Bund zahlt in einem Jahr 500 Millionen Euro fĂĽr Microsoft-Lizenzen

Die Ausgaben des Bundes für Microsoft-Lizenzen steigen rasant. Eine Analyse verweist auf die Risiken der digitalen Abhängigkeit.

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GebĂĽndelte 500-Euro-Scheine

(Bild: RODWORKS/Shutterstock.com; heise medien)

Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Prof. Dennis-Kenji Kipker
  • Michael Kolain
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

481,4 Millionen Euro: So viel hat die Bundesverwaltung 2025 für Microsoft-Lizenzen ausgegeben – nach 274,1 Millionen Euro (2023) und 347,7 Millionen Euro (2024). Diese Dynamik ist mehr als eine Haushaltsnotiz. Denn sie macht sichtbar, wie jahrelange gezielte Produktbündelung und Lock-in-Effekte durch Microsoft den Wettbewerb ausdünnen und die digitale Souveränität Europas ad absurdum führen. Gerade der Bund muss daraus einen Ausweg finden – und mit Vorbildfunktion vorangehen.

Dennis-Kenji Kipker
Dennis-Kenji Kipker

Dennis-Kenji Kipker ist Professor fĂĽr IT-Sicherheitsrecht an der Hochschule Bremen und arbeitet dort an der Schnittstelle von Recht und Technik in der Informationssicherheit und im Datenschutz.

Michael Kolain

Michael Kolain ist Volljurist und Experte für Digitalpolitik. Am FÖV Speyer hat er im Team von Prof. Mario Martini den Programmbereich „Digitalisierung“ aufgebaut und zu KI-Regulierung, Digitalisierung der Verwaltung und Daten(schutz)recht geforscht. Als Fraktionsreferent für Digitalpolitik hat er an der Gesetzgebung der Ampelregierung mitgewirkt. Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Gesetzgebung, Wissenschaft und der Entwicklung digitaler Technologien.

Die massiven Summen basieren darauf, dass der Bund einen zentralen Rahmenvertrag der Zentralstelle IT-Beschaffung nutzt, um Microsoft-Lizenzen zu erwerben. Das BMI verhandelt den Rahmenvertrag, der spezielle Konditionen für die gesamte öffentliche Verwaltung enthält, in der Regel alle drei Jahre neu aus.

Dass sich die Ausgaben binnen zwei Jahren so stark erhöhen, ist ein deutliches Warnsignal dafür, dass sich der Staat zum Ankerkunden eines digital unsouveränen Ökosystems degradiert hat – mit sinkender Verhandlungsmacht. In den Behörden hat es sich teils über Jahrzehnte eingebürgert, dass Outlook, PowerPoint, Exchange-Server und zunehmend auch Teams zur Basisinfrastruktur gehören.

Die Anfrage der digitalpolitischen Sprecherin der Grünen, Rebecca Lenhard zeigt zudem auf, dass es dem Bund an einer Gesamtsicht auf die digitalen Abhängigkeiten im Föderalstaat fehlt: Für Länder und Kommunen liegen der Bundesregierung laut Antwort keine belastbaren Zahlen vor. Das Gesamtvolumen der Lizenzausgaben für Microsoft in der gesamten deutschen Verwaltung dürfte deutlich höher sein. Genau hier zeigt sich, warum digitale Souveränität noch zu oft als bloße Aufgabe der IT abgetan wird: Ohne Transparenz über Ausgaben, gemeinsame Standards und Koordination in der IT-Beschaffung der öffentlichen Verwaltung werden Abhängigkeiten zu einem Einzelkonzern nicht abgebaut, sondern fortgeschrieben.

Microsofts Marktmacht speist sich dabei weniger aus einem einzelnen Produkt als aus der Bündelung zu einer nahezu komplett durchintegrierten Arbeits- und Cloudumgebung: Windows, Office, E-Mail und Kollaboration, Identitäten, Security- und Compliance-Bausteine sowie Cloud-Infrastruktur greifen ineinander. Alternative Lösungen lassen sich dadurch selten „plug and play“ integrieren. Ein Umstieg auf Alternativen avanciert schnell zu einem organisatorischen Großprojekt. Erst hat man sich jahrelang mehr oder weniger bewusst in die technologische Abhängigkeit begeben – jetzt steckt man fest. Ohne politische Entscheidung von ganz oben fehlen den einzelnen Behörden oftmals die Ressourcen, um selbsttätig umzusteuern.

Die gezielte Bündelung von Produkten und Diensten wird in dominanten Märkten schnell zur faktischen Kopplung: Wenn zentrale Funktionen nur im Paket attraktiv bepreist oder technisch am besten integriert sind, entscheidet am Ende die geringste Reibung – und nicht das beste oder digital souveränste Angebot über den Beschaffungsprozess. Das Vertriebsnetz des Konzerns aus Redmond tut sein Übriges, um kommunale IT-Referate und zentrale Beschaffungsstellen bei der Stange zu halten.

Dass die EU-Kommission aktuell Microsofts Kopplungspraktiken im Kollaborationsmarkt mit MS Teams und MS Office untersucht, zeigt die Schwere des Dilemmas, in dem wir uns aktuell befinden. Mit der Integration von KI-Tools in Microsoft 365 erleben wir jedoch zurzeit schon den nächsten Pfad in die digitale Abhängigkeit.

Der Effekt, im Microsoft-Ökosystem festzuhängen, wirkt in der Verwaltung besonders stark. Denn im öffentlichen Sektor sind Kontinuität, Rechtssicherheit und Interoperabilität über Behördengrenzen hinweg von zentraler Bedeutung. Wenn Dokumente, Identitäten, Zugriffsmodelle und Schnittstellen auf ein einzelnes Ökosystem zugeschnitten sind, steigen jedoch gleichzeitig Migrationsaufwände und auch Ausfallrisiken in der Cybersicherheit.

