheit bis mindestens 2027 – ein seltenes Umfeld mit echter Preissetzungsmacht.
Kursexplosionen von 340 bis 1366 Prozent binnen eines Jahres
Besonders spannend ist die Rolle von Micron. Als einer der wenigen Konzerne, die sowohl NAND als auch DRAM in großem Stil liefern, sitzt das 48 Jahre alte US-Unternehmen aus Boise, Idaho, an mehreren neuralgischen Punkten der KI-Wertschöpfungskette. Micron ist nicht nur Zulieferer, sondern strategischer Partner der Hyperscaler. In einem Umfeld begrenzten Angebots bedeutet das strukturelle Preissetzungsmacht und überdurchschnittliche Margen – ein seltener Luxus im Halbleiterzyklus.
Die Folge: atemberaubende Kursentwicklungen. Allein seit Jahresbeginn haben die vier ultimativen KI-Profiteure zwischen 52 Prozent (Micron) und 122 Prozent zugelegt – in gerade einmal vier Wochen. Auf Jahressicht fallen die Kurszuwächse noch unwirklicher aus: Die Anteilsscheine von Seagate legten um 341 Prozent zu, Micron 391 Prozent, Western Digital um 489 Prozent und SanDisk sogar um sensationelle 1366 Prozent. Ob die Kurse buchstäblich weiter in den Himmel wachsen, dürfte die laufende Quartalssaison zeigen. Nachdem Seagate gestern mit einem Umsatzplus von 22 Prozent und einer beeindruckenden Bruttomarge von über 42 Prozent vorlegte, sind heute nach Handelsschluss Western Digital und SanDisk an der Reihe. (emw)