Schlaganfall, Reha, Digitalisierung: Wo Technik hilft – und wo sie versagt
Wie IT, Robotik und Smartwatches meine Reha nach dem Schlaganfall halfen – und wo noch Nachholbedarf ist.
(Bild: mpohodzhay / Shutterstock.com)
Vor fast 6 Jahren, Mitte März 2020, und damit zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns, hatte ich einen Schlaganfall. Nach 5 Tagen auf der Stroke Unit der Medizinischen Hochschule Hannover folgten sechs Monate in einer neurologischen Fachklinik in Hessisch Oldendorf. Dort hat man mich sprichwörtlich vom Rollstuhl wieder auf die Beine gestellt.
Ich arbeite seit Jahrzehnten im IT-Bereich, meine Begeisterung für Computer reicht zurück bis in die Zeiten des Sinclair ZX 81. Entsprechend viel Zeit habe ich mir während der Reha genommen, um über die Rolle von IT im Gesundheitswesen nachzudenken: über das, was trotz aller Technik noch immer fehlt.
Wie konkret Digitalisierung helfen kann, habe ich bereits am Anfang meiner Reha erlebt. Meine erste intensive Berührung damit fand nicht am Bildschirm, sondern im Therapieraum statt. In meinem Blog beschrieb ich das damals so: „Ich habe zwei neue Freunde gewonnen. Sie hören auf die Namen Diego und Amadeo. Die beiden sind zwei beharrliche Kerle. Ununterbrochen haben sie sich um mich gekümmert. Mit mir Stunde um Stunde geübt. Gesprochen haben sie eigentlich wenig, oder besser gar nicht“.
Gemeint waren zwei Therapieroboter im sogenannten Armlabor. Über mehr als 35 Stunden hinweg habe ich mit ihnen Bewegungen tausendfach wiederholt – präzise, geduldig und ohne Ermüdung. Die beiden haben sich nie beschwert und ihren jeweiligen Job immer hochpräzise wiederholt. Ihr habt es bestimmt schon gemerkt. Ich spreche von Roboterunterstützung in der Therapie, in meinem Fall von der Firma Tyromotion.“
Das menschliche Gehirn besitzt Selbstheilungskräfte – Neuroplastizität –, bei denen Nachbarregionen die ausgefallene Funktion von betroffenen Regionen übernehmen. Hierfür müssten sie jedoch neu angelernt werden, das heißt, eine Bewegung muss möglichst tausende Male präzise wiederholt werden. Spezialisierte Roboter bringen in diesem Umfeld viele Vorteile. Ihre Kosten verhindern jedoch meist den flächendeckenden Einsatz für möglichst viele der betroffenen Personen.
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Die Krux mit der Nachsorge
In der Reha nach einem Schlaganfall genießt man praktisch eine 24-Stunden-Rundumversorgung mit einer täglichen Therapiedichte von vier bis sechs Stunden im Durchschnitt. Man befindet sich sozusagen auf der Therapieautobahn. Am nächsten Tag nach der Entlassung findet man sich dann sprichwörtlich auf dem Feldweg der ambulanten Nachsorge wieder. Eine Vorbereitung auf diese Situation schon in der stationären Reha findet nicht statt.
Der Informationsaustausch zwischen stationären Einrichtungen und ambulanter Weiterbehandlung beschränkt sich auf den Entlassungsbericht – einmalig, zu einem festen Zeitpunkt und nur in eine Richtung. Einen echten Dialog gibt es nicht. Genau hier liegt eine der größten Schwachstellen im System. Erste zaghafte Ansätze gibt es dazu bereits, etwa in Form des Nachsorgeportals „Caspar“. Solche und ähnliche Ansätze müssten konsequent ausgebaut werden, um die Lebensqualität Betroffener zu verbessern. Persönlich würde ich hier sogar eine IGeL Leistung in Kauf nehmen.
Smartwatch als digitaler Aufpasser
Der Beginn meiner Nachsorge verlief holprig: Therapeuten finden, meine berufliche Wiedereingliederung koordinieren, Verordnungen anfordern, um alles musste sich meine Frau kümmern, ich wäre dazu noch nicht in der Lage gewesen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Problem, dass meine Frau mich nirgendwohin alleine gehen lassen wollte. Immer in Sorge, ich könnte dort hilflos stürzen und nicht versorgt werden. Die Sturzerkennung der heutigen Generationen hat mir viel meiner Unabhängigkeit vor dem Schlaganfall zurückgegeben. Zudem nutze ich die Vorhofflimmer-Erkennungsfunktion sowie die Erinnerungsfunktion für meine Medikamenteneinnahme – begleitet von der Überlegung, ob ein Anfall erneut auftreten könnte.
Digitales Land in Sicht
Die Einführung des E-Rezepts war daher ein Segen für mich. Gestartet bin ich damals noch mit dem Papierrezept. Die maximale Packungsgröße einiger meiner Medikamente bedingt, dass ich nicht länger als sechs Wochen mit einer Packung auskomme. Als immer noch gehbehinderte Person hat das Rezept mir schon einige zusätzliche Wege zum Arzt abgenommen. Perfekt wäre mein Glück, wenn ich als anerkannt chronisch kranke Person nicht jedes Quartal zu meinem Hausarzt oder Facharzt müsste, um meine Versichertenkarte erneut für meine Routineverordnungen und Rezepte einlesen lassen zu müssen.
ePA viele Chancen, einige Risiken und ungeklärte Thematiken
Noch größer sind meine Erwartungen bei der elektronischen Patientenakte (ePA) – und zugleich meine Zweifel. Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass die ePA zur reinen Dokumentenablage verkommt. Nach meiner Anschlussheilbehandlung habe ich in den letzten fast sechs Jahren zwei weitere Rehas erhalten. Vorab wurden mir immer Aufnahmebögen zugesandt. Diesen habe ich bei der Beantwortung immer einige aktuelle Einschätzungen und Therapieberichte meiner vorhergehenden Therapeuten beigefügt. Diese Berichte würde ich dann zukünftig in der ePA erwarten.
Allerdings habe ich bei der Aufnahme in der jeweiligen Einrichtung die Information erhalten, dass diese dort nicht gelesen wurden. Auf Nachfrage wurde durchweg Zeitmangel angegeben. Es ist ein wenig wie „Täglich grüßt das Murmeltier“. Ich muss in der Kennenlernphase mit den Ärzten und Therapeuten immer wieder dieselben Fragen beantworten. Dies führte dazu, dass bei zwei physiotherapeutischen Behandlungen pro Woche fast 30 Prozent der Zeit der gesamten fünf Wochen vergeht, bevor der Therapeut mein persönliches Leistungsniveau und meine Leistungsgrenzen überhaupt einschätzen kann.
Wir benötigen also eine Akte, von der sich die Akteure des Gesundheitswesens einen Nutzen für ihre tägliche Arbeit versprechen. Diese darf nicht lediglich eine Sammlung von Dokumenten sein. Ich muss hier mindestens Inhalt zusammenfassen und befragen können. Bleibt dann noch die Aufgabe, diese Techniken der Informationsbeschaffung den betroffenen und häufig historisch eher wenig digital affinen Berufsgruppen „schmackhaft“ zu machen, damit die EPA nicht zu einem digitalen, berüchtigten, grünen Ordner verkommt.
Fazit: IT alleine heilt keine Menschen, hilft aber enorm bei chronischen Erkrankungen und in der Rehabilitation. Digitalisierung muss dort ansetzen, wo Brüche entstehen: bei Übergängen, in der Nachsorge und in der Kommunikation zwischen allen Beteiligten.
(mack)