Kommentar: Warum wir immer noch MS Teams kaufen, obwohl wir Nextcloud haben
Projekte wie Nextcloud setzen die digitale Souveränität in Unternehmen und Behörden um – doch am Willen vieler Entscheider scheitert sie, meint Moritz Förster.
(Bild: heise medien)
Wir könnten längst ohne Microsoft & Co. souverän digital arbeiten. Doch in den Chefetagen fehlt der Mut, die Konsequenzen zu ziehen. Dabei sind wir technisch schon jetzt da, wo wir sein müssen. Nehmen wir nur einmal das neueste Nextcloud-Release als Beispiel.
Wer sich das aktuelle Hub 26 ansieht, merkt schnell: Das Argument, man sei aus „technischen Gründen“ auf proprietäre US‑Suiten angewiesen, ist nur noch ein Feigenblatt. Nextcloud bietet Vergleichbares, wie E‑Mail, Kalender, Dateiablage, Videokonferenzen, kollaborative Dokumente – und mit jeder Version kommen Funktionen hinzu, die klassische SaaS‑Anbieter nicht aus Not, sondern aus Geschäftsinteresse gerade nicht liefern: echte Datenhoheit, Föderation statt Zentralisierung, migrationsfreundliche Architekturen. Die Botschaft ist klar: Digitale Souveränität ist kein visionäres Zukunftsprojekt mehr, sie ist fertig implementiert – nur genutzt wird sie nicht in dem Maße, in dem sie könnte.
Kein Gegenargument mehr: Die Technik
Die Föderation ist ein perfektes Beispiel, wie weit Nextcloud gekommen ist: Instanzen können sich über Organisationsgrenzen hinweg verbinden, Dateien, Kalender, Aufgaben oder Chats teilen, ohne dass eine zentrale Plattform alle Daten einsammelt. Projekte lassen sich serverübergreifend organisieren, Dateisperren greifen über Instanzen hinweg, Teams in unterschiedlichen Einrichtungen arbeiten zusammen. Und das alles, ohne je ihre eigene Infrastruktur aus der Hand zu geben. Wo heute ganze Behördenlandschaften in Microsoft‑Mandanten zusammengekettet werden, könnte morgen ein Verbund von Nextcloud‑Servern stehen, bei dem jede Stelle Herrin über die eigenen Daten bleibt – und trotzdem nahtlos kooperiert.
Dass Nextcloud sich längst als ernstzunehmende Business-Plattform versteht, zeigt sich auch jenseits der Feature-Listen. Insbesondere die jetzt verbesserten Migrationswerkzeuge nehmen den Schrecken vor dem Wechsel: E-Mails, Kontakte, Kalender oder Projekte können nahtlos von einer Instanz zur anderen umziehen, ohne dass ein kompletter Neuanfang nötig wäre. Die durch ADA optimierte Backend-Architektur zeigt, wie ernst die Entwickler das Thema Performance nehmen. Ende‑zu‑Ende‑Verschlüsselung im Browser, granulare Berechtigungen und fein justierbare Compliance‑Optionen adressieren genau jene Anforderungen, die Unternehmensjuristen und Datenschutzbeauftragte seit Jahren an Cloud‑Lösungen stellen. Kurz: Ausreden, weshalb man „noch nicht so weit“ sei, werden dünn.
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Souveränität ist unbequem
Warum also sehen wir in Verwaltungen und Unternehmen dennoch die immer gleichen Vertragsverlängerungen mit Microsoft 365 und Google Workspace? Weil noch immer zu viele behaupten, dass für die eigene Fachabteilung zwingend MS Teams notwendig sei. Leider bedeutet das meist in Wahrheit: Wir trauen uns nicht, unser eingefahrenes Ökosystem infrage zu stellen. Es ist kein technischer Zwang, sondern Bequemlichkeit, die zur vermeintlichen „Alternativlosigkeit“ verklärt wird.
Am Ende fordern also zu viele digitale Souveränität politisch laut ein, empfinden sie intern aber häufig als Störung des Status quo. Wer Open-Source-Software wie Nextcloud groß einführt, legt sich mit liebgewonnenen Gewohnheiten an, mit etablierten Lieferanten, oft auch mit dem informellen Einfluss großer Konzerne und ihrer Beratungsarme. Und manchmal leider sogar mit der Politik des eigenen Landes. Deutschland braucht jetzt Entscheider, die bereit sind, die Mehrarbeit einer Transition in Kauf zu nehmen – und die Verantwortung für eine Infrastruktur zu übernehmen, in der man nicht alle Risiken an einen großen Anbieter auslagern kann.
Ironischerweise ist genau diese Verantwortung der Kern dessen, was digitale Souveränität bedeutet. Sie lässt sich nicht einkaufen wie eine zusätzliche Lizenzoption, sie entsteht nur, wenn Organisationen bereit sind, technische Möglichkeiten in organisatorische Konsequenzen zu übersetzen. Nextcloud liefert genauso wie andere Open‑Source‑Projekte dafür den Werkzeugkasten: föderiert statt monolithisch, offen statt proprietär, migrationsfähig statt vendor‑locked. Was fehlt, ist der Wille, diese Werkzeuge tatsächlich zu nutzen.
Solange Entscheider lieber unterschreiben, was sie kennen, statt zu gestalten, was sie könnten, bleibt digitale Souveränität ein PR‑Begriff in Strategiepapieren. Technisch ist sie längst erreichbar. Der Engpass liegt nicht im Rechenzentrum – er sitzt im Konferenzraum.
(fo)