Linien, Licht und leise Töne: Die Bilder der Woche 9

Von Winterwald bis Treppenhaus – starke Formen und feines Licht prägen unsere Auswahl.

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Blick ins Treppenhaus

(Bild: Karsten Gieselmann)

Lesezeit: 5 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Sieben Tage, sieben sehr unterschiedliche Motive – verbunden durch ein feines Gespür für Linie, Licht und Reduktion. Unsere Auswahl zeigt, welche Wirkung Bilder entfalten können, wenn Gestaltung und Technik bewusst zusammenspielen. Klare Kontraste, gezielte Schärfe und eine ruhige Bildaufteilung lenken den Blick und geben den Motiven Raum.

Auffällig ist der Mut zur Vereinfachung. Viel Leerraum, starke Hell-Dunkel-Gegensätze und wiederkehrende Formen prägen gleich mehrere Aufnahmen. Architektur wird zur Geometrie, Spuren im Schnee zu grafischen Zeichen und ein Alltagsobjekt zum Studienobjekt. Dazu kommen feine Naturbeobachtungen und ein Hauch von Humor. So entsteht eine Bildstrecke, die technische Präzision und erzählerische Leichtigkeit klug verbindet.

Ich gehe in den Birkenwald, denn meine Pillen

(Bild: Otto Hitzegrad)

Ein Birkenwald im Winter. Die schmalen, hellen Stämme stehen dicht nebeneinander. Schnee liegt auf dem Boden und verleiht dem Bild Ruhe. Die Schwarz-Weiß-Umsetzung betont die starken Kontraste zwischen der weißen Rinde und den dunklen Zwischenräumen. Die senkrechten Linien verleihen dem Foto einen klaren Rhythmus. Stamm für Stamm entsteht so ein grafisches Muster.

Galeriefotograf Otto Hitzegrad hat uns zu seinem Bild geschrieben: „’Ich gehe in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald‘ (frei nach Martin Kippenberger). Na gut, man kann denken, was man will, ich fand das passend. Den Birkenweg hatte ich schon lange im Visier, als aber Neuschnee fiel, habe ich mich frühmorgens sofort auf mein Fahrrad geschwungen, damit ich diese kleine Birkenallee menschenfrei hatte! Obwohl ich ungern hochkant fotografiere, war das hier ein Muss.“

secret eye 1

(Bild: anbeco4macro)

Eine Siamkatze schaut durch eine Glastür, in der sich ihr Gesicht spiegelt und somit doppelt. Ihre blauen Augen leuchten intensiv und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Durch die Spiegelung entstehen zwei Ebenen, die durch die Linien der Glastür voneinander getrennt werden.

Fotografin Anne Bender berichtet über ihr Bild: „Die Spiegelung der Siamkatze in der Glastür eines Geschäfts fiel mir direkt auf. Der Titel ‚secret eye‘ ergab sich dann bei genauerer Betrachtung des Fotos am Rechner. Die Bearbeitung beschränkte sich auf leichte Farbanpassungen (Hervorhebung der Augen), das Entrauschen und das Zuschneiden des Bildes, sodass die Türfuge genau ins Zentrum des Bildes rückte.“

footprints I

(Bild: lgfokus)

Fußabdrücke ziehen sich durch eine schneebedeckte Fläche. Die minimalistische Komposition lebt von dem vielen Leerraum. Die Spur verläuft leicht diagonal durchs Bild und gibt die Richtung vor. Durch die reduzierte Gestaltung wird der Blick ganz auf Formen und Kontraste gelenkt, wodurch die Aufnahme fast grafisch wirkt. Trotz der Stille ist Bewegung zu spüren. Das Bild zeigt anschaulich, wie stark ein Motiv wirken kann, wenn es konsequent reduziert wird.

Glühbirne

(Bild: lichtbild)

Eine zerbrochene Glühbirne füllt das Bild. Risse durchziehen das Glas und legen das Innenleben frei. Die eigentlich runde Form der Glühbirne kontrastiert mit den harten, unregelmäßigen Linien der Glassplitter. Klare Kontraste heben das Objekt vom Hintergrund ab und lenken den Blick auf seine Details. Das Experiment zeigt: Selbst ein kaputtes Alltagsobjekt kann eine starke Bildwirkung entfalten.

Abbey road

(Bild: Martin Ruopp)

Zwei Pinguine marschieren nebeneinander über den Beton am Meer. Im Hintergrund funkelt das Wasser und auf den Felsen dösen Artgenossen. Der Auftritt wirkt wie ein tierisches Cover-Remake – nur ohne Zebrastreifen. Der Moment sitzt und der Gleichschritt verleiht der Szene Witz und Rhythmus.

Oktagon

(Bild: Karsten Gieselmann)

Ein Blick nach oben, in ein Treppenhaus. Die Kamera blickt exakt ins Zentrum des oktogonalen Lichthofs. Acht Kanten formen ein klares Muster. Stufe um Stufe zieht sich das Geländer nach oben und rahmt die Öffnung wie ein grafisches Element ein. Eine strenge Symmetrie bestimmt das Bild. Die Wiederholung der Formen erzeugt Rhythmus und Ruhe zugleich. Das Foto zeigt eindrucksvoll, wie aus Architektur reine Geometrie wird. Das Treppenhaus wirkt nicht mehr funktional, sondern wie eine abstrakte Komposition.

Berge im Herbst

(Bild: Texas Longhorn)

Sanfte Bergketten ziehen sich in der Ferne durch die Landschaft. Darüber spannt sich ein Himmel mit Wolken. Die Wiesen leuchten in warmen Farben, während die dunkleren Wälder Kontraste setzen. Der Blick wandert vom farbigen Vordergrund hinauf zu den Gipfeln im Hintergrund. Weiches Licht modelliert die Formen und betont die Strukturen der Natur. So entsteht eine Berglandschaft, die Stille und Weite ausstrahlt und die ganze Farbvielfalt des Herbstes in den Bergen zeigt.

(vat)