KI-Update kompakt: Demokratie, Pentagon vs. Anthropic, Produktivität, KI-Musik
Das "KI-Update" liefert drei mal pro Woche eine Zusammenfassung der wichtigsten KI-Entwicklungen.
- Isabel GrĂĽnewald
- The Decoder
KI-Schwärme können den demokratischen Diskurs unterwandern
Ein internationales Forschungsteam warnt (u. a. mit Beteiligung der Universität Konstanz) vor koordinierten Angriffen durch KI-Agenten in sozialen Netzwerken. Sogenannte Multi-Agentensysteme können als Schwärme auftreten, gefälschte Personas betreiben und eigenständig Beiträge posten, liken und kommentieren. Weil sie soziales Verhalten authentisch nachahmen, fallen sie zwischen echten Konten kaum auf. Die Schwärme verbreiten gezielt Desinformation, die durch die schiere Masse echt wirkender Absender glaubwürdig erscheint. Die Forscher sehen eine zusätzliche Gefahr: Wenn Trainingsdaten aus sozialen Netzwerken einfließen, können manipulierte Inhalte in das Training zukünftiger Modelle gelangen und dort erneut ausgegeben werden.
Das Problem ist nicht neu, hat aber eine neue Qualität. Während beim Cambridge-Analytica-Skandal noch Menschen Kampagnen erstellen mussten, automatisiert KI den gesamten Prozess. Die Plattformbetreiber verbieten solche Manipulation zwar in ihren Nutzungsrichtlinien, doch böswillige Akteure hält das nicht ab. Es braucht neue Erkennungsstrategien. Wie schwer die Unterscheidung zwischen echt und gefälscht selbst für Profis ist, zeigte jüngst das ZDF: Das „heute journal“ verwendete in einem Beitrag über Einsätze der US-Grenzpolizei ICE ein mit OpenAIs Sora generiertes Video, erkennbar am Wasserzeichen. Der Sender entschuldigte sich und verwies auf einen technischen Fehler.
EU-Parlament deaktiviert KI-Tools auf Diensthandys
Das Europäische Parlament hat KI-Funktionen auf dienstlichen Smartphones und Tablets von Abgeordneten und deren Angestellten abgeschaltet. Laut dem Politikmagazin Politico räumte die IT-Abteilung ein, die Datensicherheit nicht garantieren zu können, solange KI-Werkzeuge auf den Geräten aktiv seien. Betroffen sind Funktionen zum Schreiben und Zusammenfassen von Texten, virtuelle Assistenten und die Zusammenfassung von Internetseiten.
In einer internen E-Mail drängt das Parlament zudem darauf, auch auf privaten Geräten ähnliche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und keine dienstlichen E-Mails oder Dokumente an KI-Werkzeuge zu übermitteln. Das deutet auf ein bekanntes Problem hin: Wenn offizielle Geräte eingeschränkt werden, weichen Nutzer auf private Geräte aus. Diese sogenannte „Schatten-KI“ ist in Unternehmen längst ein wachsendes Problem.
Pentagon droht Anthropic mit weitreichenden Sanktionen
Das US-Verteidigungsministerium droht Anthropic offenbar damit, das Unternehmen als Gefahr für die Lieferkette einzustufen. Eine solche Maßnahme, die normalerweise ausländischen Firmen vorbehalten ist, würde bedeuten, dass kein Unternehmen mit Pentagon-Geschäften zugleich mit Anthropic zusammenarbeiten dürfte. Das berichtet das US-Magazin Axios. Offiziell bestätigt ist die Drohung nicht, was darauf hindeutet, dass sie als Druckmittel in laufenden Verhandlungen dient.
Der Konflikt dreht sich um die Einsatzbedingungen für Anthropics KI-Modell Claude, das Pentagon-Mitarbeiter laut Axios als das leistungsfähigste ansehen. Anthropic erlaubt dem Militär die Nutzung, zieht aber zwei rote Linien: keine Massenüberwachung von US-Bürgern und keine KI-gesteuerten Waffen ohne menschliche Kontrolle vor dem Einsatz. Das Pentagon hält das für (übermäßig) restriktiv.
Musk-Firmen entwickeln KI-Drohnenschwärme für US-Militär
Elon Musks Unternehmen SpaceX und xAI beteiligen sich an einem mit 100 Millionen Dollar dotierten Pentagon-Wettbewerb zur Entwicklung sprachgesteuerter, autonomer Drohnenschwärme. Ziel ist Software, die Sprachbefehle in digitale Anweisungen umwandelt und Drohnenschwärme über mehrere Einsatzbereiche wie Luft und See koordiniert. Beide Firmen arbeiten am gesamten Projekt mit, einschließlich Zielerfassung und Zielbekämpfung.
