Falsch abgebogen? Australiens Social-Media-Verbot kein Vorbild

Das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Australien wird umgangen und macht weniger regulierte Plattformen wie 4chan attraktiver.

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Personen mit  Smartphones in den Händen im Kreis stehend

(Bild: View Apart / Shutterstock.com)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Monika Ermert
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Das in Australien seit Dezember 2025 geltende Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige wird auf vielfältige Weise umgangen und macht zugleich weniger regulierte Plattformen wie 4chan attraktiver. Tom Sulston von Digital Rights Watch Australia nennt den Bann einen Sieg der Symbolpolitik über echte Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen online. Technische Experten warnen vor Kollateralschäden für den Datenschutz.

Die australische Regierung feierte sich zwei Monate nach dem Inkrafttreten des Verbots von zehn Social-Media-Plattformen für unter 16-Jährige als den Vorreiter beim Kinderschutz in der digitalen Welt.

Die zuständige eSafety-Kommissarin, Julie Inman Grant, lobte anlässlich des Safer Internet Day, die Überprüfung beziehungsweise Schließung von 4,7 Millionen Accounts durch Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat, X, YouTube, Reddit, Twitch, Kick und Threads. Angesichts einer Gesamtzahl von 2,3 Millionen 8-15-Jährigen in der australischen Bevölkerung sei dies „ein guter Start“.

Man werde rigoros dafür sorgen, dass die Plattformen das Gesetz korrekt umsetzen, versprach sie und verwahrte sich gegen Kritik: „Wie ein KI-generierter Mark Twain hochgerechnet hätte‚ Berichte über Tote durch das Social-Media-Verbot sind stark übertrieben’.“

Die nächsten Schritte könnten eine Ausdehnung der Verbote auf andere Plattformen, etwa Spieleplattformen, ebenso wie die schon zur Altersverifikation angehaltenen Suchmaschinen sein.

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Belastbare Zahlen dazu, wie viele Jugendliche tatsächlich ausgesperrt wurden, gibt es aber aktuell nicht, sagte Tom Sulston, Politikexperte der Organisation Digital Rights Watch auf Einladung der europäischen digitalpolitischen Denkfabrik „Interface“.

Die Regierung hatte den Plattformen bei der technischen Umsetzung der für das Verbot notwendigen Altersverifizierung viel Spielraum gegeben. Beim Scannen von Gesichtern zur Altersfeststellung bedienten sich Jugendliche allerlei Tricks, um älter auszusehen. Ohnehin ist die entsprechende Software wenig genau, so Sulston. Bedarf es eines Ausweisdokuments, würden einfach ältere Geschwister oder Freunde bemüht.

Laut Berichten in australischen Medien erleben die Jugendlichen selbst die Altersüberprüfungen durch die Plattformen als völlig erratisch.

Nicht die technischen Unzulänglichkeiten sind das Hauptproblem, findet Sulston. Vielmehr kritisiert er, dass Australiens Regierung behauptet, mit dem Bann Kinder im Netz sicherer gemacht zu haben. „An den negativen Folgen des Überwachungskapitalismus für Kinder und uns alle ändert das nichts“, sagte er im Interface-Fachgespräch. Eher sammelten die Plattformen noch mehr Daten wie Gesichtsscans oder Ausweisinformationen.

Vertreter einer Hotline fĂĽr Jugendliche warnten ĂĽbrigens vor dem Effekt, besonders verletzliche Gruppen wĂĽrden daran gehindert, sich mit Gleichgesinnten ĂĽber besondere Notlagen auszutauschen.

Gute technische Konzepte zur Umsetzung von Altersverifikationen sind schwierig – und praktisch nicht ohne negative Effekte zu haben. Das stellten Entwickler bei einem Workshop auf Einladung des Internet Architecture Board und des World Wide Web Consortium im vergangenen Jahr fest.

Die Kombination von Altersverifikationen ohne besondere Maßnahmen zum Schutz der persönlichen Daten von Kindern sei in der EU kaum denkbar, schrieb eine Gruppe von Forschern des CISPA Helmholtz Center for Information Security, der technischen Hochschule Lausanne und des Max Planck Institute for Security and Privacy.

Privacy Enhancing Technologies seien aber zugleich weder ein Garant dafür, dass die Alterschecks nicht umgangen werden, noch könnten sie den Abfluss von Daten grundsätzlich verhindern. Überdies führten sie Kontrollpunkte ein, die grundsätzlich für Zensurmaßnahmen missbraucht werden können. Überdies könnten sie, nicht zuletzt aufgrund ihrer jeweiligen Komplexität, die ohnehin bestehende Konzentration im Plattformmarkt weiter verstärken. Zudem fürchten die Datenschutzexperten, dass Umgehungstechniken wie VPNs Gegenstand von Verboten werden könnten.

Die dem australischen Modell nacheifernden EU-Länder, darunter Spanien, Frankreich, Dänemark, Portugal und auch Deutschland – sowie die EU insgesamt – wären gut beraten, die Mahnungen aus der Technik ernster zu nehmen als ihre Kollegen Down Under.

(afl)