Kommentar zum Rücktritt des ADAC-Verkehrspräsidenten: Er wurde missverstanden
Dass Schreihälse den Rücktritt eines ADAC-Funktionärs erzwingen konnten, ist tragisch. Sorgen braucht man sich deshalb aber auch nicht, meint Florian Pillau.
Der ADAC wandelt sich im Laufe der Jahrzehnte, und das ist gut so. Das Bild zeigt einen Straßenwachtfahrer, der Anweisungen über eine Notrufsäule entgegennimmt.
(Bild: ADAC)
ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand ist zurückgetreten. Der sonst im Hintergrund agierende Funktionär hatte in einem Interview Ende 2025 in der Neuen Osnabrücker Zeitung Verständnis für den CO₂-Preis gezeigt. Weil jener den Spritpreis erhöht, soll es nach einem Shitstorm in den sozialen Netzwerken zu 60.000 Vereinsaustritten gekommen sein. Viele Mitglieder sollen das nämlich so verstanden haben, dass ihr Verein sie nun gemeinsam mit der EU zum Elektroauto zwingen will.
Die Vorlage für dieses Missverständnis ist bestens bekannt: Mit dem Gebäudeenergiegesetz hatten gewissenlose Politiker mithilfe der Bild-Zeitung („Heiz-Hammer“) die Bürger gegen „die Grünen“ aufgebracht, obwohl es ihnen doch den Umstieg auf günstigeres Heizen ermöglicht. Unter einer Koalition, die dieses Gesetz als eines der ersten abschaffen wollte, zeigt die Zahl aktuell verkaufter Wärmepumpen indes deutlich, wie gut es funktioniert. Niemand außer ein paar Betonköpfen hat noch die Absicht, im Wahlkampf geäußerte Forderungen umzusetzen und das Gesetz zu schleifen. Das seit 2021 geforderte Klimageld, das Belastungen durch einen CO₂-Preis sozial abfedern kann, ist inzwischen zumindest versprochen.
Einfache Realität
Hillebrand wurde missverstanden. Hätten die Ausgetretenen das Interview geistig durchdrungen, hätten sie nichts Anstößiges daran finden können. Der ADAC-Funktionär bestätigte darin lediglich, dass höhere Kraftstoffpreise den Umstieg auf andere Fahrenergien befördern können. Das ist eine Tatsache. Ganz ausdrücklich aber setzte er sich im Sinne seiner Klientel dafür ein, den CO₂-Preis maßvoll anzuheben, damit vorher ein genügend großes und leistbares Angebot neuer und gebrauchter Elektroautos plus eine ausreichend dichte Ladeinfrastruktur entstehen kann. Damit forderte er eine Alternative, die ihren Namen verdient. Einigen sind jedoch bereits diese einfachen Zusammenhänge offenbar nicht mehr zu vermitteln.
Wie beim Gebäudeenergiegesetz bekommt auch diesmal derjenige eine geballte Wut zu spüren, der die einfache Wahrheit ausspricht, dass sich unsere Lebensrealität nun mal ändert. Ein so großer Verein wie der ADAC befindet sich da in einer ähnlichen Situation wie die Bundesregierung. Es wird immer eine Minderheit in der Bevölkerung, respektive unter den 22 Millionen Mitgliedern des größten deutschen Vereins geben, die jede Änderung als existenzielle Bedrohung empfindet. Jeder, der ihnen eine andere Lösung anbietet, wird als Verräter behandelt, selbst wenn diese Lösung nur Vorteile bietet.
Polarisierung löst kein Problem
„Verräter“? Wirklich? Ja, so krass wird es heute schnell, denn die Verstärkungsmechanismen, die schon lange vom Boulevard genutzt und heute durch die sogenannten sozialen Medien pervers perfektioniert wurden, nutzen Emotion und Vereinfachung zur maximalen Polarisierung. Das ist allerdings keine Basis, mit der man den sich schnell wandelnden Herausforderungen beikommen kann, sondern nur ein Nährboden für populistische Parteien und Aufwiegler, denen es nur um Spaltung geht, um ihre eigene Machtagenda darauf aufbauen zu können.
Zum Glück ist der ADAC groß. Richtig groß. Er ist Spiegel eines Bevölkerungsquerschnitts, in dem natürlich keine Mehrheit „Freie Fahrt für freie Bürger“ fordert. Das war noch nicht mal 1973 der Fall, als dem ADAC dieser Slogan von Zuspitzern in den Mund gelegt worden war, nachdem sich einige Mitmenschen mithilfe des Boulevards empört gegen zeitweise Fahrverbote und Tempo 100 gewandt hatten. Damals ging es darum, Sprit zu sparen, um die sogenannte Ölkrise zu bewältigen.
Heute ist der ADAC unvergleichlich viel bunter und vielfältiger im Gegensatz zu damals, und es besteht keinerlei Gefahr, dass ein paar Wutbürger auf den Barrikaden den Kurs des Vereins spürbar beeinflussen könnten. Hillebrand trat nicht zurück, weil er etwas Falsches gesagt hat. Er musste es tun, weil er sich im Interesse der Mehrheit besser gar nicht geäußert hätte, wo er so tragisch missverstanden werden konnte. Man darf davon ausgehen, dass ihm diese Gefahr als Mann des vernünftigen Arguments (er ist Jurist) im Moment des Interviews einfach nur nicht präsent genug gewesen sein dürfte.
Dass diesen 60.000 Austritten, zu denen es angeblich aufgrund dieser Äußerung gekommen war, mindestens so viele Neueintritte gegenüberstehen, sollte als gutes Zeichen gewertet werden. Damit wird es mehr gemäßigte, an Mobilität Interessierte und des Klimawandels bewusste, dafür weniger Schreihälse im Verein geben, die dort das Spitzenpersonal wählen können. Die Causa Hillebrand hat dem ADAC so gesehen sogar genutzt.
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Vernunft hat beste Chancen im ADAC
Es besteht gut begründete Hoffnung, dass trotz aller schrillen Töne die sachliche Vernunft auch im ADAC weiter durchsetzen wird. Seit über zehn Jahren haben sich dort mit erstaunlicher Konsequenz und Geschwindigkeit die Kräfte durchgesetzt, die den Verein nach allzu großer Nähe in einen gesünderen Abstand zur Autoindustrie gerückt haben. Ebenfalls zu beobachten ist die Selbstverständlichkeit und Ruhe, in der alle Mobilitätsthemen neben der motorisierten Individualmobilität immer weiter in den Vordergrund rücken, und das – wie auch bei der Elektromobilität – mit der Sache angemessen sachlichen Begründungen. Die Personalie Hillebrand dürfte da bei aller möglichen persönlichen Tragik eine Fußnote bleiben.
(fpi)