„Made in Europe for the World“ – W Social als europäischer Gegenentwurf zu X?

Brauchen wir ein europäisches Twitter? Oder haben wir das vielleicht längst? W Social-Gründerin Anna Zeiter im Interview.

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Lesezeit: 14 Min.
Von
  • heise online

Seitdem Elon Musk Twitter gekauft hat, erlebt Microblogging eine Krise. Viele, die den neuen Besitzer und die Veränderungen der Plattform, die mittlerweile X heißt, nicht mehr unterstützen wollen. Andere, die mit Mastodon und dem Fediverse oder Bluesky auf dezentrale Alternativen setzen. Gleichzeitig ist die Diskussion um die digitale Souveränität und der Wunsch nach europäischen Konzepten gegen US-amerikanische Vorherrschaft digitaler Dienste größer denn je.

Zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos hat das Team um Ex-eBay-Managerin Anna Zeiter mit „W Social“ einen weiteren Ansatz präsentiert, wie eine europäische Social-Media-Lösung entsprechend aussehen könnte. Im c't-Podcast „Haken dran – das Social-Media-Update“ hat sie Host Gavin Karlmeier jetzt einige Details verraten – und wie Content Moderation, Monetarisierung und Infrastruktur von „W Social“ aussehen könnten.

Die gesamte Episode des Podcasts finden Sie hier.

Das folgende Interview ist ein Transkript aus dem Podcast und wurde gekürzt und zur besseren Lesbarkeit leicht angepasst.

Was ist euer Plan mit W Social?

W Social, die neue, hoffentlich bald live gehende Social-Media-Plattform – Made in Europe for the World. Hört sich groß an, hoffentlich wird es das auch. Ich kann mal kurz erzählen, was die Idee dahinter ist: Und zwar haben wir uns im letzten Jahr mit ein paar Investoren, insbesondere aus Schweden, aus den nordischen Ländern, zusammengetan. Und müssen irgendwas tun, um Europa irgendwie zu stärken und um Social Media irgendwie wiedergutzumachen. Wenn man auch sieht, was für Social Media wir in Europa benutzen, hauptsächlich aus den USA oder aus China. Und da haben wir gedacht, wir müssen das ändern und jetzt ist das Momentum da – und dann haben wir uns letztes Jahr zusammengetan und haben überlegt, dass wir das 2026 in Ruhe bauen und dann gehen wir irgendwann in 2027 live.

Und dann haben wir aber am 6. Dezember einen X-Post von Elon Musk gesehen, in dem er gesagt hat: „I want to eliminate the European Union“, weil er so frustriert darüber war, dass er gerade eine DSA-Geldbuße bekommen hat und haben gedacht: Wir müssen irgendwie schneller sein. Wir können nicht bis 2027 warten. Deswegen haben wir die ganze Product Timeline irgendwie nach vorne gezogen, haben ein paar mehr Leute motiviert, dem Projekt beizutreten. Und jetzt arbeiten wir mit Vollspeed daran. Die Beta-Version wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu releasen, erstmal intern.

Dann so ein bisschen fürs Advisory Board und dann werden wir wahrscheinlich in einem Monat, wenn alles gut geht, die Warteliste onboarden.

Wie möchte W Social sich denn abgrenzen, was sind die USPs?

Mit einigen Punkten, und zwar: Sollen unsere Daten in Europa gehostet sein, auf europäischen Servern, europäische Data Companies und keine US-Hyperscaler im Hintergrund. Da arbeiten wir mit UpCloud zusammen, die sitzen in Finnland.

Dann wollen wir User als Menschen verifizieren, weil wir das Gefühl haben, das ist eigentlich der größte Schwachpunkt der bestehenden Big Player in den USA. Dass man eigentlich gar nicht mehr weiß: „Chatte ich da mit einem AI-Bot oder mit Menschen?“ Und gerade bei AI-Bots weiß man nicht: Von wo wird die Meinungsmache manipuliert, irgendwie beeinflusst?

Und wir wollen drittens den Nutzern die Daten zurückgeben. Das heißt, wir arbeiten an einer Technologie, dass die Nutzer die Daten auf ihrem Device haben. Ich will diese ganzen Identifikationsdaten überhaupt gar nicht haben!

Okay, das heißt aber so rein konzeptionell soll das ein Kurznachrichtendienst sein, der eher X Konkurrenz macht als jetzt ein europäisches TikTok? Der Grund, warum die Bundesregierung sich davon nicht zurückzieht und andere Plattformen sind ja auch so Aspekte wie Digital Diplomacy, also die Tatsache, dass eventuell das Team um Donald Trump dann auch mal liest, was die Bundesregierung dort veröffentlicht hat. Ist das etwas, das euch Sorgen vormacht?

