Love-Scam: Liebesbetrug-Masche wegen KI immer erfolgreicher

Liebesschwindel im Netz – immer mehr Menschen werden von Love-Scammern um viel Geld gebracht. KI erleichtert Tätern, ihre Opfer zu täuschen.

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Ein futuristischer Roboter oder eine KI dargestellt als Netz aus Dreiecken hält ein stilisiertes Herz

(Bild: Inkoly/Shutterstock.com)

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Von
  • dpa

Es beginnt mit einem harmlosen „Hallo“ auf der Internetplattform Threads. Die Rentnerin aus dem Landkreis Karlsruhe, die lieber anonym bleiben möchte, wundert sich über den fremden Mann, der ihr da schreibt – und fragt arglos nach. „Dein Foto gefällt mir“, textet der Mann zurück, der mit hellblauer Wollmütze bekleidet auf seinem Instagram-Profil so freundlich dreinblickt. Über Wochen schicken sich die beiden Nachrichten, jeden einzelnen Tag, manchmal dreimal am Tag, erzählt sie.

Bis es ihr merkwürdig vorkommt. Bis sie Verdacht schöpft, weil der Schreibstil sich manchmal ändert oder sie manchmal mitten im Text gesiezt wird. Von sogenannten Love-Scammern, die ihre möglichen Opfer wahllos in sozialen Netzwerken anschreiben, um sie erst mit Liebesschwüren und dann mit Geldforderungen zu überhäufen und um teils erhebliche Summen bringen, wusste sie da noch nichts.

Dabei ist Love-Scamming eine mittlerweile bekannte Betrugsmasche, auf die immer mehr Menschen hereinfallen. Das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart verzeichnet seit Jahren stetig ansteigende Fallzahlen. Unter Berufung auf eine repräsentative Umfrage berichtete der Kreditkartenanbieter Visa im Sommer 2024, dass drei von fünf Menschen die Masche inzwischen kennen und jeder siebte Befragte schon einmal Ziel von Liebesbetrug war.

Verbraucherzentralen und die Polizei warnen seit Jahren regelmäßig vor dieser Form des Betrugs. Auch auf Flirt- und Partnerschaftsportalen sind diese Art von Scams ein Problem: Schätzungen zufolge liegen sie im niedrigen zweistelligen Prozentbereich, schreibt Professor Martin Steinebach vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie. Künstliche Intelligenz (KI) gibt den Betrügern so ausgefeilte Werkzeuge an die Hand, dass es potenziellen Opfern unmöglich ist, echte von gefälschten Bildern oder Dialogen zu unterscheiden, sagt er.

Die Dunkelziffer ist hoch und das Schema immer gleich: Die Liebesbetrügerinnen und -betrüger erstellen Fakeprofile auf sozialen Netzwerken und präsentieren sich – als erfolgreiche Singles, die angeblich viel im Ausland unterwegs sind. „Love Scammer tischen Ihnen als potenziellem Opfer in der Regel ungewöhnliche Lebensgeschichten auf, um sich interessant zu machen“, heißt es von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Doch sobald es um ein persönliches Treffen gehe, ändere sich die Vorgehensweise: „Plötzlich stecken die Scammer angeblich in Schwierigkeiten und haben Probleme, bei denen sie Ihre Hilfe brauchen.“ Dann folgen Bitten ums Geld.

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Der freundliche Kontakt der Rentnerin zum Beispiel gab sich als Bauingenieur namens Arthur aus, halb Deutscher, halb Engländer, alleinerziehender Vater einer 12 Jahre alten Tochter namens Tracy. Beruflich viel auf Baustellen im Ausland unterwegs und derzeit in Istanbul arbeitend. Die Tochter sei im Internat in England.

Die Zahl der im Südwesten verzeichneten Fälle steigt seit Jahren stetig an und ist laut LKA inzwischen knapp vierstellig. Im Südwesten wurden allein seit Anfang dieses Jahres mehrere happige Liebesbetrugsfälle bekannt. In den vergangenen zwölf Monaten überwiesen arglose Opfer insgesamt rund 14 Millionen Euro an ihre vermeintlichen Geliebten, im Jahr 2024 waren es laut LKA sogar rund 18 Millionen Euro. International hat sich eine regelrechte Love-Scam-Industrie entwickelt, die von Ländern in Südostasien oder auch afrikanischen Ländern wie Ghana oder Nigeria aus operiert.

Warum nur ist diese Masche so erfolgreich? Warum ist kein Ende abzusehen? „Eventuell steigen die Fallzahlen ja auch nur an, weil es mehr Angriffsversuche gibt“, sagt Steinebach. Diese seien durch KI natürlich deutlich leichter geworden. „Wo man früher Fotos noch ‚mühsam‘ aus Social-Media-Profilen zusammensuchen musste, kann man inzwischen seinen Lockvogel per KI erzeugen und dann beliebige Szenen mit diesem erstellen.“ Ebenso ließen sich Liebesbriefe und andere Lockmittel sehr einfach mit Sprachmodellen wie ChatGPT et cetera erstellen. Dank professioneller Übersetzungsprogramme kann in nahezu jeder Sprache nahezu fehlerfrei geschmachtet werden.

Hinzu kommen die Einsamkeit und Bedürftigkeit von Menschen, die sich nach Ansprache und Zuwendung sehnen und sich endlich mal mit einem vermeintlich wohlmeinenden Gegenüber über Ängste, Sorgen oder einfach alltägliche Erlebnisse austauschen können. „Sowohl Scam-Männer als auch Scam-Frauen schaffen es, sich im täglichen Leben ihrer Opfer unverzichtbar zu machen“, warnt das LKA.

Die Rentnerin hatte Glück im Unglück. Als ihr Scammer ihr Fotos der angeblichen Tochter und auch von sich selbst auf angeblichen Baustellen schickte, merkte sie: Die Bilder zeigen verschiedene Menschen. Und auf einer Baustelle hatte sich der Unbekannte einfach ins Bild reinkopiert.

Sie brach den Kontakt ab. „Aber der Schmerz in der Seele bleibt“, sagt sie. Der Scammer hat sein Instagram-Profil inzwischen auf „privat“ gestellt und das Pudelmützenbild gelöscht. Aber seit einigen Tagen lächelt ein neues Foto dort die User an. Der Name des Instagram-Kontos wurde seit 2018 sechsmal gewechselt. Letzter Standort von Arthur ist nicht Istanbul. Sondern Ghana.

(dmk)