Zahlen, bitte! 5,9 Kilo Funk für teilautonome Fahrzeuge der Auto-Pionierzeit
Autonome Fahrzeuge werden langsam Realität. Ferngesteuerte, teilautonome Fahrzeuge gibt es hingegen schon über 100 Jahre. Ein Blick zurück.
Gegenwärtig fahren 45 Robotaxis von Tesla in der Innenstadt der texanischen Stadt Austin. In den meisten von ihnen sitzen Sicherheitsbegleiter, um notfalls eingreifen zu können. Auch Waymos autonome Taxis düsen bereits durch mehrere US-Städte, wenn es brenzlig wird, auch mal unter Fernkontrolle. Dieses "betreute Fahren" kann wiederum auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblicken.
Die Geschichte des betreuten Fahrens ist 105 Jahre alt. Im Jahr 1921 experimentierte der Nachrichtenoffizier Richard E. Vaugh auf dem Armee-Flugplatz McCook Field bei Dayton (Ohio) mit kleinen Vehikeln, die mit Sendern und Empfängern von RCA bestückt waren und so über Funk gesteuert werden konnten.
Per Funk ferngesteuertes Auto sorgt 1921 für Aufsehen
Im Oktober des Jahres gab es eine öffentliche Vorführung auf der Main Street in Dayton. Auf dem Bild sieht man einen Dreiradwagen, gefolgt von einem Auto, von dem aus Vaughan das Gefährt steuerte. Es stoppte korrekt vor der Kreuzung und hupte. Die RCA-Zeitschrift World Wide Wireless schwärmte(PDF, S. 342) : "Panzer könnten mit TNT vollgeladen werden und ohne Fahrer so getimed durch das Niemandsland fahren, dass sie dann explodieren, wenn sie die feindlichen Linien erreichen."
(Bild: RCA)
Vier Jahre später sorgte die friedliche Nutzung der Technik für Aufsehen. In New York parkten zwei von der Firma Houdina Radio Control Company umgebaute Chandler-Limousinen am Broadway, die eine fahrerlos mit einem Empfänger, die andere gelenkt mit einem Sender. Wie die Zeitschrift Radio News schrieb (PDF, Seite 592), sollte die Demonstration zeigen, wie Fernsteuerungen das Problem langer Überlandfahrten dadurch lösen, dass sich Fahrer im ferngelenkten Wagen ausruhen können. Gesteuert vom Erfinder Francis P. Houdina fuhren beide Fahrzeuge über den Broadway, reihten sich in den fließenden Verkehr ein und bogen in die Fifth Avenue ab, wo der ferngesteuerte Chandler mit einem anderen Wagen kollidierte: in dem Fahrzeug saßen Fotografen, die das Spektakel dokumentieren wollten.
Die Berichte über die Vorführung sorgten für solches Aufsehen, dass der Zirkuskünstler Harry Houdini mit seinem Sekretär das Büro von Houdina aufsuchte. Es kam zu einem handgreiflichen Streit, bei dem das Büro verwüstet wurde. Ob das eine Inszenierung oder ein echter Streit war, ist umstritten. Weil die Houdina Radio Control Company nach zwei weiteren Vorführungen in Boston und Indianapolis spurlos von der Bildfläche verschwand und viele unbezahlte Rechnungen hinterließ, vermuteten die Zeitungen einen Betrug wie beim berühmten Schachtürken.
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Kabellose Kontrolle auch für andere Geräte des Alltags
Im Jahre 1928 demonstrierte der selbst ernannte "Radio Wizard" Maurice J. Francill gleich drei selbstfahrende Autos der Marke Ford, die rund um das Gerichtsgebäude von Cincinnati kurvten, hupten, den Motor ausstellten und wieder starteten. Die Zeitung Orange County News stellte dazu eine Gewichtsrechnung auf: „Acht Pfund [3,6 kg] empfindlicher hirnähnlicher Funkgeräte wurden verwendet, um die Lichter, das Zündsystem, die Hupe zu steuern und den Motor zu starten. Fünf Pfund [2,3 kg] Funkgeräte sind erforderlich, um das Auto zu führen."
Francill ging es dabei offenbar weniger um das betreute kontrollierte Fahren, sondern er wollte zeigen, wie elektrische Geräte über Funk gestartet werden können. So schaltete er aus der Ferne eine eine Waschmaschine, eine Straßenbahn und, als Höhepunkt seiner Show, eine elektrische Melkmaschine an.