Der Marktmechanismus versagt dann nicht mangels (digitalsouveräner) Alternativen, sondern wegen praktisch prohibitiv hoher Wechselkosten. Ebenjene Plattform- und Lock-in-Effekte sind nach wie vor der zentrale Treiber unserer digitalen Abhängigkeit. Wenn gar ab 2029 ein konsequenter Wechsel auf Abo-Modelle mit obligatorischer Azure-Subscription droht, wird aus Abhängigkeit zu Microsoft ein strategischer Zwang – insbesondere ohne Plan B.

Im Cloud-Computing entscheiden nicht nur technische Merkmale, sondern auch Lizenzkonditionen: Europäische Cloud-Verbände kritisieren seit Jahren, dass bestimmte Microsoft-Lizenzmodelle Workloads auf Nicht-Microsoft-Clouds verteuern oder beschränken. Vereinbarungen mit europäischen Anbietern, etwa im Umfeld von CISPE, haben zwar Verbesserungen angestoßen, werden aber zugleich als unzureichend bewertet und belegen vor allem eines: Lizenzregeln lassen sich als Hebel nutzen, um die eigene Cloud strukturell zu begünstigen.

Für die öffentliche Hand ist das doppelt relevant: Denn Steuermittel fließen nicht nur in Lizenzen, sondern verfestigen indirekt auch die Marktmacht, wenn die IT-Beschaffung ein geschlossenes Ökosystem weiter skaliert. Gleichzeitig wird es für offene, interoperable Alternativen schwerer, auf einem hart umkämpften Markt Fuß zu fassen.

Digitale Souveränität bedeutet vor allem Wahlfreiheit und Steuerungsfähigkeit: Anbieterwechsel ohne Kontrollverlust, nachvollziehbare Datenflüsse, Datenhoheit und Datenschutz, prüfbare Sicherheitsmaßnahmen und belastbare digitale Handlungsoptionen in Krisenfällen. Wer zentrale Verwaltungsprozesse weiterhin im Microsoft’schen Cloud-Stack bündelt, ignoriert diese Erfordernisse nicht nur, sondern importiert systemische Risiken in die eigene IT – von Lieferkettenabhängigkeiten über Preissprünge bis zu rechtlichen Unsicherheiten und dem Steuerungsverlust des Staates über seine digitalen Arbeitsgrundlagen.

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Die Forderung nach stärkerer Digitalsouveränität ist mittlerweile ein Kernelement für die Handlungsfähigkeit des deutschen Staates und Europas Fähigkeit, digitale Infrastruktur nach eigenen Regeln zu gestalten. Solange Bund, Länder und Kommunen ohne gemeinsamen Zielkorridor agieren, entstehen Insellösungen – und diese verstärken am Ende genau die Lock-in-Effekte, die man politisch eigentlich reduzieren will.

Der Bund braucht jetzt unbedingt einen realistischen Diversifizierungs- und Exit-Pfad aus der einseitigen Abhängigkeit und der jahrelangen Dominanz eines einzelnen Anbieters. Bei politischen Appellen, wie jüngst beim Digitalgipfel mit Friedrich Merz und Emmanuel Macron, darf es nicht bleiben. Zumal es durchaus pragmatische Handlungsoptionen gibt, um das Ziel zu erreichen:

  • Kostentransparenz ĂĽber alle Ebenen hinweg verankern, um Verhandlungsmacht und Planungssicherheit zu gewinnen,
  • Machbarkeits- und Potenzialstudien fĂĽr alternative Pfade bei Betriebssystem, Office, Kommunikation, Kollaboration,
  • einen Mix geeigneter und bedarfsgerechter Anbieter in der öffentlichen Vergabe anstreben und
  • Interoperabilität, Datenportabilität und offene Standards als Vertrags- und Beschaffungspflicht definieren.

Parallel braucht es eine wettbewerbsrechtlich flankierte Strategie: Wo Lizenzregeln oder Kopplungspraktiken fairen Wettbewerb behindern, müssen Bundeskartellamt und EU-Kommission ihre Instrumente konsequent nutzen. Der entscheidende Hebel bleibt jedoch eine abgestimmte Beschaffungsstrategie von Bund und Ländern mit gemeinsamen Mindeststandards. Der Bund muss hier vorangehen, weil nur er die Signalwirkung und Skalierungskraft besitzt, um aus Pilotprojekten echte Souveränität zu machen.

Die Zeit drängt. Wenn der Bund ohnehin vor neuen Vertrags- und Migrationsentscheidungen steht, muss er die kommenden Jahre nutzen, um Alternativen zu Microsoft in skalierbaren Referenzarchitekturen zu erproben, Kompetenzen aufzubauen und den Umstieg schrittweise angehen. Dass sich Bund, Länder und Kommunen über einen Rahmenvertrag bei Microsoft mit Lizenzen eindecken, dabei große deutsche Unternehmen als Licensing Solution-Partner eingebunden sind, es aber keinen Gesamtüberblick über die Kosten gibt, lässt sich den Steuerzahlenden kaum vermitteln. Auch hier muss die Bundesregierung künftig klüger und weitsichtiger verhandeln.

Mittelfristig sollten die fast 500 Millionen Euro pro Jahr nicht mehr in Microsoft-Lizenzen fließen, sondern den Umstieg auf ein souveränes Ökosystem für öffentliche IT finanziell unterstützen. Dazu gehört auch ein politisch gesetztes Zieldatum, ab dem kritische Kernfunktionen in der nationalen IT-Infrastruktur nicht mehr exklusiv an ein einzelnes Ökosystem gebunden sein dürfen.

(fo)