„Resident Evil Requiem“ im Test: Blutig, bizarr, beeindruckend

Zwei Helden, zwei Spielstile – Capcom wagt in „Resident Evil Requiem“ ein zweigleisiges Experiment zwischen Horror und Action. Geht die Rechnung auf?

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Resident Evil Requiem: Grace im Regen mit blutverschmiertem Shirt – intensive Horror-Atmosphäre in düsterer Außenkulisse.

Nichts für schwache Nerven: „Resident Evil Requiem“ will Horror- und Actionfans gleichermaßen ansprechen.

(Bild: Capcom (Screenshot: Josef Erl / heise medien))

Lesezeit: 11 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Dreißig Jahre nach dem Ausbruch des T-Virus in Raccoon City kehrt Capcoms Survival-Horror-Reihe an den Ort zurück, an dem alles begann. „Resident Evil Requiem“ ist der neunte Hauptteil der Serie und stellt sich einer Frage, mit der sich die Reihe seit Jahren auseinandersetzt. Wie viel Horror verträgt die Action – und umgekehrt? Capcoms Antwort ist so simpel wie mutig: Das Spiel wird in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite steht Grace Ashcroft, eine neue Protagonistin ohne Kampferfahrung, die sich durch beklemmende Schauplätze kämpfen muss. Auf der anderen Seite steht der altbekannte Leon S. Kennedy, der Zombiehorden mit Feuerkraft und Sprücheklopferei entgegentritt. Ob dieses Experiment aufgeht und „Requiem“ tatsächlich das Beste aus beiden Welten vereint, klärt der Test.

„Resident Evil Requiem“ ist keine Fortsetzung des direkten Vorgängers „Resident Evil Village“, sondern verlegt den Schauplatz zurück in die Ursprungsregion des berüchtigten T-Virus und beginnt dreißig Jahre nach den Ereignissen aus „Resident Evil 3“. Neben dem altbekannten Helden etabliert Capcom mit Grace Ashcroft auch eine neue weibliche Hauptfigur, die sich die Spielzeit mit Leon etwa gleichberechtigt teilt. Grace arbeitet als FBI-Analystin und soll den Tatort eines mysteriösen Mordfalls untersuchen, der ausgerechnet in dem Hotel stattfand, in dem Jahre zuvor ihre Mutter getötet wurde. Doch statt einer Routineermittlung erwartet sie dort der Anfang einer grauenhaften Reise in die Vergangenheit.

Resident Evil Requiem (11 Bilder)

Der neue Antagonist Dr. Gideon sorgt sofort für Angst und Schrecken. (Bild:

Capcom (Screenshots: Josef Erl)

)

Die Handlung von „Requiem“ ist großartig inszeniert, aber dennoch seicht. Das dürfte niemanden überraschen, schließlich ist die Reihe mittlerweile für ihre ausufernden, nicht immer logischen, leicht „trashigen“, aber stets charmanten Geschichten bekannt. Langjährige Fans werden dennoch ihre Freude haben, denn es gibt neue Aufdeckungen rund um die Umbrella-Saga und einige nostalgisch aufgeladene Momente. Neueinsteiger müssen hingegen vieles als gegeben hinnehmen. Das dürfte den Spielspaß jedoch kaum mindern, denn der große Star von „Requiem“ ist das Spiel selbst und nicht die Handlung.

Unter den Charakteren sticht vor allem der neue Antagonist, Dr. Viktor Gideon, hervor, den Capcom herrlich verstörend und mysteriös inszeniert und gerne noch etwas mehr in den Vordergrund hätte rücken dürfen. Leon bleibt über weite Strecken ein eindimensionaler Sprücheklopfer. Zwar muss er sich auch mit tragischen Ereignissen aus seiner Vergangenheit auseinandersetzen, doch sein Racoon-City-Trauma nimmt nicht allzu viel Raum ein. Grace füllt die Rolle der Heldin wider Willen gut aus, bekommt genügend Raum für ihre eigene Geschichte, wirkt für eine FBI-Agentin aber zuweilen etwas naiv.

Spielerisch stehen Grace und Leon für zwei verschiedene Ansätze, die Capcom sofort klarstellt. Der Einstieg mit der schüchternen, beinahe verletzlich wirkenden Grace ist düster, geheimnisvoll, gruselig und versetzt Spieler sofort in die Rolle der Verfolgten, die plötzlich einem unbegreiflichen Horror ausgesetzt wird. Hier geht es darum, Rätsel zu lösen und dem Grauen aus der Dunkelheit zu entkommen – möglichst auf leisen Sohlen. Obwohl Grace für das FBI arbeitet, mangelt es ihr an Kampferfahrung. Zwar kann sie mit Waffen umgehen, allerdings sind diese stets Mangelware – genauso wie Munition. Capcom inszeniert im ersten Drittel grandiosen Survival-Horror, der für ständige Anspannung sorgt, ein cleveres Ressourcen-Management erfordert, die Spieler wohldosiert in Drucksituationen versetzt und mit gezielten Jumpscares Schrecken auslöst. Erschreckend gut ist dabei auch die Balance, denn nichts davon wird inflationär eingesetzt, was Abnutzung vermeidet. Dafür sorgen auch die kurz eingestreuten Momente, in denen Spieler den Charakter und somit auch die Spiellogik wechseln.