Der sechsmonatige Wettbewerb soll in fünf Phasen ablaufen, von der Softwareentwicklung bis zu realen Tests. xAI baut seine Pentagon-Präsenz systematisch aus, sucht Ingenieure mit US-Sicherheitsfreigaben und hat bereits einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag mit dem Verteidigungsministerium. Mehrere Verteidigungsbeamte äußerten allerdings Bedenken über die Integration generativer KI in Waffenplattformen.
Manus bringt KI-Agenten direkt in Messenger-Apps
Das chinesische KI-Startup Manus hat eine neue Funktion namens Manus Agents vorgestellt. Nutzer können damit einen KI-Agenten per QR-Code direkt in Messenger-Apps einbinden. Der Agent erledigt mehrstufige Aufgaben, Recherche, Datenverarbeitung und Dokumentenerstellung im Chat und verarbeitet Sprachnachrichten, Bilder und Dateien. Zur Wahl stehen zwei Modelle: Manus 1.6 Max für komplexe Aufgaben und Manus 1.6 Lite für schnelle Anfragen.
Die Funktion startet zunächst bei Telegram, obwohl Meta das Start-up Ende 2025 übernommen hat. Ob der Deal, der noch von chinesischen Behörden geprüft wird, tatsächlich zustande kommt, ist unklar. Möglicherweise will Meta die Funktion zunächst in einem Umfeld testen, das bei Problemen nicht sofort mit dem Konzern in Verbindung gebracht wird.
KI-Produktivitätsschub in den USA erstmals messbar
Erik Brynjolfsson, Direktor des Stanford Digital Economy Lab, sieht in neuen US-Wirtschaftsdaten den ersten messbaren Beleg für einen KI-getriebenen Produktivitätsschub. In einem Gastartikel in der Financial Times verweist er auf aktualisierte Zahlen des Bureau of Labor Statistics: Das US-Beschäftigungswachstum wurde um rund 403 000 Stellen nach unten korrigiert, während die Wirtschaft im vierten Quartal um 3,7 Prozent wuchs. Weniger Arbeitskräfte bei hoher Wirtschaftsleistung seien ein klares Zeichen für Produktivitätswachstum. Brynjolfsson schätzt den US-Produktivitätszuwachs für 2025 auf etwa 2,7 Prozent, fast doppelt so viel wie der Zehnjahresdurchschnitt von 1,4 Prozent.
Er verweist auf die sogenannte Produktivitäts-J-Kurve: Große Technologien bringen nicht sofort messbare Gewinne, weil Unternehmen zunächst Abläufe umbauen und Mitarbeiter schulen müssen. Die aktuellen Daten deuteten darauf hin, dass diese Investitionsphase vorbei sei. Allerdings ist Brynjolfsson Mitgründer von Workhelix, einem Beratungsunternehmen für KI-Einführung, und hat damit ein geschäftliches Interesse daran, den Nutzen von KI hervorzuheben. Zudem könnte das BIP-Wachstum teilweise von den massiven Investitionen in KI-Infrastruktur selbst getrieben sein.
Tech-Aktien unter Druck trotz KI-Boom
Noch vor wenigen Monaten galt künstliche Intelligenz als sicherster Investmenttrend der Dekade. Seit 2023 floss massiv Kapital in KI-Infrastruktur, Cloud, Chips und Software. Anfang dieses Jahres dreht sich die Stimmung jedoch. Investoren fürchten zunehmend, dass generative KI nicht nur Produktivität steigert, sondern auch Geschäftsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette zerstört.
Selbst die Aktien großer Konzerne fallen, da deren riesige KI-Investitionen die Gewinne schmälern könnten. Hinzu kommt, dass einflussreiche Tech-Chefs öffentlich davor warnen, KI werde schon bald viele Bürojobs ersetzen. Diese Unsicherheit über die negativen wirtschaftlichen Folgen drückt die Kurse: Ein möglicher Jobverlust würde auch den Konsum und damit die gesamte Wirtschaft schwächen.
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Raspberry Pi profitiert von KI-Spekulation
Die Aktien von Raspberry Pi, einem britischen Hersteller von Einplatinencomputern, legten am Dienstag an der Londoner Börse um bis zu 42 Prozent zu. Befeuert wurde der Kurssprung durch Spekulationen in sozialen Medien, wonach die Nachfrage nach den Geräten steigen könnte, weil Programmierer den KI-Chatbot OpenClaw so angepasst haben, dass er effizient auf einem kleinen Cluster von Raspberry-Pi-Minicomputern läuft. Diese sind deutlich günstiger als etwa Apple-Systeme.
