Sorge an der Börse: Tech-Aktien verlieren

Backlash: Big-Tech-Aktien notieren seit Jahresbeginn im Minus. Die Wall Street ist ĂĽber das Disruptionspotenzial besorgt.

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(Bild: Bro Crock/Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Noch vor wenigen Monaten schien Künstliche Intelligenz (KI) der sicherste Investmenttrend der Dekade zu sein. Zwischen 2023 und 2025 erlebten Tech-Aktien eine der stärksten Haussephasen der Börsengeschichte. Kapital floss in AI-Infrastruktur, Cloud, Chips und Software. Anfang 2026 zeigt sich jedoch eine überraschende Gegenbewegung. Der Markt beginnt, den Preis für diese Zukunft neu zu berechnen. Der Stimmungsumschwung erfolgte mit dem Jahreswechsel: Investoren fürchten zunehmend, dass generative AI nicht nur Produktivität steigert, sondern auch Geschäftsmodelle zerstört – entlang der gesamten Wertschöpfungskette der digitalen Wirtschaft.

Die entscheidende Frage an der Wall Street lautet inzwischen nicht mehr, wer von AI profitiert, sondern wie viel Wert sie gleichzeitig in welchen Branchen vernichtet. Diese Neubewertung zeigt sich mittlerweile deutlich bei den „Magnificent Seven“: Alle sieben Big-Tech-Aktien liegen 2026 gegen den allgemeinen Marktrend bislang im Minus. Amazon und Microsoft verzeichnen dabei sogar zweistellige Verluste, obwohl sie operativ weiter solide wachsen und in den jüngsten Quartalsbilanzen kaum Zeichen der Schwäche zeigten. Der Markt bewertet jedoch nicht mehr nur die Wachstumsperspektiven, sondern das Wachstum relativ zu den immer größeren Investitionen.





Die großen Tech-Konzerne haben zuletzt ihre AI-Investitionsprogramme (Capex) massiv ausgeweitet. Gleichzeitig beginnen Investoren, die kurzfristigen Renditen dieser Ausgaben kritischer zu hinterfragen. Das zentrale Bewertungsproblem lautet: Wie schnell lassen sich die Investitionen monetarisieren – falls überhaupt? 



Noch 2024 und 2025 waren steigende Capex-Quoten ein bullisches Signal, standen also für Aufstieg. Heute interpretiert der Markt sie zunehmend als Margenrisiko. Erste Gewinnrevisionen spiegeln diese Unsicherheit wider. Bei mehreren großen Cloud-Anbietern wie Azure und Google Cloud haben Analysten die Konsensschätzungen für operative Margen 2026 und 2027 zuletzt nach unten angepasst.

Parallel dazu geraten klassische Software-Bewertungen immer massiver unter Druck. Während viele SaaS-Unternehmen in der vergangenen Dekade mit Umsatzmultiplen von 10 bis 20 gehandelt wurden, liegt der Median inzwischen deutlich darunter. Der Grund ist strukturell: Generative KI senkt die Eintrittsbarrieren, erhöht den Wettbewerb und droht, bestehende Preismodelle zu deflationieren.

Diese Entwicklung trifft auch Hype-Aktien aus dem Technologiesektor. Unternehmen wie Palantir, Duolingo, Reddit oder AppLovin’ verloren seit Jahresbeginn zwischen 30 und 50 Prozent, weil ihre Bewertungen stark auf zukünftigen Wachstumsannahmen basierten. Auch Quantum-Computing-Titel korrigierten deutlich.

Die Parallelen zum Tech-Bärenmarkt von 2022 sind damit offensichtlich. Damals verloren viele Hype-Tech-Aktien vom Top 70 bis 80 Prozent. Die aktuelle Bewegung folgt einem ähnlichen Muster: Zunächst fallen hoch bewertete Wachstumswerte, anschließend geraten auch Marktführer unter Druck.

Hinzu kommt eine makroökonomische Dimension. Mehrere Tech-CEOs warnen in den letzten Wochen vor einer beschleunigten Disruption des Arbeitsmarkts. Mustafa Suleyman, CEO von Microsoft AI, sieht die großen Veränderungen in unmittelbarer Zukunft kommen: „Viele klassische Bürojobs sind in ihrer täglichen Arbeit so stark standardisiert und softwarelastig, dass „bei einem Anwalt, Buchhalter, Projektmanager oder im Marketing-Bereich die meisten Aufgaben innerhalb von 12 bis 18 Monaten vollständig von KI automatisiert werden“.

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Noch größer – und zugleich dystopischer – klingt es bei Elon Musk. Er behauptet, „KI und Roboter werden alle Jobs ersetzen. Arbeiten wird optional.“ Gleichzeitig bezeichnete er KI als seine „größte Angst“ – nämlich als Technologie, die er für mächtig genug hält, die Grundlagen von Arbeit und Einkommen zu verschieben. Auch Sam Altman, CEO von OpenAI, formulierte es auf seine Art maximal zugespitzt: In manchen Bereichen würden Jobs „komplett wegfallen“. Außerdem warnt Altman, dass sich Veränderungen, die früher über Generationen liefen, in einer kurzen Zeitspanne stauen würden – und dass ihn die Konsequenzen persönlich belasten.

Dario Amodei, CEO von Anthropic, gießt zusätzlich kaltes Wasser in die Komfortzone der Politik: KI könne „50 Prozent der Einstiegs-Bürojobs“ eliminieren; die Arbeitslosigkeit könne in einem Extrem-Szenario bis auf 20 Prozent steigen. Er nannte das „ungewöhnlich schmerzhaft“ – und schob die wohl wichtigste Erkenntnis hinterher: „Die meisten Gesetzgeber sind sich nicht bewusst, dass das kurz bevorsteht.“

Sollte AI schneller als erwartet Arbeitsplätze ersetzen, könnte dies wiederum Konsum und eine gesamtwirtschaftliche Nachfrage belasten. Für Technologieunternehmen, deren Geschäftsmodelle stark von Unternehmens- und Konsumausgaben abhängen, droht damit doppelter Gegenwind. Die Wall Street versucht aktuell täglich, dieses potenzielle Worst-Case-Szenario einzupreisen.

(emw)