Im Gegensatz zur unerfahrenen Grace hat das „Resident Evil“-Urgestein Leon schon alles gesehen (und abgeknallt) und stellt sich entsprechend abgebrüht jedem noch so grauenhaft entstellten Mutanten entgegen. Leons Abschnitte sind zwar zu Beginn sehr kurz, haben es aber in sich. Der mittlerweile deutlich vom Leben als Zombiejäger gezeichnete D.S.O.-Agent ballert Zombiehorden zwischen explodierenden Autos und fliehenden Zivilisten nieder oder bahnt sich mit der Kettensäge den Weg durch Infizierte, als wäre es ein ganz normaler Montag im Büro. Der Figurenwechsel ist logisch in die Handlung eingewebt und erfolgt, anders als etwa in „Assassin’s Creed Shadows“, ausschließlich an festen Storypunkten. Ein freier Wechsel ist nicht möglich, nur die Perspektiven können stets frei gewählt werden. Capcom empfiehlt die Schulterperspektive für Leon und die Ego-Perspektive für Grace. Tatsächlich funktioniert der Wechsel zwischen den Perspektiven erstaunlich gut und ist – zumindest in Leons Fall – sogar empfehlenswert, da sich manche Abschnitte besser für die Ego- und manche für die Third-Person-Perspektive eignen.

Leon ist der entführten Grace und ihrem Peiniger auf den Fersen und durchläuft dabei gelegentlich dieselben Level. Dabei kommt es aber nie zu unnötigem Backtracking, denn entweder durchforstet er andere Bereiche desselben Gebäudes, oder die bereits gesehenen Gebiete haben einen neuen Twist. Erst ab der Hälfte wird Leons Spielanteil deutlich größer, wodurch sich das Spielgefühl von „Resident Evil 7“ hin zu einem actionlastigeren „Resident Evil 4“ verändert. Neben den wechselnden Anteilen von Horror und Action gibt es auch feine spielmechanische Unterschiede, die den Figurenwechsel spannend halten. So kann Grace das Blut von getöteten Infizierten aufsammeln und daraus nützliche und tödliche Gegenstände herstellen, während Leon für Abschüsse Credits erhält, die er für neue Waffen und Modifikationen eintauschen kann. Capcom belohnt aggressives Vorgehen mit Leon, indem es Spieler mit Credits geradezu überhäuft. Somit kann Leon schnell ein großes Waffenarsenal aufbauen und aus dem Vollen schöpfen. Munitions- oder Inventarknappheit sind dem Recken vollkommen fremd.

Grace hingegen muss erst antike Münzen finden, um sie gegen kleine Verbesserungen eintauschen zu können. Das deutlich kompaktere Inventar gleicht sie mit einer Truhe aus, während Leon Gegenstände nur kaufen und verkaufen kann. Zwischenlagern ist nicht möglich. Graces eher defensive Spielweise macht sich auch in Drucksituationen bemerkbar. Während sie herannahende Untote nur wegschubsen kann, um zu fliehen, setzt Leon im Nahkampf auch Roundhouse-Kicks oder sein neues, tödliches Hackebeil ein.

Audiovisuell ist der neunte Serienteil ein Hochgenuss. Spieler durchlaufen gleich mehrere große und sehr unterschiedliche Areale. Los geht es mit einem ausgebrannten alten Hotel mitten in der Stadt, das mit beklemmender Atmosphäre und einer bedrohlichen Geräuschkulisse sofort Spannung aufbaut. Kurz darauf geht es in ein weitläufiges Herrenhaus, das wie geschaffen für Survival-Horror ist und in dem sich Serienfans sofort heimisch fühlen dürften. Auch im weiteren Spielverlauf fahren die Entwickler große Geschütze auf und versetzen Spielende in teilweise atemberaubende Kulissen, die auch spielmechanisch hervorragend genutzt werden und für Abwechslung bis zum Ende sorgen.

Die Steuerung ist in beiden Perspektiven punktgenau, die Handhabung der Waffen fühlt sich wuchtig und präzise an, und auch das Zerlegen der Infizierten sorgt für ein morbides Grinsen bei jedem Horror-Fan. Blut ist in „Requiem“ allgegenwärtig. Gliedmaßen und Köpfe, ja sogar ganze Körper, explodieren und verteilen den roten Lebenssaft in der Umgebung und auf den Spielfiguren. Das mag auf den ersten Blick etwas eklig erscheinen, ist technisch jedoch beeindruckend, verändert die Umgebung dauerhaft und hat auch spielerische Auswirkungen.