Der Aufschwung ist allerdings nur eine Momentaufnahme: Die Aktie liegt immer noch rund 50 Prozent unter ihrem Rekordhoch von vor einem Jahr. Seit dem vergangenen Sommer ist der Kurs rückläufig, belastet durch sinkende Gewinne und steigende Kosten für Speicherchips, die in vielen Raspberry-Pi-Produkten stecken.
Erste private Radiosender spielen KI-generierte Songs
Die ersten privaten Radiosender in Deutschland spielen regelmäßig KI-generierte Musik. Sender der The Radio Group, eines Medienunternehmens mit Stadtradios wie Radio Frankfurt, Radio Cottbus und Antenne Kaiserslautern, senden zwischen ein und vier Uhr nachts die „KI-Musik-Nacht“. Auch der bayerische Sender 95.5 Charivari baut sein Nachtprogramm mittlerweile auf KI-generierter Musik auf. Dass die Songs KI-generiert sind, wird zu Beginn und zwischen den Stücken transparent gemacht. Eine Ausweitung auf das Tagesprogramm ist bislang nicht geplant.
Neben dem Unterhaltungswert spielen ökonomische Interessen eine Rolle: Für KI-generierte Musik fallen keine GEMA-Gebühren an. Je mehr KI-Songs ein Sender spielt, desto geringer der Anteil lizenzpflichtiger Musik und desto niedriger die Kosten. Die GEMA sieht das mit Sorge. KI-generierte Musik sei zwar nach überwiegender juristischer Auffassung nicht urheberrechtlich geschützt. KI-Songs, deren Modelle mit geschützten Werken trainiert wurden, könnten aber die Rechte der Urheber verletzen. Der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, Thorsten Schmiege, sieht die KI-Anbieter in der Pflicht, für mögliche Rechtsverletzungen geradezustehen.
Sony entwickelt Software zur Erkennung von Originalsongs in KI-Musik
Forschende von Sony AI haben eine Software entwickelt, die Originalsongs in KI-generierter Musik erkennen kann. Das Modell vergleicht Musik aus beiden Quellen und schätzt die prozentualen Anteile einzelner Originalwerke am KI-generierten Ergebnis, etwa „30 Prozent Beatles und 10 Prozent Queen“, berichtet Nikkei Asia.
Sony will damit Rechteinhabern zu einem Anteil an den Einnahmen aus KI-generierter Musik verhelfen, sofern diese unter Verwendung geschĂĽtzter Werke entstanden ist. Der Konzern hofft, dass KI-Anbieter die Technik in ihre eigenen Modelle integrieren, und sieht darin die Grundlage fĂĽr ein VergĂĽtungssystem, das Einnahmen entsprechend dem Anteil der beteiligten Urheber verteilt.
ByteDance gibt dem Druck aus Hollywood nach
ByteDance, der chinesische Eigentümer von TikTok, will sein KI-Videogenerierungsmodell Seedance 2.0 so ändern, dass es keine urheberrechtlich geschützten Inhalte mehr erzeugen kann. Künftig soll das Modell keine Videos mehr generieren können, in denen geschützte Charaktere oder prominente Personen vorkommen. Auslöser waren Abmahnungen von Hollywood-Unternehmen wie Disney und Paramount Skydance, nachdem KI-generierte Clips mit Figuren aus „Star Wars“ und dem Marvel-Universum im Internet aufgetaucht waren.
Ein ByteDance-Sprecher erklärte dem US-Sender CNBC, das Unternehmen ergreife Maßnahmen gegen unerlaubte Nutzung von geistigem Eigentum. Wie dies technisch umgesetzt werden soll, ließ ByteDance allerdings offen.
WordPress fĂĽhrt KI-Assistenten fĂĽr Webseiten ein
Das Content-Management-System WordPress hat einen KI-Assistenten für Webseiten eingeführt, die auf WordPress.com gehostet werden. Die KI soll Inhalte und Layout so weit verstehen, dass Änderungen in natürlicher Sprache möglich sind. Auf ungenaue Anweisungen wie „Dieser Bereich soll moderner und geräumiger wirken“ liefert das System entsprechende Vorschläge als Vorschau.
Zudem ist Googles Bildgenerator Nano Banana integriert, mit dem sich fotorealistische Bilder direkt erstellen lassen. Das soll die Nutzung externer KI-Werkzeuge und das damit verbundene Kopieren und EinfĂĽgen ĂĽberflĂĽssig machen.
(igr)