Xbox-Chefin Asha Sharma: Braucht die Spielebranche Chefs, die selbst spielen?
Asha Sharma hatte mit Videospielen bisher nicht allzu viel am Hut. Jetzt wird sie Xbox-Chefin. Ist das ein Problem?
Die neue Xbox-Chefin Asha Sharma.
(Bild: Microsoft / Bearbeitung durch heise online)
Asha Sharma muss seit ihrer Ernennung zur neuen Xbox-CEO einiges über sich ergehen lassen: Neben rassistischen und sexistischen Anfeindungen steht der Vorwurf im Raum, sie sei keine „echte Gamerin“. Ihr Hintergrund als KI-Managerin beunruhigt viele zusätzlich. Auch ein Mitgründer der Xbox ist skeptisch: „Ich glaube, dass es ihr Job ist, wie eine Palliativärztin die Xbox sanft in die Nacht gleiten zu lassen“, sagte Seamus Blackley in einem Interview mit GamesBeat.
Blackley war maßgeblich daran beteiligt, Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre Microsofts Konsolenpläne anzuschieben und schließlich die erste Xbox zu entwickeln. Er gilt als einer der Väter der ersten Xbox-Konsole, hat Microsoft aber schon 2002 wieder verlassen. Aktuelle Einblicke in die Entscheidungsfindung bei Microsoft dürfte er nach fast 25 Jahren nicht mehr haben, eine Meinung aber sehr wohl.
„Spiele sind und bleiben Kunst“
„Es fühlt sich einfach sehr wahr an“, erklärt Blackley gegenüber GamesBeat seine Vermutungen. Er vergleicht die Ernennung Sharmas mit einem Filmstudio-Chef, der keine Filme mag, oder einem Musiklabel-CEO, der noch nie ein Live-Konzert gesehen hat. „Die Aufgabe dieser Leute besteht schlicht darin, all diese Geschäftsbereiche behutsam in die neue Welt der KI zu geleiten. Genau das sehen wir hier. Ob man dem zustimmt oder nicht, ob man glaubt, dass KI dieses Potenzial hat, ob KI erfolgreich sein wird – das ist eine andere Frage. Aber genau das passiert hier.“
Dass ihre Vergangenheit in der KI-Branche in der Xbox-Community für Skepsis sorgen würde, muss Sharma bewusst gewesen sein, als sie ihr Statement zum Amtsantritt anfertigte. „Während sich Monetarisierung und KI weiterentwickeln und die Zukunft prägen, werden wir weder kurzfristiger Effizienz hinterherjagen noch unser Ökosystem mit seelenlosem AI Slop überschwemmen“, schreibt Sharma darin. „Spiele sind und bleiben Kunst, die von Menschen geschaffen wird.“
„Diese Welt verstehen“
Blackley unterstellt Sharma aber auch recht deutlich, von Videospielen wenig Ahnung zu haben. Sharma kommt nicht aus der Branche, hat bisher unter anderem bei Instacart und Meta gearbeitet. Ob und wie viel sie selbst spielt, ist Gegenstand von Diskussionen: Nachdem sie ihren Xbox-Gamertag auf X gepostet hatte, stĂĽrzten sich direkt mehrere Gaming-Medien darauf. Die Erkenntnis: Der Account ist sehr jung, ihr erstes Achievement hat sie im Januar 2026 gesammelt.
„Ich habe meinen Gamertag gerade erst erstellt, um zu lernen und diese Welt zu verstehen“, schreibt Sharma auf X. Sie habe ihn zwischenzeitlich mit ihrer Familie geteilt, weshalb mehrere Personen auf unterschiedlichen Geräten darüber gespielt hätten. „Ich tue nicht so, als sei ich die beste Gamerin“, erklärt sie.
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Nicht leugnen kann man, dass Sharma sich zumindest mit Spielen auseinandersetzen möchte: Auf X fragte sie ihre neuen Follower nach Empfehlungen für Titel – und probierte diese dann tatsächlich aus, wie Windows Central bei der Untersuchung von Sharmas Gamertag beobachten konnte.
(Bild:Â Asha Sharma auf X)
Im Schatten von Phil Spencer
Es ist vor allem der Kontrast zu ihrem Vorgänger Phil Spencer, der das Thema so sensibel macht: Spencer gilt als authentischer Gaming-Fan, spielt eigenen Angaben zufolge um die 15 Stunden die Woche. Sein Xbox-Gamertag zeigt Hunderte gespielte Titel. In Gesprächen mit der Community konnte er glaubhaft und mit Expertise auftreten. Das wird Sharma erst einmal nicht gelingen, wie sie selbst auf X eingesteht.
Muss Sharma überhaupt spielen, um Xbox erfolgreich führen zu können? Das ist umstritten. Entwicklerlegende Tim Schafer warnte bereits 2010 vor CEOs, die Spiele nicht mögen: „Ich glaube nicht, dass er der Branche insgesamt guttut“, sagte Schafer über den damaligen Activision-Chef Bobby Kotick, dem er eine regelrechte Abneigung gegenüber Videospielen unterstellte. „Man kann sich nicht einfach an etwas dranhängen, wenn es gerade populär ist, dann alles Leben daraus herauspressen und dann zum Nächsten weiterziehen. Irgendwann muss man auch selbst etwas erschaffen, etwas aufbauen.“ Rückblickend hat Kotick der Branche tatsächlich nicht gutgetan – vor allem aber aus ganz anderen Gründen.
„Nicht der Consumer-in-Chief“
Sharma ist aber bei Weitem nicht die einzige Führungskraft eines Spieleunternehmens, die keine große Gaming-Vergangenheit hat. Take-Two-Chef Strauss Zelnick geht damit sogar sehr offensiv um: „Ich spiele gar keine Videospiele“, sagte Zelnick im vergangenen Jahr im Gespräch mit CNBC über „GTA 6“. „Ich bin nicht der Consumer-in-Chief, das ist nicht meine Aufgabe.“ Sein Job bestehe vielmehr daraus, die besten Leute einzustellen und ihnen dann nicht im Weg zu stehen. Angesichts der Umsatzzahlen der „GTA“-Reihe scheint diese Strategie ganz ordentlich aufzugehen.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Zelnick würde nicht im Traum auf die Idee kommen, selbst in Livestreams Spiele anzukündigen, in den sozialen Medien mit Fans zu chatten und in Podcasts über das Gaming-Hobby zu philosophieren – es ist eben ein anderer Führungsstil als der, den Xbox-Spieler von Phil Spencer gewohnt sind. Phil Spencer war CEO, aber er war auch Maskottchen. Bis sie in diese Fußstapfen treten kann, wird Sharma noch sehr viele Spiele ausprobieren müssen.
(dahe)