Frauen in IT-Berufen: Angeblich gern gesehen, aber unterrepräsentiert

Gemischte Teams werden als erfolgreicher angesehen. Geht es aber um die konkrete Umsetzung von Gleichstellung, hindern Stereotype und Strukturen.

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Frau mit Tablet in Rechencenter

(Bild: Gorodenkoff / Shutterstock.com)

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Die Gleichstellung von Frauen wird in der deutschen Wirtschaft zwar vordergründig gerne gesehen, weil eine große Mehrheit befragter Unternehmen gemischte Teams als erfolgreicher und besser für das Betriebsklima und die Geschäftsentwicklung einstuft. Geht es aber um konkrete Maßnahmen, um den Anteil von Frauen tatsächlich zu erhöhen, zeigen sich die Befragten weniger tatkräftig und überzeugt. Verschärft gilt das für IT- und Digitalfachbereiche. Das geht aus einer aktuellen Befragung des Bitkom anlässlich des kommenden Weltfrauentages hervor. Etwas mehr als 600 Unternehmen aus allen Branchen standen dem Verband dafür um den Jahreswechsel herum Rede und Antwort.

Der Frauenanteil in IT- und Digitalfachbereichen ist im Vergleich zur gesamten Wirtschaft laut Bitkom besonders gering. Dabei unterstützen 65 Prozent der Befragten die Aussage, dass die Wirtschaft das IT-Fachkräfteproblem nicht ohne Frauen lösen kann. 78 Prozent sagen sogar, dass die gesamte Wirtschaft ohne Frauen ihre Zukunft verspielt, und 67 Prozent, dass Deutschland bei der Gleichstellung international zu den Nachzüglern gehört. Für 17 Prozent hat Deutschland in Sachen Gleichstellung sogar den internationalen Anschluss verpasst.

In IT- und Digitalfachbereichen ist der Frauenanteil besonders gering.

(Bild: Bitkom)

Laut den Unternehmen setzt man sich hauptsächlich keine Ziele zur Frauenförderung im IT-Bereich, da es an genügend qualifizierten Bewerberinnen mangele. Das gaben 72 Prozent der Befragten an. Darauf folgt allerdings mit 57 Prozent schon die Aussage, dass das Unternehmen „andere Prioritäten“ habe, und mit 29 Prozent die Aussage „die Zielsetzung bringt nichts“.

Diese Antworthäufigkeit passt zu anderen Aussagen der Untersuchung, die deutlich machen, wie negativ Frauenförderung häufig noch eingestuft wird. So gehen 35 Prozent davon aus, dass Frauenförderung von wichtigeren Themen ablenkt, 34 Prozent, dass sie Männern gegenüber ungerecht ist, 28 Prozent, dass Frauenförderung nicht mehr notwendig ist, 23 Prozent, dass sie sich nicht lohnt, und 20 Prozent, dass Unternehmen dadurch unnötig belastet werden. 38 Prozent gehen auch davon aus, dass die Frauenförderung häufig nur vorgeschoben wird, in der Praxis Unternehmen aber gar nichts verändern wollen.

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37 Prozent verfügen überhaupt über eine Gleichstellungs- beziehungsweise eine Frauenbeauftragte, 32 Prozent über einen Diversity-Verantwortlichen. Insgesamt haben 42 Prozent mindestens eine dieser beiden Positionen eingerichtet, 27 Prozent beide. Und auch nur 68 Prozent der Unternehmen verorten die Verantwortung für mehr Gleichstellung bei sich selbst. Zugleich unterstützen 0 Prozent die Aussage, dass „keine weiteren Maßnahmen seitens der Politik“ notwendig sind – im Umkehrschluss erwarten also 100 Prozent, dass die Politik etwas für eine Verbesserung tun sollte.

Innerhalb der Unternehmen werden folgende Gründe als besonders hinderlich für die Gleichstellung genannt: 50 Prozent unterstützen die Aussage, dass es Hürden beim Wiedereinstieg (etwa nach Elternzeiten) gibt, 48 Prozent, dass Führungskräfte bei Personalentscheidungen unzureichend sensibilisiert sind, 47 Prozent, dass traditionelle Rollenbilder im Unternehmen vorherrschen. 46 Prozent machen ungünstige Arbeitszeiten und Präsenzkultur verantwortlich, 42 Prozent fehlende Netzwerke für Frauen, 39 Prozent eine männlich geprägte Kultur in IT- und Digitalberufen sowie eine gläserne Decke und 35 Prozent unterstützen die Aussage, dass Männer in der Belegschaft Frauenförderung als ungerecht empfinden.

Eine Vielzahl von abbaubaren HĂĽrden erschwert Frauen den Zugang zu Jobs in der IT-Branche.

(Bild: Bitkom)

Auf das Negativ-Konto der Politik werden von 55 Prozent Hürden beim Quereinstieg verbucht – IT-Weiterbildungsempfehlungen in Arbeitsagenturen erfolgen für Frauen seltener. 40 Prozent machen klischeebehaftete Ausbildungen und Berufsorientierungen verantwortlich. Die mangelnde Betreuungsinfrastruktur ist für 48 Prozent ein Hindernis. Frauen wird zudem von 54 Prozent eine schlechte Selbstvermarktung zugeschrieben und 46 Prozent halten sie für ungenügend qualifiziert.

Der Bitkom hat deshalb sowohl für Unternehmen als auch für die Politik Handlungsempfehlungen formuliert. Unternehmen sollten sich unter anderem auf messbare Ziele für die Frauenförderung einlassen und das Thema auch personell verankern. Die Politik sollte sich weiter für den verpflichtenden Informatikunterricht einsetzen, der auch gendersensibel gestaltet werden sollte. Zudem müssen sich die Betreuungsangebote und Qualifizierungshilfen verbessern.

Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst erklärt zur Untersuchung: „Stereotype Rollenbilder sind noch in zu vielen Unternehmen verankert. Wenn IT-Berufe Frauen abschrecken oder ihnen zu wenig bekannt sind, ist das kein Naturgesetz. Es ist ein klarer Auftrag an Unternehmen, Bildung und Politik, Barrieren abzubauen und IT-Berufe für Frauen sichtbar und attraktiv zu machen. Unternehmen müssen Vielfalt selbst konsequent umsetzen – mit klaren Zuständigkeiten für Gleichstellung, mit Stellenausschreibungen, die Frauen gezielt ansprechen, mit besseren Quereinstiegswegen und sichtbaren Role Models. Gleichzeitig ist das ein Auftrag an die Politik: Dass kein einziges Unternehmen auf weitere politische Maßnahmen verzichten will, ist ein klares Signal. Vorrang muss der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur haben, ebenso wie mehr Unterstützung entlang der Bildungskette – vom verpflichtenden Informatikunterricht bis zu gezielten Qualifizierungsprogrammen für Frauen.“ Susanne Dehmel, Mitglied im Steuerungskreis von #SheTransformsIT und der Bitkom-Geschäftsleitung, ergänzt: „Viele Mädchen und Frauen entscheiden sich nicht gegen IT, weil sie es nicht können – sondern weil sie sich dort nicht sehen“.

(kbe)