3D-gedruckte Pfeifen gegen ICE: Maker mobilisieren in den USA

Mit 3D-Druckern, Meshnetzen und Hackerspaces unterstützt die Maker-Szene in den USA zivilen Widerstand gegen die Razzien der Immigrationsbehörde ICE.

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ICE-Einsatzkräfte halten einen Protestanten am Boden fest (Broadview, Illinois, USA – 26.09.2025)

(Bild: Peter Serocki / Shutterstock.com)

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Als die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) ihre landesweiten Razzien ausweitete und im Januar in Minneapolis zwei Menschen erschoss, suchten viele Amerikaner, die dem kritisch gegenüberstehen, nach einer Möglichkeit, dagegen praktisch zu helfen. Eine Antwort kam aus der Maker-Szene: 3D-gedruckte Pfeifen – um Nachbarn zu warnen, Menschen auf die Straße zu bringen und ICE-Beamte bei ihrem Vorgehen zu filmen.

Allein in der ersten Februarwoche entstanden 200.000 Stück – insgesamt hat die Bewegung laut einem Bericht des US-Technikmagazins The Verge inzwischen über eine halbe Million 3D-gedruckte Pfeifen in 49 US-Bundesstaaten verteilt. Koordiniert wird das von der sogenannten „Whistle Crew", einer losen Gemeinschaft von über 180 Maker.

Verge-Redakteur Sean Hollister, selbst Mitglied der Gruppe, berichtet, dass er mit drei Druckern seit Mitte Januar über 12.000 Pfeifen produziert hat – ohne aufwendige Optimierung, 300 morgens, 300 nachmittags, 100 abends.

Als Modelle haben sich vor allem der ACstudio Micro Bitonal und die Penne durchgesetzt. Erstere erzeugt einen besonders durchdringenden Zweiklang schon bei leichtem Blasen; die Penne wurde explizit für die Massenproduktion optimiert. Wer einen Bambu-Drucker besitzt, kann per App direkt eine vorbereitete Platte mit 105 Pfeifen starten – ein anderes Community-Mitglied hat das Druckprofil bereits hochgeladen. Dann gibt es auch noch das Herz – mit 120 Dezibel extrem laut.

(Bild: www.makerworld.com)

Wired berichtet, dass die Unterstützung aus der Maker-Bewegung weit über Pfeifen hinausgeht. In Hacker- und Makerspaces überall im Land entstehen zusätzlich: 3D-gedruckte Tourniquets, Kamerahalterungen für Bodycams sowie tragbare Augenspülgeräte gegen Pfefferspray.

Auch die Off-Grid-Funktechnik Meshtastic könnte laut Wired künftig eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, ICE-Bewegungen zu beobachten und darüber zu kommunizieren – eine Technik, über die Make neulich geschrieben hat. Meshtastic ermöglicht es, über stromsparende Router ein dezentrales Netzwerk aufzubauen, das ohne Internet oder Mobilfunk funktioniert.

Woody Poulard, Meshtastic-Aktivist in New York und Mitglied des Hackerspaces NYC Resistor, arbeitet laut Wired gemeinsam mit ICE-Watch-Freiwilligen daran, ein breiteres Mesh-Kommunikationsnetzwerk in New York aufzubauen. Die dafür notwendigen Knotenpunkte, sogenannte Nodes, lassen sich selbst bauen und per 3D-Druck in ein kompaktes Gehäuse verpacken – auf Thingiverse gibt es etwa das Magtastic, das per MagSafe ans Smartphone klappt und eine eigene Batterie mitbringt. „Wenn es eine Naturkatastrophe gibt, ist das auch nützlich", sagt Poulard zu Wired. „Aber für die aktuelle Situation ist es ideal."

(Bild: Magtastic / Thingiverse)

Um sich vor rechtlichen Konsequenzen zu schützen, hat die Whistle Crew, die Gruppe hinter den Pfeifen, sich klare Regeln gesetzt: Niemand soll zu illegalen Handlungen aufgerufen werden, Anfragen werden auf ihren Zweck geprüft, und die Gruppe bezeichnet sich ausdrücklich als „loser Zusammenschluss von 3D-Druck-Enthusiasten". Wer in den Chats illegale Aktivitäten erwähnt, wird sofort ausgeschlossen. „Wir drucken Werkzeuge, damit Menschen ihr Versammlungsrecht wahrnehmen können", so die Begründung. „Mehr nicht."

Die Pfeifen folgen einem Codex: Kurze Stöße signalisieren ICE-Sichtung in der Nähe, lange Töne bedeuten, dass jemand festgenommen wird. Angefangen hat es in Los Angeles, wo latino-amerikanische Tagelöhner bereits 2025 nach den ersten Razzien begannen, sich gegenseitig per Pfeife zu warnen.

Ein Flyer der Pilsen Arts & Community House in Chicago erklärt den Pfeifencode: Kurze Stöße warnen vor ICE in der Nähe, lange Töne signalisieren eine laufende Festnahme.

Für viele Teilnehmer hat die Bewegung auch eine psychologische Dimension. „Wenn man direkt jemandem hilft, wirkt das nicht nur auf andere, sondern auch auf einen selbst – viel Angst steckt im Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben", sagt ein Maker aus Minneapolis. Die 3D-gedruckte Pfeife um den Hals ist damit nicht nur ein akustisches Signal, sondern auch ein sichtbares Zeichen der Solidarität. (mch)