World Computer Day: 80 Jahre ENIAC
Vor 80 Jahren wurde ENIAC der Welt vorgestellt. Nicht der erste, aber der wichtigste Computer seiner Zeit.
Der ENIAC im Betrieb, Glenn A. Beck und Betty Snyder arbeiten gerade an der Maschine.
(Bild: US Army)
Heute ist der Weltcomputertag. Er wird alljährlich am 15. Februar zum Jahrestag der Vorstellung des "Electronic Numerical Integrator and Computer" (ENIAC) gefeiert und ist dieses Jahr ein ganz besonderes Ereignis. Denn ENIAC wurde vor 80 Jahren der US-amerikanischen Öffentlichkeit vorgestellt. Davor war die Arbeit an dem frei programmierbaren Rechner streng geheim: Ab 1943 arbeiteten J. Prosper Eckert und John W. Mauchly mit 50 Mitarbeitern an der Entwicklung eines Leitbahnrechners zur Erstellung von ballistischen Schusstafeln für das Ballistic Research Center der US-Army, der im Aberdeen Proving Ground eingesetzt werden sollte. Als ENIAC im Dezember 1945 termingerecht fertiggestellt wurde war der Krieg jedoch zu Ende. Die Maschine berechnete anschließend thermonukleare Gleichungen für das Los Alamos Projekt der Wasserstoffbombe, ehe sie der Welt vorgeführt wurde.
Zum 80. Geburtstag gibt es am World Computer Day eine Reihe von Veranstaltungen, von denen der ENIAC Day im Amerikanischen Helicoptermuseum in Westchester im US-Bundesstaat Pennsylvania die wichtigste sein dürfte. Hier treten die Kinder von Eckert und Mauchly auf, hier erzählen die Töchter der ENIAC-Programmierinnen, was diese geleistet haben. Die Veranstaltung wird vom Compuseum gesponsort, das Computernutzer in aller Welt dazu auffordert, um 14:15 EST ihren Computer zu Ehren von ENIAC für eine Minute auszuschalten. ENIAC selbst lief von 1945 bis 1955 möglichst ohne Abschaltungen, weil seine 17.800 Röhren empfindlich waren. Deshalb wurde versucht, ihn durchgehend laufen zu lassen. Den letzten echten Einsatz hatten einzelne Teile seiner Hardware an seinem 50. Geburtstag im Beisein des damaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, der in seiner Rede ENIAC als "Urahn" des Internets feierte. Gore erhielt dabei auch eine Auszeichnung der University of Pennsylvania für den Begriff des "Information Superhighway", den er popularisierte.
Vom Raum mit Schalttafeln zum einzelnen Chip
Dass ENIAC auch vor dreißig Jahren noch wirklich rechnen konnte, lag an einem Chip, den Studenten der Universität von Pennsylvania zum 50. Jubiläum entwickelt hatten und der als "ENIAC-on-a-Chip" bekannt wurde. Zum nun 80. Jubiläum kann man in Gilbert im US-Bundesstaat Arizona das genaue Gegenteil bestaunen. Hier wurde der seinerzeit 30 Tonnen schwere Koloss, obwohl nicht lauffähig, originalgetreu von 80 neurodivergenten Schülerinnen und Schülern in der Turnhalle der PS Academy nachgebaut. Deren Smartphones sind leistungsfähiger als ENIAC.
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Die Geschichte von ENIAC ist vielfach erzählt, die seiner ersten öffentlichen Präsentation weniger. Die PR der US-Army gab ein Papier heraus, das ENIAC als "mathematischen Roboter" beschrieb; der erste Bericht erschien noch am Tag der Vorstellung in der New York Times. Ob das Lösen von Differentialgleichungen das Publikum interessierte, ist nicht bekannt. Der erste, der die Bedeutung der Erfindung erkannte und wissenschaftlich beschrieb, war der britische Mathematiker Douglas Rayner Hartree. Er hatte im zweiten Weltkrieg an einer Differentialmaschine gearbeitet und wurde bereits 1945 in die USA geschickt, um ENIAC zu studieren. Zur öffentlichen Präsentation des Rechners an der Moore School of Electrical Engineering an der Universität von Pennsylvania reiste Hartree mit Alan Turing, John Womersley und Maurice Wilkes an.
Sein zweiteiliger Bericht erschien 1946 in "Nature" als "The ENIAC, an electronic calculating machine" und "The ENIAC, an electronic computing machine". Im Osten las der Computerpionier Nikolaus J. Lehmann die Berichte von Hartree und plädierte, dass man solche empfindlichen Schränke nicht bauen sollte. Er machte sich an die Entwicklung seines Tischrechners D1. Im Westen schrieb der Ballistiker Heinrich Pösch 1947 in der "Zeitschrift für angewandte Mathematik und Mechanik" über "Eine automatische Rechenmaschine mittels Röhren". Pösch war zu dieser Zeit Mitarbeiter des französischen Instituts SEA, das die ersten französischen Röhrenrechner baute.
Das „Elektronengehirn“
Abseits der Fachwelt wurde das deutschsprachige Publikum von Artikeln wie dem über die "Maschine mit Gehirn" informiert. 1950 beschrieb der "Spiegel" seiner Leserschaft das Maschinengehirn ENIAC, das "beängstigend menschlich" funktioniert. "Die Hauptarbeit leisten Tausende von elektronischen Röhren: Eine Gruppe erledigt die eigentliche Rechenaufgabe. Eine zweite stapelt Zwischenlösungen und Befehle an die Maschine auf. Sie stellt eine Art "Gedächtnis" dar, einen Speicher, aus dem die Maschine zur richtigen Zeit das gerade Gebrauchte herbeiholt."
Besonders gruselig wird es, wenn das Innere der Maschine beschrieben wird: "Das Innere eines Elektronengehirns ähnelt der Schaltzentrale eines Rundfunkhauses. An den Wänden befinden sich Regale mit Tausenden von Röhren, Schaltern und Kontrolllampen. Dahinter ein Spinngewebe von Leitungen. In der Mitte des "Gehirnkastens" ist ein "Willenszentrum", eine Zentrale, von der aus die Zahlen an die Maschine gehen. Zusammen mit den Befehlen, was damit geschehen soll." So ist diese frühe Beschreibung eines Rechners gar nicht so weit entfernt von der heutigen Debatte über Künstliche Intelligenz, wenn sich das "Willenszentrum" angeblich selbstständig macht.
Eckert und Mauchly hatten nichts für das Raunen über "Elektronengehirne" übrig. Sie machten sich gleich nach der Fertigstellung des ENIAC an die Arbeit, eine verbesserte Version ihrer Rechneridee zu bauen. Befragt, wie er denn seine Arbeit an ENIAC bewertete, antwortete John Presper Eckert: "Was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass nichts wie der ENIAC da war, obwohl es alle benötigten Komponenten 10 oder sogar 15 Jahre früher schon gab. Der ENIAC hätte 10 oder 15 Jahre früher erfunden werden müssen und die echte Frage ist doch die, warum das nicht schon früher passierte."
(nie)