Debian: Projektleiter warnt vor stillem RĂĽckzug von Entwicklern
Debian-Projektleiter Andreas Tille prangert ein strukturelles Problem an: Entwickler verschwinden ohne Rückmeldung – mit Folgen für Sicherheit und Wartung.
(Bild: heise medien)
Das Debian-Projekt hat ein Kommunikationsproblem. Entwickler, die keine Zeit oder kein Interesse mehr haben, ziehen sich still zurück – ohne ihre Verantwortung offiziell zu übertragen. Ein solches Verhalten gefährdet die Wartung von Paketen, die Sicherheit von Accounts und die Kontinuität wichtiger Teams. Debian-Projektleiter Andreas Tille hat das Problem in seiner Februar-Mitteilung an die Entwickler-Community detailliert beschrieben.
Das Kernproblem ist laut Tille nicht, dass Freiwillige aufhören zu arbeiten – das sei völlig normal. Problematisch sei vielmehr, dass sie dies nicht kommunizieren. „Debian existiert, weil Menschen sich freiwillig dafür entscheiden, ihre Zeit dafür aufzuwenden“, schreibt Tille. Doch die meisten seien mit Enthusiasmus beigetreten, ohne eine explizite Vereinbarung zu einer späteren Ankündigung, falls sich ihre verfügbare Zeit, Energie oder Interessen ändern.
Die Konsequenzen dieser stillen Abwanderung sind erheblich: Bugs bleiben unbearbeitet, sicherheitsrelevante Accounts ohne aktive Überwachung, delegierte Rollen existieren nur noch auf dem Papier. Besonders deutlich wurde das Problem bei der Reorganisation des FTPmaster-Teams, das über zwei Jahrzehnte für die Debian-Archive verantwortlich war. Im Oktober 2025 musste es aufgelöst und in zwei neue Teams aufgeteilt werden, weil wesentliche Arbeit von zu wenigen Menschen getragen wurde – mit negativen Auswirkungen auf Transparenz und Kommunikation.
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MIA-Team soll automatisiert nach Inaktiven fahnden
Als Lösung schlägt Tille einen sechsstufigen automatisierten Prozess vor: Das MIA-Team (Missing In Action) soll mithilfe von Heuristiken inaktive Entwickler identifizieren und nach sechs Monaten ohne Aktivität automatisierte E-Mails versenden. Diese bieten einfache Optionen: Bestätigung der aktiven Präsenz, Übergang zum Emeritus-Status (ehrenhalber zurückgezogener Entwickler ohne aktive Pflichten) oder Kontaktaufnahme mit dem MIA-Team.
Bleibt eine Antwort aus, folgen sechs Monate lang monatliche Erinnerungen. Danach versucht das MIA-Team, die Person manuell zu erreichen, und warnt vor der Verwaisung ihrer Pakete. Erfolgt auch dann keine Reaktion, werden die Pakete nach einem weiteren Monat verwaist und der Account wird schließlich den Debian Account Managers zur möglichen Entfernung gemeldet.
Der Vorteil dieses automatisierten Systems: Es vermeidet direkte Fragen, die für manche Menschen sozial schwierig seien. Viele Entwickler empfinden es als unangenehm, von Freunden oder Kollegen direkt auf ihre Inaktivität angesprochen zu werden. „Aus gegenseitiger Rücksicht vermeiden wir es oft, zu fragen. Aus derselben Rücksicht vermeiden wir es auch, proaktiv zu sagen, dass wir zurückgetreten sind“, beschreibt Tille das Dilemma.
Delegation mit Ablaufdatum als weiterer Ansatz
Für delegierte Rollen schlägt Tille zusätzlich einen leichten Erneuerungsmechanismus vor. Delegierte sollen sechs Monate vor Ablauf ihrer Delegation einen kurzen Bericht mit Erneuerungsantrag einreichen. Bleibt dieser aus, läuft die Delegation automatisch ab. Dieser Ansatz normalisiere die Rotation und mache sie zu einem regulären Prozess statt einer konfliktbeladenen Ausnahmesituation.
Ein Beispiel für die Folgen fehlender Kommunikation ist das Data Protection Team: Alle bisherigen Delegierten sind zurückgetreten, die Delegation wurde widerrufen. Debian hat derzeit kein aktives Datenschutz-Team, obwohl die Aufgabe im DSGVO-Kontext wichtig ist. Der Workload war dabei gering – nur vier Anfragen im Jahr 2025.
Tille betont, dass bessere Sichtbarkeit von Inaktivität auch Chancen für neue Freiwillige schafft. Über eineinhalb Jahre hat er täglich ein langfristig inaktives Paket zur Zusammenarbeitsplattform Salsa migriert. Dies senke die Barriere für Beiträge erheblich und sende ein klares Signal, dass Hilfe willkommen ist. Bei aktiven Maintainern seien die Antworten meist konstruktiv gewesen – bei Paketen ohne Aktivität seit Jahren blieb die Reaktion dagegen meist aus.
Unklar ist derzeit, wie viel vom vorgeschlagenen MIA-Prozess bereits implementiert wurde. Tille fordert die Community auf, den aktuellen Status sichtbar zu machen, und lädt Interessierte explizit ein, sich einzubringen. Das Problem betreffe nicht nur Debian: „Dies ist eine wichtige Initiative für die Gesundheit des Debian-Projekts – und tatsächlich für jedes Open-Source-Projekt“, schreibt der Projektleiter.
(fo)