Uns ist wichtig, dass die Leute auf W posten und uns die Inhalte vielleicht eine Stunde früher geben. Das wäre cool. Wir arbeiten auch mittelfristig an einer Lösung, das Crossposting, dass man zum Beispiel über eine technische Lösung einen Post absetzen kann, der dann auf mehreren Plattformen gleichzeitig veröffentlicht wird, zu ermöglichen. Es ist nicht unbedingt das Ziel, die Leute von X runterzukriegen, sondern eine europäische Alternative zu schaffen. Was mir vorschwebt, ist, dass wir die europäischen Medien zusammenkriegen. Und dass wir einfach eine gute, wie man sagt, Value Proposition schaffen für Europa. Mein Ziel ist, dass die Europäer hoffentlich, irgendwann W etabliert sehen, als: „Das ist meine erste App, in der ich am Morgen irgendwie die deutschen, europäischen und auch US-News und chinesischen News checke.“ Aber eben aus europäischer Brille und nicht aus amerikanischer oder chinesischer Brille.

Wir haben in Europa mit Mastodon und der Idee des Fediverse ja bereits eine Infrastruktur für sowas. In den USA hast du mit dem AT-Protokoll eine dezentrale Struktur, die mit Eurosky gerade auch hier adaptiert wird. Hängt ihr euch da ran?

Wir benutzen auch das AT-Protokoll. Wir wollen jetzt nichts Neues entwickeln, sondern wir finden das AT-Protokoll gut und wir setzen uns sozusagen da drauf. Was aber auch heißt, dass die W-Nutzer von Tag 1 mit den Bluesky-Nutzern und Eurosky-Nutzern interagieren können. Das heißt, wir wollen nicht dieses „the empty disco“-Problem haben, dass wir anfangen und sagen: „Okay, cool, ich bin hier mit meinen drei Freunden und jetzt machen wir mal einen Club auf.“

Und Bluesky wächst – 40 Millionen Nutzer, 20 Millionen in den USA, 20 Millionen außerhalb der USA. Das heißt, dass die Aktivität auf dem Protokoll wächst. Ich habe auch kürzlich mit dem CEO von Eurosky gesprochen. Wir verstehen uns gut. Und das ist auch in unserem Interesse, wenn das AT-Protokoll wächst oder die Nutzer des AT-Protokolls, ist das nur gut für uns. Auf der anderen Seite, wenn die Nutzer sich bei W anmelden, haben Sie eben diese Human Verification, die haben sie bei Bluesky nicht und auch bei Eurosky nicht. Und bei Blue Sky kommt noch hinzu, dass die Daten in den USA sind.

Jetzt hast du die ganze Zeit von Verifikation gesprochen – gleichzeitig bewegen wir uns gerade in einer Zeit, in der selbst zwischen SPD und Friedrich Merz Einigkeit darüber besteht, dass das bitte die Personalausweise von allen Leuten einmal kurz vorgezeigt werden. Wie ist da genau der Plan? Also du hast schon gesagt, die Daten bleiben bei den NutzerInnen, das ist super. Es findet On-Device statt. Aber wie genau?

Genau, also das ist jetzt in der Entwicklung. Ich kann da noch nichts ganz Konkretes sagen. Die Pässe haben ja NFC-Chips, die kann man scannen und dann hat man die Daten automatisch. Also die Daten werden genutzt, um die Person als menschliche Nutzer zu verifizieren. Diese ID-Daten werden auf dem Device des Nutzers oder der Nutzerin gehalten. Das war mir extrem wichtig. Natürlich ist es immer einfacher, ein zentrales Modell aufzubauen, geht schneller, aber nein, das muss Privacy by Design und Privacy by Default sein. Ich will diese Identifikationsdaten überhaupt nicht haben, ich will sie nicht analysieren. Denn je mehr Daten oder sensitive Daten Unternehmen hat, desto größer ist auch das Risiko. Dass das Unternehmen Data Breach hat. Ich will einfach nur wissen, dass die Nutzer, die auf unserer Plattform sind, Menschen sind.

Wir diskutieren auch intern noch, inwieweit wir anonyme Accounts zulassen. Es gibt Pros und Cons – wenn man keine anonymen Accounts zulässt, hat man natürlich den Klarnamen, was den Vorteil hat, dass man genau weiß, von wem welcher Post kommt. Auf der anderen Seite gibt es auch viele, die anonym posten wollen, die vielleicht in einem Land leben, in dem sie ihre Meinung gar nicht frei äußern können.

Deswegen werden wir wahrscheinlich einen Mittelweg gehen und anonyme Accounts zulassen, aber mit Zusatzinformationen, dass wir zumindest wissen wollen, in welchem Land die Person lebt, was für eine Nationalität sie hat und vielleicht ihre Altersspanne.

Dass wir wissen: Eine Person ohne Namen, die, wenn sie anonym auftreten will, MickeyMaus123 heißt – aber Leute wissen: Ich bin zwischen 40 und 50, bin Deutsch und wohne in der Schweiz. Wir glauben, dass es wichtig ist, anonyme Accounts generell zuzulassen. Weil wir interessanterweise auf der Warteliste viele Leute haben, Tausende von Menschen, die in Diktaturen leben. Das ist extrem interessant. Und die wollen wir nicht verlieren. Denen wollen wir eine Plattform geben. Aber wenn wir eine Klarnamenpflicht haben, dann verlieren wir die sofort.

Dann bleibt zum Schluss noch die Frage nach dem Geld: Wo kommt es her? Könnt ihr ausschließen, dass es nicht irgendwann doch einen Exit an ein US-Unternehmen gibt?

