Ausprobiert: Nintendos neuer Virtual Boy zeigt, warum das Original gefloppt ist

Unser Autor hat sich Nintendos neuestes Switch-Zubehör, den „Virtual Boy“, gekauft und getestet, wie sich die Pseudo-VR-Brille aus den 90ern heute schlägt.

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Die Replik von Nintendos wohl größtem Flop sorgt auch im Jahr 2026 noch für einen steifen Nacken.

(Bild: Josef Erl)

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Der Virtual Boy ging als einer der größten Flops in die Gaming-Geschichte ein und hielt sich nach seinem Erscheinen im Juli 1995, sage und schreibe, zwölf Monate auf dem Markt. In Japan wurde die Produktion sogar schon nach einem halben Jahr eingestellt, während Nordamerikaner noch bis Dezember 1996 beliefert wurden. In Europa erschien er erst gar nicht offiziell. Insgesamt sollen weltweit rund 770.000 Stück über die Ladentheken gerutscht sein. Dass überhaupt jemand dieses absurde Stück Technik gekauft hat, dürfte wohl am Vertrauen zur Marke Nintendo gelegen haben, die sich zu dieser Zeit mit dem NES (1983), dem Game Boy (1989) und dem Super Nintendo (1990) weltweit zum Gaming-Marktführer gemausert hatte.

Nach einem Zerwürfnis mit Sony über ein CD-Laufwerk für den SNES und deren Einstieg in den Konsolenmarkt im Dezember 1994 sah Nintendo seine Führungsposition in Gefahr – zu Recht. Die PlayStation schlug ein wie eine Bombe, während die Arbeiten am SNES-Nachfolger Nintendo 64 stockten. Um neben Sony und dem alten Konkurrenten Sega nicht ins Hintertreffen zu geraten, musste die Zeit bis zum N64 irgendwie überbrückt werden. Also entschied Nintendo sich, den eigentlich längst abgeklungenen VR-Hype der Neunziger endgültig tot zureiten. Das Resultat: Ein merkwürdiger Hybrid aus VR-Brille und Stereoskop, der ausschließlich Rottöne auf schwarzem Hintergrund darstellte und auf einem ungelenken Stativ auf dem Tisch platziert werden musste. Was konnte da schon schiefgehen?

Mittlerweile ist der Virtual Boy nicht nur unter Nintendo-Fans zum Kultobjekt geworden. Sammler müssen mit Preisen von mehreren Hundert Euro rechnen – auch bei den Spielen. Im September letzten Jahres entschied sich Nintendo schließlich, dem ungeliebten Kind neues Leben einzuhauchen und den Virtual Boy als offizielles Switch-Zubehör zu veröffentlichen.

Nintendo Virtual Boy 2026 (6 Bilder)

Lieferumfang Virtual Boy

Neben dem Virtual Boy und dem Stativ liegt auch ein Adapter fĂĽr die erste Switch bei. Ein Controller fehlt allerdings. (Bild:

Josef Erl

)

Optisch ist das Switch-Zubehör sehr nah am etwas kleineren Original. Nur an der Unterseite macht sich der fehlende Cartridge-Slot bemerkbar, der in der Switch-Version nicht mehr benötigt wird. Diese ist aufklappbar und schluckt statt eines Spielmoduls eine ganze Konsole. Als Recheneinheit und Bildgeber dient eine Switch oder Switch 2, was den neuen Virtual Boy zu einem Plastikgehäuse mit Linsen degradiert. IPD-, Fokus- und Lautstärkeregler sowie die Controller- und Playlink-Slots am Gehäuse sind lediglich Designelemente ohne Funktion, wenngleich sich Nintendo sehr viel Mühe gegeben hat, eine möglichst detailgetreue Replika zu schaffen. Auch der Ständer gleicht dem Original und insgesamt fühlt sich der Plastikbomber recht wertig an.

Nah am Original heißt in diesem Fall leider auch, dass Nintendo keinerlei Verbesserungen gegenüber dem unpraktischen und unbequemen Vorbild vorgenommen hat. Der Ständer ist noch genauso klein wie früher und lässt sich lediglich neigen. Es gibt also nach wie vor keine bequeme Möglichkeit, mit dem Virtual Boy zu spielen. Da es keine haptischen IPD- und Fokusregler mehr gibt, erfolgt die Bildoptimierung vor dem Spielen per Tastendruck über ein Menü auf der Switch.

Nintendo gibt keine IPD-Werte an, sondern ändert die Bildgröße auf dem Display in Stufen von -20 bis +20. Ist der eigene Sweetspot gefunden, liefert der Virtual Boy ein überraschend scharfes und stabiles Bild ohne störende Einblendungen. Damit das auf der Switch dargestellte Side-by-Side-3D auch wirklich „räumlich“ wirkt, kommen Fresnel-Linsen zum Einsatz. Der Rotfilter ist abnehmbar, wodurch sich der Virtual Boy auch für Labo-Inhalte eignet.

