Durchfahrverbote in Bayern gehen Anwohnern nicht weit genug
Genervte Anwohner blockieren Ortsdurchfahrten, weil die Ende 2025 eingerichteten Abfahrtsverbote von den Autobahnen aus ihrer Sicht zu wenig ĂĽberwacht werden.
Auf der Autobahn A8 Richtung Süden kommt es häufig zu Staus. Anliegende Gemeinden sollen daher vom Ausweichverkehr entlastet werden. Die seit ein paar Monaten geltenden Durchfahrtsverbote scheinen nur wenig Abhilfe zu schaffen.
(Bild: ADAC)
- dpa
Die 2025 eingeführten Durchfahrverbote für Orte entlang der Autobahnen A8 und A93 sollen die Anwohner von Lärm, Stau und Abgasen entlasten. Die Bürger sehen allerdings kaum Verbesserungen und kritisieren mangelnde Kontrollen. Zwei Fälle bewusster Blockaden durch genervte Anwohner wurden bisher bekannt. Die Politiker vor Ort benennen das grundsätzliche Problem: eine Verkehrsüberlastung in Richtung Süden, besonders im Inntal.
Die Unzufriedenheit in den Dörfern diesseits und jenseits der deutsch-österreichischen Grenze ist groß. Tirol verbietet schon seit einigen Jahren an verkehrsreichen Tagen das Abfahren von der Autobahn. Schleichwege durch die Dörfer sind damit tabu. An bestimmten Ausfahrten werden Autofahrer angehalten, nach ihrem Weg gefragt und zurück auf die Autobahn geschickt, wenn sie kein Ziel vor Ort haben.
„In Tirol funktioniert es“
Ähnliche Regelungen gibt es seit vergangenem Jahr auch in Bayern. Doch sie funktionieren aus Sicht der Anwohner nicht so wie im benachbarten Tirol. „In Tirol haben sie ein System, das funktioniert“, sagt auch der Bürgermeister von Kiefersfelden, Hajo Gruber (Unabhängige Wählergemeinschaft), über das Abfahrverbot im Nachbarland. „An den Hauptreisewochenenden ordnen die Tiroler das an und dann wird es sanktioniert“, sagt Gruber. In den oberbayerischen Landkreisen Rosenheim, Berchtesgadener Land und Miesbach gelten die Durchfahrverbote anders als in Tirol derzeit nicht an ausgewählten, erwartbar verkehrsreichen Tagen, sondern von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen. Die bayerische Polizei kann zudem erst bei Stau einschreiten.
„Tirol hat den faktischen Willen, seine Dörfer zu schützen. Diesen Willen kann ich auf der deutschen und bayerischen Seite nicht so erkennen“, sagt Gruber. Es gebe auf bayerischer Seite zu wenig Personal und es werde nicht sanktioniert.
Selbstjustiz mit Pkw und Minibagger
Aus Frust über den weiter durch den Ort fahrenden Ausweichverkehr hatte am vergangenen Wochenende in einem Ortsteil von Anger im Berchtesgadener Land ein Mann eine Durchfahrtsstraße mit einem Minibagger versperrt. Eine Frau stellte dem Verkehr ein Auto in den Weg. Gegen beide wird nun laut Polizei wegen Nötigung im Straßenverkehr ermittelt.
Neben den Stau-Ausweichlern beklagt Bürgermeister Gruber speziell im Grenzort Kiefersfelden den „Grenzkontrollausweichverkehr“, der seinen Ort mit voller Wucht treffe. Denn auf österreichischer Seite staut sich wegen der deutschen Kontrollen der Verkehr, viele fahren deshalb durch Kufstein und dann Kiefersfelden, um dem zu entgehen. Für Gruber gibt es ein Grundsatzproblem: „Die Inntalautobahn und die Salzburger Autobahn haben zu wenig Kapazität. Die einzige Lösung, die es für das Inntal gibt, ist, den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Und der ÖPNV in die Skigebiete gehört ausgebaut.“ Längst hätte der Bau des Brenner-Nordzulaufs als Zubringer zum Brenner-Basistunnel angegangen werden müssen, so Gruber. Doch dafür ist nach jahrelangen Planungen noch nicht einmal die politische Entscheidung durch den Bundestag getroffen.
Polizei muss „Stau“ immer wieder neu feststellen
Bei der Kritik an der Umsetzung der Durchfahrverbote verweist die Polizei auf die Vorgaben der Landratsämter. In Österreich sei mit festen Tagen „vorhersehbar und planbar, wann die Kontrollen gemacht werden“, sagt Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Hierzulande könne die Polizei erst tätig werden, wenn sich tatsächlich ein Stau gebildet habe. „Wann der Stau kommt und wo der Stau kommt, wissen wir ja nicht.“ Der ADAC definiert ihn als Verkehrsstörungen, bei denen der Verkehr über eine Strecke von mindestens 300 Metern in einem bestimmten Zeitraum unter 20 Kilometer pro Stunde rollt.
Zu wenige Polizisten
Bei zähfließendem Verkehr dürfen die Beamten Autofahrer nicht zurücksenden, doch „da fahren auch schon sehr viele Autofahrer von der Autobahn ab“, sagt Sonntag. Die Kontrollen müssten mit dem täglichen Streifendienst bewältigt werden, extra Beamte gebe es nicht. „Wann immer möglich, machen wir die Kontrollen.“ Sei aber Wichtigeres zu tun, müssten die Streifenbesatzungen abrücken. Sonntag sieht dennoch Erfolge. Allein am vergangenen Wochenende hätten Beamte an vier Autobahnausfahrten rund 500 Autofahrer kontrolliert und 230 davon zurückschickt. Seit dem Start der Verbote seien knapp 6000 Verkehrsteilnehmer kontrolliert worden. „Etwa 3700 mussten wir auf die Autobahn zurückschicken.“ Einige wenige, die sich uneinsichtig gezeigt hätten, seien auch mit einem Verwarngeld belegt worden.
Abkassieren ist nicht das Ziel
Die Kritik, in Bayern werde nicht ausreichend sanktioniert und nicht oft genug das mögliche Verwarngeld von rund 50 Euro für Pkw verhängt, weist Sonntag zurück. Es gehe nicht ums Abkassieren, sondern darum, den Durchgangsverkehr bereits vor den Orten aufzuhalten. Insofern ergebe es keinen Sinn, wenn sich die Streifen hinter dem Schild im Ort platzieren würden.
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Durchfahrverbote gelten in den oberbayerischen Landkreisen Miesbach (seit 24. Dezember 2025), Rosenheim (seit dem 15. August 2025) und Berchtesgadener Land (seit dem 5. September 2025) an den Autobahnen 8 und 93. Das Landratsamt Ostallgäu hat ebenfalls beschränkte Durchfahrverbote erlassen, um staubedingten Ausweichverkehr von der Autobahn A7 einzudämmen. Seit rund sechs Jahren verhängt das österreichische Bundesland Tirol die Abfahrverbote. Für die Wintersaison bis Ostermontag gelten sie unter anderem in den Bezirken Kufstein, Reutte, Imst und Schwaz an Wochenenden und Feiertagen auf ausgewählten Gemeinde- und Landesstraßen von 7.00 bis 19.00 Uhr. Die Erfahrungen seien gut, hieß es: Von Mitte April bis Anfang November wurden laut Land Tirol im vergangenen Jahr rund 516.000 Fahrzeuge auf die Hauptverkehrsrouten zurückverwiesen.
(fpi)