Die nächste Entwicklungsstufe des betreuten Fahrens verabschiedete sich von der Funksteuerung und setzte auf die Kommunikation mit Leiterbahnen unter der Straßendecke. Ingenieure von General Motors waren es, die diese Idee in Verbindung mit ausgebauten Highways in die Welt setzten.
Die Idee: Die Fahrzeuge werden von Hand auf den Highway gesteuert und quasi auf die Schiene gesetzt, dann übernehmen die Leiterbahnen die Steuerung und die Abstands-Kommunikation der Fahrzeuge untereinander. Für die Weltausstellung von 1939 wurde ein Futurama entworfen, in dem solche Fahrzeuge fuhren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es bis 1956, dass mit dem Concept-Car General Motors Firebird II erste praktische Versuche mit einer solchen Leitung auf dem Highway stattfinden sollte. Mit dem Federal-Aid Highway Act von 1956 verschwanden die Pläne jedoch in der Schublade: nur ein 121 Meter langes Stück Straße in der Nähe von Lincoln (Nebraska) wurde so ausgebaut und von den Ingenieuren von RCA und General Motors mit umgerüsteten Chevrolets getestet.
(Bild: CC BY-SA 3.0, Karrmann)
Der nächste Schritt in das Fahren mit intelligenter Unterstützung durch Fahrbahnsysteme führt uns ins Vereinigte Königreich, wo Ingenieure des Transport and Road Research Laboratory eine Versuchsstrecke mit Magnetstreifen ausrüsteten und ab 1961 mit einem Fahrzeug testeten. Sie nutzten dafür ein Auto, das zum Schutz der Elektronik Stöße besonders fein abfedern konnte, einen Citroën DS 19. Die "Göttin" brachte es in den 10 Jahre dauernden Versuchsreihen auf eine Spitzengeschwindigkeit von 129 km/h und konnte schließlich automatisch Abstand halten, bis sie außer Dienst gestellt und 1973 einem Museum geschenkt wurde.
Wegweisendes autonomes Fahren in den 1990ern
Wer hierzulande ein solches Fahrzeug bewundern will, sei auf das Deutsche Museum in München verwiesen, wo das "Versuchsfahrzeug für autonome Mobilität und Rechnersehen Passenger Car" (VAMP) des Robotikers Ernst Dickmanns steht. Auf Basis eines umgebauten Mercedes der S-Klasse näherte sich das VAMP in den 90er Jahren dem autonomen Fahren, kämpfte aber mit der beschränkten Rechnerleistung im mobilen Betrieb.
Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher von Mercedes-Benz, urteilte gegenüber heise online: "Ernst Dickmanns baute in den Neunzigern im Rahmen des Prometheus-Projekts eine selbstständig sehende S-Klasse, die autonom um den Pariser Ring fahren konnte. Er musste noch mit 8088er- und 8086er-Prozessoren arbeiten und mit sehr niedrig auflösenden Kameras, damit die Rechner das Bildmaterial verarbeiten konnten. Der Wagen fuhr ohne GPS, ohne Kartenkenntnis. Ein geniales Konzept damals, die Spitze einer Entwicklung. Heute haben wir dasselbe eingebettet in GPS-Positionserfassung, schnelle Rechner und sehr gute Kartenkenntnis. Das ist kein Hype. Das ist eine andere Welt."
(Bild: CC BY-SA 3.0, Ernst D. Dickmanns)
Zum Schluss des kleinen Rückblicks auf die Entwicklung des betreuten Fahrens eines Autos sei der Blick auf andere Verkehrsmittel gestattet. Denn dann zeigt sich, dass die Idee noch älter ist. Im November 1898 erhielt der geniale Erfinder Nicola Tesla ein US-Patent auf die Steuerung eines Schiffes über Funk. 1903 war es Leonardo Torres Quevedo, der eine solche Steuerung realisierte und patentieren konnte. Sein Telekino genanntes System wurde schließlich der Öffentlichkeit vorgeführt, wobei der spanische König das Schiff von Land aus steuern konnte. Torres Quevedo hatte sein System ferngesteuerter Elektromotoren für seine unbemannten Zeppeline entwickelt, die in Frankreich unter dem Namen Astra-Torres entstanden.
(mawi)