Mann kauft Konsolen-Dev-Kits vom Schrott – und wird verhaftet

Im Juli 2025 wurde in London ein Mann verhaftet, der von Sega verschrottete Entwicklerkonsolen verkaufen wollte. Nun gibt es neue HintergrĂĽnde.

vorlesen Druckansicht 56 Kommentare lesen
Ein Mann hält sechs längliche Geräte, die mit "Sega" und "Sidecar" beschriftet sind.

Darius Khan hält hier einige „Sidecars“ für die Xbox 360, welche mit Test- oder Entwicklerkonsolen verwendet werden. Technisch gesehen ist auch das ein Teil eines Dev-Kits, die Sidecars wurden jedoch nicht beschlagnahmt.

(Bild: Gamers Nexus / YouTube)

Lesezeit: 10 Min.
Inhaltsverzeichnis
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Der Fall um Darius Khan hat alles, was ein kleiner Tech-Thriller braucht: geheime Entwicklungsplattformen, unveröffentlichte Spielversionen, Privatdetektive und ein mitgeschnittenes Polizeiverhör. Das gipfelt in einer Hausdurchsuchung und einer Firma, die ihr mutmaßliches Verschulden an dem Durcheinander unter den Teppich kehren will. Wir versuchen, ein wenig Ordnung in das Kuddelmuddel zu bringen, das sich in den vergangenen Monaten entwickelt hat.

Der Anfang der Geschichte ist ein eigentlich banaler Vorgang. Über einige Monate hinweg in der ersten Hälfte des Jahres 2025 verlegte Sega nach Jahrzehnten seine britische Firmenzentrale vom Londoner Stadtteil Brentford in das unweit gelegene Viertel Chiswick. Sega stellt seit 2001 keine eigenen Konsolen mehr her und ist nur noch als Entwickler für andere Plattformen tätig.

Schon bei dem Umzug wird es verworren, denn dabei soll einiges schiefgelaufen sein. Darüber berichteten unabhängig voneinander die britische Tageszeitung Daily Mail und der YouTube-Kanal Gamers Nexus (GN).

Laut einem aktuellen Video von GN sollen bei dem Umzug zahlreiche Entwicklungsplattformen von Spielekonsolen, auch Dev-Kits genannt, sowie interne Versionen von Spielen irrtümlich eingesammelt und einem Schrottverwerter übergeben worden sein. Das behauptet jedenfalls die Entsorgungsfirma „Waste to Wonder“ in einem Dokument zur Krisen-PR, das versehentlich an GN geschickt worden sein soll. Demnach wolle man seine Kommunikation, so wörtlich, „framen“, indem ein Subunternehmer der Firma für den Abtransport der Geräte verantwortlich gemacht wird. Dieser soll sich, schreibt Waste to Wonder weiter, Zugang zu einem Raum verschafft haben, der nicht für den Umzug vorgesehen gewesen sein soll.

Belege dafür gibt es aus den bisherigen Veröffentlichungen und auch von Seiten der Polizei nicht. Alle beteiligten Parteien, Waste to Wonder, Sega, Nintendo – für deren Konsolen Sega entwickelte – und die Polizei schweigen unter Berufung auf das laufende Verfahren. Videos des Umzugs, die Gamers Nexus und zuvor schon andere Medien veröffentlicht hatten, zeigen jedoch, dass zahlreiche Geräte wie Konsolen, Controller und Spielmodule in den früheren Büros von Sega schlicht auf einem großen Haufen gestapelt wurden. Ob dabei auch die fraglichen Dev-Kits und Module mit frühen Versionen von Spielen enthalten waren, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Unklar ist auch, wer diesen Berg an Elektroschrott aufgetürmt hat.

Denn nur um die Dev-Kits und die Datenträger für die Konsolen, nicht um andere Elektronik aus der Sega-Zentrale, entwickelte sich in der Folge eine Auseinandersetzung zwischen Sega, Nintendo und einer Gruppe um Darius Khan. Dieser handelt nach eigenen Angaben schon seit Jahren mit verschrotteten Geräten aller Art und ist auch ein Fan von Videospielen. Khan verfügt dazu über Kontakte zu Entsorgungsunternehmen in London, wie auch ein Mitarbeiter eines Schrottplatzes GN bestätigte.