Selbstverständlich wäre „Requiem“ kein echtes „Resident Evil“, wenn es nicht vor bizarren Mutationen nur so strotzen würde. Gerade im ersten großen Abschnitt, dem Sanatorium, präsentiert Capcom einige der verstörendsten Kreaturen, die es je in die Serie geschafft haben. Was sich da so tummelt, dürfte nicht nur bei Grace blankes Entsetzen auslösen, sondern auch manchen Spieler in den Sessel drücken. Was „Resident Evil Requiem“ hier besonders auszeichnet, sind die kleinen tragischen Hintergrundgeschichten zu den Infizierten, die durch verstreute Notizen aufgedeckt werden und schon beinahe so etwas wie Mitgefühl auslösen.

Selbst bei den „einfachen“ Zombies im Sanatorium sind noch Reste von Persönlichkeit erkennbar und sie gehen verschiedenen Tätigkeiten nach. Da gibt es etwa den Koch, der immer noch das Fleisch in der Küche klopft, die Sängerin, die in der Bar für Unterhaltung sorgt, oder die Reinigungskraft, die vielleicht etwas zu akribisch die Toiletten schrubbt. In manchen Fällen können diese Eigenarten auch gegen die Infizierten verwendet werden, was für etwas taktische Tiefe beim Schleichen sorgt.

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Im späteren Verlauf werden Zombies zwar wieder zur reinen Abschussware, verfügen aber immer noch über kreative Eigenschaften, die immer wieder neue Herangehensweisen erfordern. Auch alte Bekannte kehren zurück, was besonders Serienveteranen freuen dürfte. Ein kleiner Wermutstropfen ist allerdings Graces zweiter großer Auftritt, der sich spielerisch nicht mehr allzu sehr von dem von Leon abhebt. Dafür sorgt vorwiegend eine viel zu starke Wurfwaffe, die in rauen Mengen vorkommt und einer eigentlich großen Bedrohung so sofort den Wind aus den Segeln nimmt.

Auch die Bosskämpfe mit Leon sind ein zweischneidiges Schwert. Sie sind zweifellos grandios inszeniert und auch das Design dieser massiven Absurditäten ist Capcom absolut gelungen. Die Kämpfe sind jedoch viel zu einfach und im Kern kaum mehr als Zielübungen auf leuchtende Schwachpunkte. Wer einigermaßen geübt ist, wird allein aufgrund von Leons gut gefülltem Waffenarsenal kaum Probleme mit diesen Begegnungen haben. Grace hat zwar weniger dieser großen Momente, sie fühlen sich aber deutlich intensiver an, da hier ein falscher Schritt sofort das Ende bedeuten kann.

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Der neueste „Resident Evil“-Ableger ist ein audiovisueller Blockbuster auf höchstem Niveau, mit gekonnt inszenierten Zwischensequenzen, einem hervorragend aufgelegten Sprechercast (auch auf Deutsch!) sowie Schau- und Spielwerten, die ihresgleichen suchen. „Requiem“ fühlt sich an wie ein Best-of der erfolgreichsten Serienteile. Es ist blutig und brutal, scheut sich nicht vor expliziten Nahaufnahmen und coolen One-Linern, die direkt aus den Neunzigern stammen könnten. Es kann aber auch anders und weiß gekonnt, wie es den Horror inszenieren muss, der in den Schatten lauert, sich leise anschleicht und umso brachialer einschlägt.

Das Experiment mit zwei Hauptfiguren ist Capcom gelungen, auch wenn gegen Ende die Luft etwas ausgeht und manche Bosskämpfe mehr glänzen als fordern. Grace und Leon unterscheiden sich stark genug, um für Abwechslung und Spannung zu sorgen, sind sich aber auch ähnlich genug, um den Spielfluss nicht zu gefährden. Ein Sorgenkind ist die Story. Serienfans dürfen sich auf viele kleine Anspielungen, Rückblenden und die Aufarbeitung vergangener Handlungsstränge freuen. Gleichzeitig setzt die Geschichte detailliertes Vorwissen voraus und glänzt nicht gerade mit Tiefgang. „Requiem“ erzeugt Spannung vor allem durch seine Dynamik, den Wechsel zwischen Horror und Action, die grandios gestalteten Schauplätze und die bizarren Monstrositäten – nicht durch die Handlung.

„Resident Evil Requiem“ ist ab 18 Jahren freigegeben und erscheint am 27. Februar 2026 für PC, Playstation 5, Xbox Series X/S und Nintendo Switch 2. Der Preis liegt bei 70 Euro auf dem PC und 80 Euro für Konsolen.

(joe)