Zahlen, bitte! Schachmatt nach 37 Zügen: Deep Blues Silizium-Sieg gegen Kasparow

1996 schlug IBMs Deep-Blue-Computer Schachweltmeister Garri Kasparow in 37 Zügen. Der Sieg der IT über das Schachgenie markierte eine Mensch-Maschine-Wende.

vorlesen Druckansicht 43 Kommentare lesen
Aufmacherbild Zahlen, bitte

(Bild: heise medien)

Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Am 10. Februar 1996 verlor der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow die erste Schachpartie gegen den IBM-Computer Deep Blue. Der unter Turnierbedingungen in Philadelphia ausgetragene Wettkampf „Mensch gegen Maschine“, der von 3000 Zuschauern vor Ort und einem Millionenpublikum im Internet verfolgt wurde, erregte großes Aufsehen.

Zwar gewann Kasparow die Spielreihe noch mit 4:2 (eine Niederlage, zwei Remis, drei Siege), doch den Revanchekampf im Jahre 1997, bei dem Kasparow groß ankündigte, die „Ehre der Menschheit“ zu verteidigen, gewann die Maschine mit 3,5:2,5. Es war die schlimmste Niederlage seiner großen Karriere.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Zur Erinnerung an die historische Niederlage gab die Deutsche Post 2021 eine Briefmarke heraus heraus, die passionierte Schachspieler trösten sollte, die von ihrem Smartphone geschlagen wurden. Denn längst haben Apps mit dem Zugriff auf Datenbanken eine Spielstärke erreicht, die die von Deep Blue übertrifft, von der selbstlernenden Schachintelligenz Alpha Zero mal ganz abgesehen.

Videos by heise

1996 sah das anders aus: Fachleute meinten, dass vor der Jahrhundertwende kein Computer den amtierenden Weltmeister schlagen könnte. Kasparow selbst hatte bereits im Juni 1985 eine Simultanpartie gegen 32 Schachcomputer akzeptiert, die er 32:0 gewann.

Garri Kimowitsch Kasparow (*13. April 1963 in Baku, Aserbaidschan), hier im Jahr 2023 fotografiert, gilt als einer der stärksten Spieler der Schachgeschichte. Seine Niederlagen gegen Deep Blue belegten, wie stark die Computertechnik geworden ist.

(Bild: CC BY 4.0, European Union)

Im selben Jahr begann der Informatikstudent Feng-hsiung Hsu an der Carnegie Mellon University an der Entwicklung eines Schachcomputers namens ChipTest. 1987 gewann es die Meisterschaft der Schachcomputer. Hsu gewann den Informatiker Murray Campbell für seine Idee, einen Schachrechner zu bauen, der einen Großmeister schlagen kann. Als die beiden Entwickler 1989 zu IBM Research wechselten, wechselte auch der Name ihres Projektes.

Zuerst hieß der Schachcomputer Deep Thought, ehe er nach IBMs Spitzname „Big Blue“ in Deep Blue umgetauft wurde. Bei IBM stießen die Programmierer Arthur Joseph Hoane und Jerry Brody zum Projekt, einen Schachcomputer auf der Basis des IBM RS/6000 mit seinen parallel arbeitenden Prozessoren zu entwickeln. Mit dem US-amerikanischen Großmeister Joel Benjamin, Autor von Unorthodox Openings, gewann man einen Experten für die Spieleröffnung.

Der Prototyp von Deep Blue wurde 1995 fertig, der zweieinhalb Millionen Stellungen pro Sekunde berechnen konnte. Man begann mit der Arbeit, den exzentrischen Weltmeister Garri Kasparow für einen Wettkampf zu gewinnen – etwa mit einer Printwerbung für den Schachwettkampf, in der der Schachcomputer angeblich eine Spock-hafte Liebeserklärung abgab: „I am a powerful supercomputer, Mr. Kasparow. I do not have emotions. Ah, what the heck, I love you man.“

IBMs Deep Blue.

(Bild: CC BY 2.0, Christina Xu)

Kasparow akzeptierte und begann seinerzeit damit, zehn neue Eröffnungsvarianten zu entwickeln, da er davon ausgehen musste, dass all seine bisherigen Eröffnungen im Speicher von Big Blue lagen. Als Trainingspartner nutzte er Chessbase Fritz 4. Zur ersten Partie in Philadelphia vor großem Publikum spielte der von New York aus zugeschaltete Deep Blue mit weißen Steinen.

Nach einem zurückhaltenden Beginn des Computers meinte Kasparow, die Partie im Griff zu haben, bis ihn der 23. Zug von Deep Blue irritierte und er den Verdacht schöpfte, dass ein Mensch seine Finger im Spiel hatte. Danach setzte er auf Angriff, doch Deep Blue parierte geschickt und hatte im 37. Zug eine Stellung erreicht, in der Schwarz aussichtslos feststeckte. Angeblich verbrachte Kasparow eine schlaflose Nacht, in der er über seine Fehler grübelte.

Das Spiel Deep Blue (weiße Figuren) gegen Garri Kasparow (schwarze Figuren) aus dem Jahr 1996 in einer GIF-Animation. Der IBM-Computer brauchte 37 Züge zum Sieg.

(Bild: CC0. Morn)

Nachdem er im ersten Wettkampf im Februar 1996 gesiegt hatte, akzeptierte Kasparow eine Revanche, für die Deep Blue mit verdoppelter Geschwindigkeit und vervierfachten „Schach-Chips“ auf VLSI-Basis ein ungemein umfangreiches „Update“ erhielt.

Das „Update“ von Kasparow machte die Sache nicht besser: Aus dem so titulierten „Freundschaftswettkampf“ von 1996 machte er 1997 ein Jahrhundertmatch, in dem er die „Ehre der Menschheit“ verteidigen wollte. Wladimir Kramnik, sein Schüler und Nachfolger als Schachweltmeister, spöttelte, dass die Menschheit aus mehr Menschen als Kasparow besteht.

In den Revanchepartien gegen Deep Blue sorgte Kasparow für großen Unmut, indem er das IBM-Team wiederholt bezichtigte, händisch ins Spiel eingegriffen zu haben. Auf einer Pressekonferenz sprach er von einem „Maradona-Moment der Schachgeschichte“, in Anspielung auf das ungeahndete Handspiel-Tor von Diego Maradona, der damit den Sieg Argentiniens im Fußball-WM-Viertelfinale 1986 über England einleitete.

Erst mit dem Abstand von vielen Jahren änderte sich sein Blick auf die Partien mit Deep Blue, wie er in seinem Buch Deep Thinking reflektierte. Kasparow, der sich zwischenzeitlich als Kritiker der Künstlichen Intelligenz einen Namen machte, schrieb in seinem Buch im Jahre 2017: „Wer sich in meine Lage vor 20 Jahren versetzen will, muss sich einfach in ein autonomes Auto setzen.“

(mawi)