Frischer Wind mit X: GhostBSD wechselt von X.org auf XLibre
Weil die Entwicklung beim Displayserver X.Org eher rückläufig ist, wechselt GhostBSD mit der kommenden Version 26.01 hin zu dessen Fork XLibre.
(Bild: heise online / Michael Plura)
- Michael Plura
GhostBSD wechselt mit der kommenden Version 26.01 von X.Org, bei dem die Entwicklung geradezu rückläufig ist, hin zu dessen Fork XLibre. In seinem Blog erläutert GhostBSD-Gründer Eric Turgeon die Hintergründe für die Entscheidung. GhostBSD sei kein Linux, nutze aber aus der Linux-Desktop-Welt stammende Software wie MATE oder Xfce. In immer mehr Technologien wie den Desktop-Umgebungen werden Abhängigkeiten von Linux-spezifischen Eigenheiten wie systemd eingebaut, die es in der übrigen Open-Source-Welt nicht gibt. Dazu gehört auch Wayland, das zwar ansatzweise unter den BSDs läuft, dessen Entwicklung aber auf eine Linux-Monokultur ausgerichtet ist.
Laut Turgeon seien weder GhostBSD noch MATE oder Xfce technisch bereit fĂĽr Wayland. Auch das junge und an macOS erinnernde alternative Desktop-Projekt Gershwin ist nicht auf Wayland ausgerichtet. Laut Turgeon wĂĽrde Wayland unter GhostBSD nur teilweise funktionieren und sei deswegen bislang keine Option.
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Die Entscheidung, von X.Org zu XLibre zu wechseln, sei also technisch begründet, da die Weiterentwicklung von X.Org dank IBM/Red Hat nicht nur eingefroren, sondern wegen massenhaft gelöschtem Code sogar rückläufig sei. Deswegen richtete der X.Org-Entwickler Enrico Weigelt im Juni 2025 seinen Fork namens XLibre ein, bei dem ausnahmslos alle, die X voranbringen wollen, willkommen sind.
Das Ubuntu unter den BSDs
Aktuell ist GhostBSD 25.02-R14 mit X.Org, aber Eric Turgeon hat in seinem Blog angedeutet, dass er das kommende GhostBSD 26.01 wegen des Umstiegs auf XLibre vermutlich ein bis zwei Monate verschieben muss. Eine Vorabversion mit XLibre, noch basierend auf 25.02, kann von der Projektseite kostenlos heruntergeladen werden. Bei einem Test auf einem betagten Lenovo ThinkPad T520 lief GhostBSD/XLibre einwandfrei, Eric Turgeon selbst nutzt es ohne Probleme auf einem T580.
Das anwenderfreundliche, schicke und auch als Live-System nutzbare GhostBSD stammt von FreeBSD-Entwickler Eric Turgeon und wird zusammen mit einem kleinen Entwickler-Team langsam aber stetig vorangebracht. Neben einem fertig vorkonfigurierten MATE- und einem Xfce-Desktop kann das (noch) aktuelle GhostBSD 25.02 auch mit der NeXT/macOS-ähnlichen Gershwin Desktop Environment kostenlos als ISO-Image heruntergeladen werden. Wer in die klassische Unix-Welt der BSDs eintauchen möchte, ohne sich die händische Konfiguration eines grafischen Desktop unter NetBSD, OpenBSD oder in diesem Fall FreeBSD anzutun, findet in NomadBSD und vor allem in GhostBSD schlüsselfertige Desktop-Systeme.
Vermittler zwischen Anwendungen, Grafikhardware und Eingabegeräten
Für einen grafischen Desktop benötigt man einen Display-Server, der bestimmt, was wann wo auf dem Bildschirm sichtbar ist und wer welche Eingaben bekommt. Für grafische Desktops gibt es verschiedene Display-Server: das Windows Display Driver Model, den Quartz Compositor von macOS und für unixoide Open-Source-Betriebssysteme X.Org mit dessen Fork XLibre sowie Wayland. Letzteres wird seit 18 Jahren entwickelt, gilt als modern, ist aber immer noch nicht fertig. Alternativen wie das wieder in der Versenkung verschwundene Mir von Canonical/Ubuntu, Arcan oder DirectFB haben spezielle Anwendungsszenarien.
Für GNU/Linux und die BSDs sind das klassische X11-Modell und Wayland relevant. Vereinfacht ausgedrückt: X11 verfolgt ein strenges Client-Server-Prinzip mit einem Fenster-Manager als separate Komponente, bei Wayland übernimmt der Compositor die Aufgaben des Display-Servers und Anwendungen rendern sich selbst (OpenGL/Vulkan). Offensichtlich sind beide Systeme nicht vollständig kompatibel zueinander.
IBM und Red Hat hinterlassen zunehmend den Eindruck, mit ihrer Produktpolitik monopolistische Standards in dem Feld zementieren zu wollen. Die Alternative X.Org wurde eher systematisch gestört. Ob ein sich langsam abzeichnendes IBM/Red Hat-Monopol (systemd/Wayland/GNOME) wie bei Windows in Bezug auf GNU/Linux und den Rest der unixoiden Open-Source-Welt vorteilhaft ist, dürfte zumindest fragwürdig sein. Freie Auswahl, Diversität und Kooperation sind meist die bessere Wahl.
(axk)