ESA-Satellitendaten: Kontinentalplatten sind deutlich weniger starr als gedacht

In Tibet treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander und türmen das weltweit höchste Gebirge auf. Satellitendaten geben überraschende Einblicke in die Details.

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Karte des Hochlands von Tibet mit farbigen Markierungen

Zwei unterschiedliche Darstellungen der Bewegung des Untergrunds

(Bild: ESA (Data source: Wright, T. et al, 2026).)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Satellitenaufnahmen der ESA haben das bislang detaillierteste Bild der Verformung eines Kontinents unter den außergewöhnlichen Kräften der Kontinentalverschiebung ermöglicht und Überraschendes zutage gefördert. Das hat die Europäische Weltraumagentur mitgeteilt, deren Erdbeobachtungsprogramm Copernicus entscheidend zu der Forschungsarbeit beigetragen hat. Deren zentrale Erkenntnis ist demnach, dass tektonische Platten zumindest an ihrer Oberfläche keine starren Blöcke sind, sondern sich in einer fließenden Bewegung in unterschiedlichen Teilgeschwindigkeiten verschieben können. Dieser Befund werde bereits dazu benutzt, seismische Modelle und die Erdbebenvorhersage zu verbessern.

Mit dem Hochland von Tibet hat sich die Forschungsgruppe ein Gebiet ausgesucht, das für die Erforschung der Kontinentalverschiebung von besonderem Interesse ist. Dort, wo die Indische auf die Eurasische Platte trifft, befindet sich die größte kontinentale Kollisionszone, erklärt die ESA. Bislang sei man davon ausgegangen, dass man es dort mit einem Mosaik aus starren Blöcken zu tun hat, die sich an großen Bruchlinien aneinander vorbeischieben. Die präziseste Vermessung der Bewegungsrichtung habe nun aber gezeigt, dass sich der Untergrund auch innerhalb der Blöcke verschiebt. Die Bruchlinien sind als besondere Schwachstellen aber sichtbar. An den aktivsten Stellen bewegt sich der Untergrund um mehr als 25 Millimeter pro Jahr nach Osten, in der Gegenrichtung sind es anderswo maximal zehn Millimeter.

Karte der absinkenden (grĂĽn) und sich erhebenden Regionen

(Bild: ESA (Data source: Wright, T. et al, 2026).)

Eine andere Karte zeigt, mit welcher Geschwindigkeit einzelne Regionen absinken und andere aufgetürmt werden. Auch hier ergibt sich kein klares Bild, sondern eher ein Flickenteppich. Insgesamt erzähle die Studie ein ganz anderes Bild, als die alten Modelle vorhergesagt hätten, erläutert Studienleiter Tim Wright von der University of Leeds. Sein Team empfiehlt, solche Analysen auch an anderen Kollisionszonen durchzuführen. Die Erkenntnisse werden bereits genutzt, um Staaten und Gemeinschaften dabei zu helfen, den Erdbebenschutz zu verbessern. Die Forschungsarbeit hat das Team im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht.

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Das europäische Copernicus-Programm ist inzwischen über zehn Jahre alt und liefert mit zahlreichen Satelliten äußerst zuverlässig jederzeit aktuelle und hochpräzise Erdbeobachtungsdaten. Dass sie dabei auch winzige Veränderungen an der Erdoberfläche ausfindig machen können, haben sie schon vor zehn Jahren unter Beweis gestellt. Inzwischen testet die ESA mit dem Satelliten Sentinel-2A sogar, Nachtaufnahmen zu machen, für die er eigentlich nicht vorgesehen war. Die Analyse des Hochlands von Tibet, die Nuno Miranda von der ESA als „wahrhaft außergewöhnlich“ bezeichnet, stellt einmal mehr die Führungsrolle Europas bei der Erforschung der Erde aus dem All unter Beweis.

(mho)