Zahlen bitte! Leben auf dem Mond in 384.400 Kilometern Entfernung
Das Artemis-Mondflugprogramm soll nicht nur Menschen zurĂĽck zum Mond bringen, sondern auch den Start einer Station markieren. Doch wie lebt es sich dort?
(Bild: heise medien)
Das neue US-Mondlandprogramm steht Anfang 2026 noch unter keinem guten Stern, zumindest was den Zeitplan betrifft. Nach einem Tankproblem musste Artemis-2 von der Startrampe zurück in die Montage und dürfte nicht vor April zur teilweisen Umrundung des Mondes abheben. Entsprechend könnte sich auch der für 2027 angesetzte Start von Artemis 3 mit der ersten Mondlandung seit 50 Jahren verzögern.
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Mit der Ankündigung von Elon Musk, eine Stadt auf dem Mond in zehnjähriger Bauzeit zu errichten, deutet sich eine Art Public-Private-Mond-Partnership an. Schließlich sollen etliche Starships von SpaceX die Mondlandung der NASA logistisch begleiten.
Die Konzentration auf den Mond kann auch als Abschied vom viel beschworenen Aufbruch ins All verstanden werden: der 56 bis 401 Millionen Kilometer entfernte Mars ist vorerst „off limits“. Bleibt die Frage: Wie werden Menschen auf dem nur 384.400 Kilometer entfernten Himmelskörper leben?
Wie auf dem Mond leben
Der Testabbruch bei Artemis 2 und die Ankündigung von Elon Musk, den Mond ins Visier zu nehmen, wirft Fragen auf, was der Mensch eigentlich im All zu suchen hat. Das war schon so, als das erste Mondprogramm startete. Hinhopsen kann man ja mal. Aber dauerhaft leben? Müssen sich die Menschen dafür nicht eigentlich „lunaformen“?
Schon vor der ersten Mondlandung wurde die Frage behandelt. Damals schwärmte man davon, den Menschen als Cyborg zu verbessern, adaptiert an die menschenfeindlichen Widrigkeiten des Alls. Anstatt für den Menschen mit großem technischem Aufwand erdähnliche Bedingungen herzustellen, passt dieser sich mit einem "cybernetically extended organism" den Raumfahrtbedingungen an.
(Bild:Â NASA)
Unter dem Titel "Drugs, Space and Cybernetics" veröffentlichten Manfred Clynes und Nathan Kline im Jahre 1960 ihre Ideen zur bemannten Raumfahrt. Menschen, die lange Reisen im Weltraum überleben wollen, brauchen anderes Blut, am besten keinen Sauerstoff und einen Ersatz für die sprachliche Kommunikation im luftleeren Raum. All dies könnten kybernetische Steuerungssysteme übernehmen, die mit dem Menschen verschmolzen sind.
Zum Beweis ihrer These präsentierten die Wissenschaftler eine weiße Labormaus ohne Schwanz. Dieser wurde durch eine winzige Infusionspumpe ersetzt, die nach dem Prinzip der Osmose Nährstoffe in den Mauskörper transportiert. Die Maus braucht nicht zu essen und zu trinken und mit den entsprechenden Schlafmitteln im Nahrungsgemisch kann sie lange Reisen überdämmern.
Fantastische Illustrationen ĂĽber Mond-Menschen
Die Zeitschrift LIFE, die über die Cyborg-Konferenz berichtete, fand das mitgelieferte Bild der Maus zu schlicht und beauftragte den renommierten Zeichner Fred Freeman mit einer Illustration. Freeman hatte 1952 für Wernher von Braun das Leben der ersten Menschen auf dem Mond (First Men on the Moon, gewidmet seinen Töchtern, "die „die in einer Welt aufwachsen, in der Mondflüge Alltag sind“
(Bild:Â Josh Valcarel)
Er lieferte für LIFE ein spektakuläres Bild ab, das auf Jahrzehnte hinaus die Vorstellungen vom Cyborg prägte: Engelsgleich schweben Menschen in hautengen Taucheranzügen in einer Mondlandschaft in 384.400 Kilometern Entfernung zur Erde.
Sie haben keine Lippen mehr, aber geöffnete Augen. Künstliches Blut pulsiert in ihren Adern, das wie der Sauerstoff aus kleinen Tanks kommt, die an einem Gürtel befestigt sind. Über feine Drähte, die am Nacken befestigt sind, stehen die Cyborgs in Kontakt miteinander.
Kontroverse Diskussionen ĂĽber Lebensbedingungen auf dem Erdtrabanten
Dank der Illustration lieferte der kurze Bericht "Man remade to live in Space" im Juli 1960 Stoff für viele Debatten. Sind das noch Menschen oder drogeninduzierte Zombies, fragten die Philosophen, während die Kybernetiker vor Übertreibungen warnten. Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, mahnte die Wissenschaftler, doch bitte mal am Boden zu bleiben und schlug als Nahziel vor, den Einbau einer Insulinpumpe für Diabetiker in Angriff zu nehmen.
(Bild:Â NASA)
Heute wissen wir, dass sich die auf dem Mond lebenden Menschen nicht so elegant bewegen werden wie es Freeman gezeichnet hat. Aber eben auch nicht so tapsig wie Armstrong und seine Gefährten in ihren Anzügen vor 50 Jahren. Die neuen Klamotten sind noch in Arbeit, wobei die geplante Dienstkleidung nicht frei von Kritik von ist. Die neuen Anzüge seien durch ihr Mehrgewicht nicht ideal, sagt eine Ex-Astronautin. Luna-Nachfolger der Biosphere-Experimente sind in Planung.
Auch wenn es sich zieht: Der Mond ist das Ziel. Ob es danach noch weiter geht, steht in den Sternen.
(mawi)