Kommentar: Die KI-Bilder im „heute journal” sind ein schwerer Tabubruch

Das „heute journal“ bebildert einen Nachrichtenfilm mit emotionalen, aber falschen Bildern. Das ist kein einfach entschuldbarer „Fehler“, meint Volker Briegleb.

vorlesen Druckansicht 98 Kommentare lesen

Am Dienstag tritt Nachrichtenchefin Anne Gellinek vor die Kamera und räumt „Fehler“ ein. Inzwischen ist auch der korrigierte Beitrag verschwunden.

(Bild: Screenshot/ZDF/heise medien)

Lesezeit: 5 Min.
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Irgendwann musste das ja passieren: Ein großes Medium wird dabei ertappt, dass es Nachrichten mit hübsch passenden KI-Bildern garniert. Dass wir hier jetzt vom „heute journal“ und dem öffentlich-rechtlichen ZDF sprechen müssen, verleiht dem Ganzen eine besondere Brisanz – auch wenn es niemanden wirklich überraschen wird, der die besondere Mischung aus elitärem Selbstbild und bräsiger Fehlerkultur kennt, die den Öffentlich-Rechtlichen eigen ist.

Fakt ist: Jemand beim ZDF hat es für eine gute Idee gehalten, einen Beitrag über die teils brutalen und tödlichen Einsätze der US-Grenzpolizei ICE im „heute journal“ nicht nur mit einem KI-Video zu bebildern, weil weinende Mütter und Kinder halt so schön passen, sondern auch einer weiteren Sequenz, die zwar nicht gefälscht ist, aber alt, und die mit dem Thema nichts zu tun hat.

Damit hat das ZDF – und man muss das so klar sagen – eine rote Linie überschritten. Gefälschte Bilder im Nachrichtenumfeld sind ein schwerer Tabubruch. Sie verfälschen die Realität, die Journalisten abbilden sollen. Sie widersprechen dem Prinzip der Wahrhaftigkeit, das die Basis für Journalismus ist. Sie zerstören das Vertrauen, das die Grundlage der Beziehung zwischen Medien und ihren Zuschauern, Hörern und Lesern ist.

Ein Kommentar von Volker Briegleb
Ein Kommentar von Volker Briegleb

In 20 Jahren im Newsroom von heise online hat Volker Briegleb schon so manchen Trend kommen und auch wieder verschwinden sehen. Ist nicht sicher, ob das Internet oder Hertha BSC die größte Enttäuschung seines Lebens ist.

Als ob das nicht schlimm genug wäre, verheddert sich das ZDF in Widersprüche, als die ersten Fragen kommen. Ein „technischer Fehler“ bei der Überspielung soll schuld sein, dass die KI-Szene nicht als solche gekennzeichnet wurde. Der Sender nimmt den Beitrag aus der Mediathek. Als der wieder online geht, ist nicht etwa die Szene als KI gekennzeichnet, sondern schlicht gelöscht und ersetzt. Und die andere gleich mit.

Fragen zum genauen Ablauf und der Verantwortung für den gesendeten Bericht beantwortet das ZDF nicht. Auch auf die naheliegende Frage, warum die Redaktion offenbar bewusst eine KI-Sequenz in einen Bericht montiert hat und ob das internen Regeln zur KI-Nutzung entspricht (Spoiler: tut es nicht), kommt vom Sender zunächst nur der Versuch, das Thema des Berichts nachträglich umzudeuten.

Dann eine halbherzige Wende: Am Dienstag räumt das ZDF den Fehler ein, schwurbelt aber weiter von fehlender Kennzeichnung: „Diese Sequenz hätte nach den Regeln des ZDF ohne Kennzeichnung und ohne Einordnung so nicht verwendet werden dürfen.“ Am Abend tritt dann die stellvertretende Chefredakteurin und Nachrichtenchefin Anne Gellinek vor die Kamera und ringt sich eine Entschuldigung ab.

Im folgenden Beitrag „in eigener Sache“ räumt das ZDF mit Verweis auf interne Regeln schließlich ein: „Der Einsatz KI-generierter Bilder und Videos von Menschen, Ereignissen und politischen Zusammenhängen sind [sic] im Nachrichtenbereich nicht möglich.“ Im Klartext: Die Redaktion hätte das mithilfe von Sora generierte Video von vornherein nicht in den Beitrag schneiden dürfen – auch nicht, wenn es „gekennzeichnet“ wird. In einem Beitrag vom Mittwoch erklärt das ZDF dann, die fehlende Sorgfalt der „Autorin“ und eine mangelhafte Prüfung durch die Redaktion seien verantwortlich. Inzwischen ist auch die korrigierte Fassung des Beitrags wieder aus der Mediathek verschwunden.

Videos by heise

Womit wir bei der Frage sind, wie das alles passieren konnte – und bei „Hanlons Rasiermesser“. Das ist ein englisches Sprichwort, das besagt: „Schreibe nicht der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend zu erklären ist.“ Unglücklicherweise für das ZDF gibt es inzwischen weitere Erkenntnisse, auf deren Grundlage wir Dummheit weitgehend ausschließen können.

Denn eine etwas längere Schnittfassung des Berichts von Chefkorrespondentin Nicola Albrecht hatte das ZDF bereits am 13. Februar im „Mittagsmagazin“ gesendet (ab 01:20:00). An der fraglichen Stelle mit den authentischen Bildern, die dann auch wieder in der korrigierten Fassung zu sehen waren. Keine KI, kein falscher Zusammenhang. Damit wird zudem klar: Auch der Sprechtext wurde für das „heute journal“ nachgeschärft.

Doch die offizielle ZDF-Version verortet die Verantwortliche im New Yorker Büro. Warum die Autorin für das „Mittagsmagazin“ einen einwandfreien Beitrag abliefert und diesen für das „heute journal“ dann selbst gefälscht haben soll, erklärt das ZDF nicht. Über seine schriftlichen Verlautbarungen hinaus beantwortet der Sender keine Fragen.

So steht der Verdacht im Raum, dass die Redaktion des „heute journal“ den Beitrag der New Yorker Korrespondentin nachträglich manipuliert hat, weil die echten Bilder das Narrativ nicht deutlich genug unterstützen oder nicht emotional genug sind.

Damit wären wir dann bei „Fake News“ und „Desinformation“, deren Bekämpfung sich gerade die Öffentlich-Rechtlichen auf die Fahnen schreiben. Oder um es ganz deutlich zu sagen: Schäbige Propaganda, verbreitet von einem öffentlich-rechtlichen Sender. Das ZDF muss das nun transparent aufarbeiten und echte Konsequenzen ziehen, die über die angekündigten Schulungen für Mitarbeiter hinausgehen – ein „Sorry, Leute“ reicht nicht.

(vbr)