Das Geld kommt aktuell von Investoren hauptsächlich aus Schweden, aus dem Nordic Investor Ecosystem. Da sind Leute dabei, die waren früher bei Spotify, bei Ericsson, ich war vorher bei eBay. Media Entrepreneurs aus Schweden und ehemalige schwedische Politiker. Der ehemalige schwedische Minister Pär Nuder ist dabei und Christian Persson, die einfach das Gefühl haben: „We need to make Europe great again“, wir brauchen jetzt irgendwie eine bessere Alternative. Das heißt: Private Investoren aus Europa. Im Shareholder Agreement steht, dass man Europäer sein muss, um zu investieren und Voting Rights zu haben. Das heißt, wir haben bewusst durch die Governance Structure und das Shareholder Agreement ausgeschlossen, dass jetzt der große chinesische oder amerikanische Konzern kommen kann, um das ganze Teil aufzukaufen. Das geht nicht, zumindest nicht mit Voting Rights.

In den Medien steht manchmal, dass wir 500 Millionen von der EU-Kommission bekommen haben. Das ist leider falsch. Ich hätte das Geld gerne, habe es aber noch nie gesehen. Die EU-Kommission ist daran nicht beteiligt, das ist Desinformation, die sich irgendwie wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet hat.

Tatsache ist aber, dass wir uns in der Zukunft möglicherweise bewerben werden über European Grants, aber im deutlich kleineren Bereich. Wir werden auch weitere Investitionsrunden oder Funding Rounds machen. Das war jetzt Pre-Seed. Dann die weiteren Runden werden wahrscheinlich im März folgen und dann nochmal eine Ende des Jahres. Wir sind auch schon im Gespräch mit großen europäischen Medienhäusern für Mediendeals, weil wir guten Content auf der Plattform haben wollen.

Und wie wird sich das Ganze dann finanzieren? Werbung? Premium-Accounts?

Aktuell ist nicht vorgesehen, dass wir Mitgliedschaften monetarisieren wollen. Idee ist in erster Linie, dass sich das über Werbung finanziert, aber „in a responsible way“. Also dass wir niemals sensible Daten oder besondere personenbezogene Daten zu Werbezwecken nutzen werden. Also wir können jetzt nicht anfangen, sensible Informationen, besondere personenbezogene Daten zu Werbezwecken zu benutzen. Das wird alles konform mit DSGVO, mit DSA sein. Dazu sind wir auch schon in Kontakt mit der schwedischen Datenschutzbehörde und der schwedischen Medienaufsicht. Das heißt, das werden wir alles mit denen absprechen, und zwar vornherein und im freundlichen Weg und den Weg zusammengehen.

Es wird noch ein weiterer Revenue Stream dazukommen: Micropayments. Wir wollen Nutzern die Möglichkeit geben, einzelne Newsletter-Artikel oder Medienartikel zu kaufen. Wir kennen alle die Frustration, da ist ein cooler Artikel, aber ich will nicht das Jahresabonnement abschließen – ich will nur diesen einen Artikel der New York Times haben, zum Beispiel.

Letzte Frage, die uns sicher alle stark beschäftigt: Die Frage nach Content-Moderation. Gerade wenn man sich anschaut, wie Bluesky auf dem AT-Protokoll häufig damit scheitert, kulturelle Konflikte nicht zu verstehen. Wie ist da euer Plan?

Natürlich wird es Content-Moderation geben. Wir sind dabei, intern Guidelines dafür zu erstellen. Wir werden wahrscheinlich Umfragen unter den zukünftigen Nutzern starten. Fragen, was sie wollen, was sie nicht wollen. Auch um auch ein Gefühl dafür zu bekommen.

Erste Frage wird wahrscheinlich zu anonymen Accounts sein: Wollen wir die erlauben oder nicht? Und das Gleiche gilt für die Content-Moderation-Guidelines. Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Free Speech, dass man so viel wie möglich erlauben soll. Ich selbst habe Doktorarbeit zu dem Thema geschrieben: Free Speech and Hate Speech.

Ich glaube einfach, je mehr man erlaubt, desto besser. Aber natürlich wird es gewisse Dinge geben, die auf der Plattform nicht erlaubt sind: Pornografie wird nicht erlaubt sein und wir müssen überlegen, wo wir die anderen Grenzen ziehen. Aber das auch zusammen mit der Community.

Am Anfang werden wir ein oder zwei Personen für die Content Moderation haben. Und dann, wir werden ja am Anfang – wahrscheinlich nächste oder übernächste Woche – vielleicht zehn Leute auf unsere Plattform lassen, dann 100. Dann sehen wir auch, wie viele Beschwerden gibt es, wie viel Kapazität brauchen wir da, und dann werden wir das einfach aufskalieren.

Wahrscheinlich werden wir auch mit AI-Filtern arbeiten. Aber da sind wir gerade dabei, das aufzusetzen. Wir haben ein super Advisory Board in dem Bereich, das uns da auch hilft. Aber wichtig ist mir auch, irgendwie die Meinung und das Sentiment von der Community einzuholen.

(mond)