Auf diesem Schrottplatz will Khan die von Sega genutzten Dev-Kits entdeckt haben. Über einen Mittelsmann soll er dann dem Subunternehmer, der den vermeintlichen Elektroschrott bei Sega eingesammelt hatte, das gesamte Konvolut abgekauft haben. Khan schaffte alles in seine Wohnung und auf seinen eigenen Schrottplatz und machte sich ab April daran, die einzelnen Geräte zu verkaufen. Dafür nutzte er eBay und den Facebook-Marketplace. Die Dev-Kits bewarb er in seinen Anzeigen auch mit entsprechenden Beschreibungen und Fotos der Geräte.

Über den Facebook-Marketplace kontaktierte ihn kurz darauf ein Mann, der sich „Paul“ nannte, und Interesse an den Dev-Kits zeigte. Er wollte sich die Geräte zunächst persönlich ansehen. Nichts Böses ahnend lud ihn Khan in seine Wohnung ein, wo man sich unterhielt, und der vermeintliche Interessent auch Fotos von einigen Geräten machte. Das war im Rückblick wohl ein Fehler, denn den Medienberichten zufolge handelte es sich bei „Paul“ um einen Mitarbeiter der Detektei „Fusion 85“, die unter anderem Nintendo als einen ihrer Kunden nennt. Die Privatermittler arbeiten nach eigener Darstellung auch am Schutz von geistigem Eigentum ihrer Klienten.

Vermutlich Sega oder Nintendo waren es wohl, die schließlich der Londoner Polizei einen Tipp gaben – wiederum mutmaßlich durch die vorherigen Ermittlungen von Fusion 85. Am 14. Juli 2025 erfolgte dann in den frühen Morgenstunden bei Khan eine Hausdurchsuchung, an der laut dem von GN ebenfalls im Video veröffentlichten Durchsuchungsbeschluss auch Vertreter von Sega und Fusion 85 beteiligt gewesen sein sollen. Eine spätere Anfrage an die Polizei durch Khan, ob auch Mitarbeiter dieser Firmen seine Wohnung betreten hätten, beantwortete die Behörde nicht ganz eindeutig.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externes YouTube-Video (Google Ireland Limited) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (Google Ireland Limited) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Vor allem Dev-Kits wurden bei der Durchsuchung beschlagnahmt. Eine Liste der mitgenommenen Geräte zeigt GN ebenfalls auszugsweise, darin finden sich Entwicklungsplattformen von Microsoft, Sony und Nintendo. Die meisten Geräte sind älter und nicht genau beschrieben, wie etwa eine „Nintendo Wii Console with Sega label“, andere wie ein „Sony PS5 Testing Kit“ etwas aktueller. Fotos von Khan von einem Zeitpunkt vor der Durchsuchung zeigen auch zahlreiche, teils handbeschriftete Module für Nintendos DS und 3DS mit Spielen wie „Sonic Chronicles“, „Sonic Generations 3DS“, „Rhythm Thief“, „Sonic and Mario at the Olympic Games“.

Zahllose andere Geräte nahmen die Ermittler aber nicht mit – Khan hat sie bis heute. Es scheint, als hätte man gezielt nur nach Dev-Kits und Entwicklerversionen von Spielen gesucht. Khan und zwei weitere Personen wurden im Zuge der Durchsuchung festgenommen, verhört und schließlich wieder auf freien Fuß gesetzt. Seitdem gibt es ein Hin und Her um den Fall, aber laut Daily Mail noch keine einzige Anklage.

Auch die vorgeworfenen Straftaten haben sich geändert. Im Fall von Khan zuerst von Geldwäsche, dann zum Verkauf von „gestohlenen Gütern“, wie die Formulierung der Polizei lautet, was wohl landläufig Hehlerei meint. Khan beharrt in seinen Gesprächen mit Medien und auf Social Media darauf, nichts falsch gemacht zu haben, weil er nur Schrott gekauft habe. Er streitet sich derzeit mit der Londoner Polizei um Herausgabe der Geräte, erst kürzlich wurde ihm ein Termin für eine richterliche Anhörung gewährt, die demnächst stattfinden soll.

Der Fall wirft einige sehr interessante Fragen hinsichtlich der vor allem bei Sammlern und Spiele-Historikern begehrten Dev-Kits auf. Diese werden Spieleentwicklern – hier Sega – von den Herstellern von Konsolen in der Regel lange vor der Vorstellung der Geräte unter strikten Geheimhaltungsvereinbarungen (non-disclosure agreement, NDA) zur Verfügung gestellt. Im Video von GN ist ein solches NDA von Nintendo auszugsweise zu sehen. Es deckt sich mit anderen entsprechenden Unterlagen für Dev-Kits. Die Vertragsbedingungen variieren dabei: manche Dev-Kits werden für hohe Beträge quasi vermietet, die Konsolenhersteller behalten sich das Eigentum daran aber vor.

