Werbung für digitale Behördengänge: Ärger für Kiel nach Clip zu Kirchenaustritt

Die Stadt Kiel wollte auf Instagram für digitale Behördengänge werben und hat sich ausgerechnet den Kirchenaustritt ausgesucht. Die Empörung folgte prompt.

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Eine Backsteinkirche

Die Petruskirche im Kieler Stadtteil Wik

(Bild: Matthias Süßen, Petruskirche Wik Kiel, CC BY-SA 4.0)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

In Schleswig-Holstein sorgt eine misslungene Werbung für die Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen für Aufregung. Hintergrund ist ein Instagram-Video der Landeshauptstadt Kiel, in dem ausgerechnet der diesbezüglich nicht unumstrittene Kirchenaustritt als Beispiel gewählt wurde, um den Bürokratieabbau darzustellen. Nach deutlicher Kritik aus der katholischen und der evangelischen Kirche wurde der Clip von Instagram gelöscht, die Landesregierung hat eine Bewertung angekündigt. Seitens der Stadt hieß es bereits kleinlaut, dass man zu keiner Zeit Werbung für Kirchenaustritte habe machen wollen: „Ziel des Beitrags war es vielmehr, neue Online-Dienste vorzustellen.“

In dem kurzen Video in der typischen Aufmachung für Social Media war zu sehen, wie eine junge Frau in einem Standesamt darauf wartet, zu ihrem Termin aufgerufen zu werden. Laut Beschreibung möchte sie aus der Kirche austreten. Zu diesem Zeitpunkt wird sie auf einen Laptop auf einem weiteren Sessel aufmerksam, auf dem eine Person ihr erklärt, dass das jetzt auch ganz einfach und bis hin zur Beurkundung digital erledigt werden kann. In der Folge reckt sie den erhobenen Daumen in die Kamera und erklärt, „Das mache ich!“ Nach der Empörung wurde das Video von der Plattform genommen, die Aussagen dazu hat eine Sprecherin der Stadt gegenüber der Bild-Zeitung getätigt.

„Es ist sehr befremdlich, dass eine Verwaltung öffentlich den Kirchenaustritt bewirbt“, sagte die Leiterin des katholischen Büros Schleswig-Holstein im Erzbistum Hamburg, Beate Bäumer, den Kieler Nachrichten. Solch eine einseitige Parteinahme hätte sie von der Stadt nicht erwartet. Ähnlich hat sich die evangelische Kirche geäußert: Ein Austritt aus der Kirche sei „kein neutraler Vorgang wie eine Ummeldung oder ein neuer Personalausweis, sondern berührt sehr persönliche Fragen von Glauben, Zugehörigkeit und Lebensgeschichte“, sagte der Landeskirchliche Beauftragte der Nordkirche beim Land, Pastor Wilko Teifke, dem Blatt. Deshalb erwarte er bei diesem Thema mehr Sensibilität.

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Aus den Kirchen wurde demnach auch darauf hingewiesen, dass ein Kirchenaustritt in dem Bundesland gegenwärtig an eine Erklärung gegenüber dem Standesamt gebunden sei. Dafür müsse man persönlich erscheinen. Damit unterscheide sich der Vorgang auch rein rechtlich vom An- und Ummelden des Wohnsitzes oder eines Autos, also Vorgängen, die üblicherweise als Beispiele für digitale Dienstleistungen genannt werden. Die Stadt Kiel hat dem bereits widersprochen und versichert, dass das beworbene Verfahren so angelegt worden sei, dass es nicht gegen das Kirchenaustrittsgesetz verstoße. Das Innenministerium des Bundeslands hat angekündigt, sich das erklären lassen zu wollen. Anschließend könne man es bewerten, zitieren die Kieler Nachrichten einen Sprecher des CDU-geführten Ministeriums.

(mho)