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Der Virtual-Boy-Controller mit seinem einzigartigen Tastenlayout und den zwei Steuerkreuzen hat es übrigens nicht in den Lieferumfang geschafft. Gespielt wird mit den Joy‑Cons. Gut möglich, dass Nintendo, ähnlich wie beim NES, SNES und N64, später noch eine angepasste Version für die Switch auf den Markt bringt. Eine Joy-Con-Halterung im Virtual-Boy-Design hätten wir schon erwartet.

Der ursprüngliche Virtual Boy bot lediglich 22 Spiele. Nintendo hat bereits angekündigt, dass davon nur insgesamt 14 Titel ihren Weg in das Nintendo Classics-Angebot der Switch finden sollen. Zum Start des neuen Virtual Boys befinden sich lediglich „Virtual Boy Wario Land“, „Teleroboxer“, „3-D-Tetris“, „Galactic Pinball“, „GOLF“, „Red Alarm“ und „The Mansion of Innsmouth“ in der Bibliothek. Neun weitere Titel, darunter „Mario’s Tennis“, „Space Invaders Virtual Collection“ und „Mario Clash“ sollen folgen.

Kaufen kann man die Spiele übrigens nicht. Um in den „Genuss“ der monochromen Klassiker zu kommen, braucht es mindestens eine Einzelmitgliedschaft für Nintendos Online-Service inklusive des Erweiterungspakets. Diese Kombination ist ausschließlich als 12-Monats-Abo erhältlich und kostet knapp 40 Euro. Ob sämtliche Virtual-Boy-Spiele innerhalb der nächsten 12 Monate erscheinen, darf bezweifelt werden. Damit kostet das komplette Erlebnis mindestens 120 Euro, ohne dass man auch nur ein einziges Spiel besitzt.

Es ist etwas enttäuschend, dass Nintendo angesichts des ohnehin dünnen Spielkatalogs nicht gleich alle Titel konvertiert hat. Allerdings macht es ohnehin keinen großen Spaß, die schwarz-roten Klassiker nachzuholen. Das Spielerlebnis über die Switch funktioniert zwar hervorragend – sämtliche Spiele werden originalgetreu dargestellt, vielleicht sogar einen Ticken besser als beim Original – das heißt aber auch, dass sich Nacken und Augen nach spätestens 20 Minuten eine Pause wünschen. Die Bauart des Virtual Boy ist und bleibt ein Graus, und es gibt nahezu keine Möglichkeit, bequem zu spielen. Nintendo hätte zumindest dem Standfuß eine kleine Anpassung gönnen können.

Die meisten Spiele liefern zwar einen ordentlichen Tiefeneffekt, werden aber aufgrund der monochromen Darstellung schnell unübersichtlich. Immerhin: Wer sich die krumme Haltung und den permanenten Rotstich antun will, hat nun erstmals offiziell in Europa die Chance, ein Stück Spielegeschichte nachzuerleben – wenn auch nicht gerade das prunkvollste.

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Der neue Virtual Boy ist eine hübsche, wertige und detailgetreue Nachbildung des ikonischen Konsolenflopps von 1995 – nicht mehr und nicht weniger. Interessenten sollten unbedingt beachten, dass es sich hierbei lediglich um ein Plastikgehäuse für die Switch handelt und nicht um eine vollwertige Konsole. Das Fehlen des Virtual-Boy-Controllers, der hohe Anschaffungspreis und das zum Spielen nötige 40-Euro-Jahresabo trüben das Gesamtbild enorm.

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Die Anschaffung sollte also wohlüberlegt sein, denn schon der ursprüngliche Virtual Boy floppte berechtigterweise und das Spielen macht auch in der 2026er-Switch-Version auf Dauer keinen Spaß. Eine Portierung der roten Klassiker auf bestehende VR-Brillen wäre die bessere Wahl gewesen, denn einige Titel sind durchaus spielenswert. Die eigenen Marken auf fremde Hardware zu bringen, ist aber so gar nicht Nintendos Art.

Wer die monochromen Klassiker trotzdem erleben möchte und auf die teure Plastikreplika verzichten kann, greift zur deutlich günstigeren Karton-Ausführung im Labo-Stil. Die muss man sich dann allerdings zum Spielen vor das Gesicht halten.

Das Nintendo-Switch-Zubehör „Virtual Boy“ ist seit dem 17. Februar 2026 im Nintendo-Onlineshop erhältlich und kostet 79,99 Euro. Nintendo empfiehlt die Nutzung ab 6 Jahren. Eine Karton-Ausführung für 19,99 Euro ist ebenfalls erhältlich. Zum Spielen ist ein Nintendo-Switch-Online-Abo nötig (mindestens 39,99 Euro und 12 Monate Laufzeit).

(joe)