In den NDAs ist häufig auch geregelt, dass die Kits nach Einstellung der Entwicklungen oder nach Aufforderung durch den Konsolenhersteller zurückgegeben oder nachweislich zerstört werden müssen. Warum Nintendo beispielsweise die Dev-Kits für die Wii, viele Jahre nach Produktionsende der Konsole, nicht zurückgefordert hat, ist nicht bekannt. Strittig ist laut Darstellung von Waste to Wonders auch, ob die beschlagnahmten Dev-Kits überhaupt zur Verschrottung vorgesehen waren. Oder ob das Unternehmen hier nur eigene Schlamperei in ein besseres Licht rücken will, worauf das Dokument für Krisen-PR hindeutet.

Dass die Konsolenhersteller ein berechtigtes Interesse daran haben, dass Dev-Kits nicht unbefugten Dritten in die Hände gelangen, ist nachvollziehbar. Die Entwicklerkonsolen besitzen teils zahlreiche Spezialtechniken wie Emulatoren oder FPGA-Umsetzungen von noch nicht in Serie gefertigten Chips. Zudem kann die zugehörige PC-Software geistiges Eigentum Dritter enthalten. Dev-Kits können oft unsignierten Code ausführen und sind somit ideal, um Kopierschutzmaßnahmen der fertigen Konsolen zu erforschen und gegebenenfalls auszuhebeln. Das gelingt aber auch ohne Dev-Kits einer sehr aktiven Szene in den vergangenen Jahren immer schneller.

Im konkreten Fall könnte es sich beim Verkauf der Kits, falls diese wirklich zur Verschrottung vorgesehen waren, auch um eine Unterschlagung gehandelt haben, denn: Das Entsorgungsunternehmen hatte nur den Auftrag, die Geräte dem Recycling zuzuführen. Diese zu verkaufen, könnte nicht Teil der Abmachung mit Sega gewesen sein. Und falls die Dev-Kits wirklich gestohlen worden sein sollten, hätte Khan womöglich daran kein Eigentum erwerben können. So jedenfalls stellt es ein Polizist in einem von GN ebenfalls veröffentlichten Mitschnitt eines Verhörs von Khan dar – ob diese Aufnahme rechtlich zulässig war, ist wiederum eine andere Frage.

Videos by heise

Was die Spiele und Entwicklungswerkzeuge auf den Datenträgern betrifft, ist zudem noch zu klären, ob Geschäftsgeheimnisse von Sega oder Dritten hier noch eine Rolle spielen. Gesetze verlangen hierfür zwingend aktive und angemessene Schutzmaßnahmen der Unternehmen. Datenträger mit Geschäftsgeheimnissen bei einem Umzug einfach herumliegen zu lassen, könnte dem wohl nicht genügen.

Generell sollten Sammler bei Dev-Kits große Vorsicht walten lassen, auch wenn diese Geräte immer wieder in Onlineauktionen auftauchen. Kaufen nun Sammler diese hochspezialisierten, offensichtlich nicht für den freien Markt bestimmten Geräte von einem Schrotthändler, müssen sie stutzig werden. Wer in einer solchen Situation die Augen vor der offensichtlich fragwürdigen Herkunft verschließt und die Hardware dennoch erwirbt, macht sich nach deutschem Recht sehr wahrscheinlich der Hehlerei strafbar. Es wäre wünschenswert, wenn solche Fragen, zumindest nach britischem Recht, in diesem Fall exemplarisch geklärt werden würden.

Etwas anders gelagert sein könnte die Sache noch bei Museen, die solche Geräte erwerben. Denn darin steckt eine weitere Tragik des Falls rund um Sega: Das britische Video Game Preservation Museum (VGPM) wollte das gesamte Konvolut von Khan kaufen, nachdem es die Kleinanzeigen entdeckt hatte. Auch wenn das VGPM derzeit vor allem online und auf Veranstaltungen seine Exponate zeigt, also ohne feste Ausstellung, ist es nach Angaben seines Gründers ein offizielles Museum. Und in einem solchen, ohne Gewinn- und Schwarzkopierabsicht, wären solche Geräte wohl am besten aufgehoben, um ein Stück der Videospielgeschichte nicht wirklich auf dem Schrottplatz enden zu lassen.

(nie)