„Good Luck, Have Fun, Don‘t Die“: Fortschrittsangst als Fiebertraum

Wir müssen dringend das Handy abschalten. Wegen dieser ganzen Feeds und wegen KI. Das ist keine richtige Analyse? Zumindest reicht sie für einen Kinofilm.

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Screenshot aus Good Luck Have Fun Don't Die

(Bild: Constantin Film)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Jan Bojaryn
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Was setzt man einem Antihelden auf, wenn der Aluhut als Kostüm zu abgedroschen ist? Regisseur Gore Verbinski hat sich etwas Bequemes für seinen Hauptdarsteller Sam Rockwell aussucht: eine Wollmütze, umwickelt von Kabelsalat. Rockwell ist gut darin, das Menschliche in schrillen Situationen sichtbar werden zu lassen. Er behält auch unter seiner Kabelmütze seine Würde, eine verschmitzte Energie, die den kompletten Film „Good Luck, Have Fun, Don‘t Die“ antreibt.

Hilft das Patchkabel gegen den WLAN-Empfang? Sam Rockwell als Mann aus der Zukunft.

(Bild: Constantin Film)

Aber was die Mütze soll, weiß er wahrscheinlich selbst nicht. Ist das denn auch so wichtig? „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ wirkt eher desinteressiert an technischem Gedöns. Das ist nicht immer ein Problem. Aber wer es mit einer Sache nicht so genau nimmt, der hat am Ende auch nichts Genaues darüber zu sagen.

So schwer sich der Plot von „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ auch im Detail überblicken lässt, im Prinzip ist die Sache ganz einfach: Ein Mann aus einer dystopischen Zukunft platzt in ein Diner. Er will verhindern, dass sich die Menschheit von KI unterjochen lassen wird. Dafür sucht der Zeitreisende unter den Gästen des Restaurants nach genau dem richtigen Team zufälliger Nebendarsteller, mit denen er in einer schrillen Ensemble-Sause allerlei irre Hindernisse überwinden kann. Er hat wenig Zeit und keinen Nerv mehr, er hat diese Zeitschleife schon über 100-mal durchlaufen.

Niedliche kleine Killerroboter tauchen ebenfalls auf, sind aber auch schnell wieder vergessen.

(Bild: Constantin Film)

Weitere Detailfragen werden eher übergangen, der Film ist auch so schon lang genug. Das Ziel der Weltrettung liegt sehr nahe, scheint aber unerreichbar weit weg, weil jederzeit neue, unwahrscheinliche Gegner spawnen können. Dass es am Ende nur für eine Handvoll Hindernisse reicht, liegt am Ensemble; in ausholenden Rückblenden erleben die Nebenrollen jeweils einen neuen Aspekt der anbrechenden Dystopie. Das dauert.

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Einerseits sind die Beispiele für sich genommen mitunter witzig und schrill. Andererseits bremsen sie die Rahmenhandlung aus. Sowieso laufen sie eher auf keine gemeinsame Diagnose hinaus. Und sie sehen frappierend nach teurer ausgestatteten Folgen von „Black Mirror“ aus: Was da über freiwilligen Realitätsverlust, Klone, WLAN-Allergie, Smombies und süchtig machende VR-Brillen erzählt wird, bewegt sich schnell, hat immer die nächste Pointe im Blick und findet schrille, witzige Szenen.

Ingrid (Haley Lu Richardson) hat eine WLAN-Allergie.

(Bild: Constantin Film)

Die wenigsten davon sind allerdings neu. Wer neben „Black Mirror“ auch „Und Täglich Grüßt das Murmeltier“ und „Pulp Fiction“ gesehen hat, fühlt sich beim Schauen selbst wie in einer Zeitschleife. Gelegentlich rechtfertigen gute visuelle Gags oder neue Einfälle den Griff zu abgedroschenen Motiven, sehr häufig aber auch nicht. Besonders altbacken wirkt die Inszenierung fremdgesteuerter Teenager am Handy als Zombies.

Michael Peña und Zazie Beetz spielen ihre überforderten Lehrkräfte mit dem richtigen Maß an Entgeisterung.

(Bild: Constantin Film)

Von Anfang an macht „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ klar, worum es ungefähr geht: Die Kamera fährt über die Hände der Menschen in einem Diner, und fast alle haben ein Handy in der Hand, wischen sich durch einen Feed, spielen vielleicht auch einen Shooter, auf jeden Fall aber schauen sie einander nicht in die Augen oder liegen auf einer Wiese.

Sieht aus wie ein dystopisches Plattencover aus den 1980ern, ist aber ernsthaft ein Bild aus dem Film.

(Bild: Constantin Film)

Dramatisch wirkt das eher wegen der virtuosen Kamerafahrt, besonders überspitzt ist es nicht; es stimmt ja, dass Menschen einen erheblichen Teil ihres Tages auf den Touchscreen starren. Doch bezeichnenderweise geht es dem Film selten um das, was auf dem Bildschirm passiert. Social Media, KI, Games, irgendwie ein anderer Ort, wahrscheinlich auch das Metaverse – alles steckt in diesem Film im Handy und es ist quasi alles dasselbe, alles gleich schlimm. Mehrfach gibt es Szenen, in denen die Teufelsdinger zerstampft oder ins Wasser geschmissen werden.

Immer diese Teenager mit ihren Handys!

(Bild: Constantin Film)

Das ist eine Botschaft des Films, aber er hat auch andere. Es geht zum Beispiel um eine Mutter, die ihren Sohn bei einem Amoklauf verloren hat, und um eine Gesellschaft, die eine solche Tragödie überhaupt nicht mehr wahrnehmen will. Die bereits zufrieden damit ist, wenn sich die Optik einer heilen Welt schnell wiederherstellen lässt. Wie bei den anderen Vignetten sieht man hier die Pointe von Weitem kommen, muss sich aber anschauen, wie der Film über mehrere Szenen hinweg einen überdeutlichen Witz auswalzt; wenn man nicht gerade gleichzeitig aufs Handy schaut.

Nicht nur Sam Rockwell trägt im Film ein lustiges Kostüm.

(Bild: Constantin Film)

Der Amok-Plot ist immerhin schrill und funktioniert in seiner absurden Übersteigerung. Die Smombie-Geschichte dagegen wirkt wie aus einem deutlich älteren Film gesampelt. Und die Sache mit den VR-Brillen geht am ehesten als Metaverse-Fanfiction durch. In der Welt von „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ ist alles Digitale süchtig machend, unterhaltsam, reibungslos, und so sind es auch Datenbrillen, die frappierend nach Meta Quest-Modellen aussehen. Verräterisch: Die Brille funktioniert sofort, hat immer Akku, muss nicht eingestellt werden und macht offenbar keine Druckstellen im Gesicht. Kaum wird sie aufgesetzt, erstarren die Menschen in Ekstase; sie erleben offenkundig eine perfekte Zukunftsvision virtueller Unterhaltung. Gezeigt wird dazu aber eher New-Age-Quatsch. So richtig will der Film gar nicht wissen, was die Brille macht.

Mit einem gewissen Desinteresse sitzt man so auch vor all dem, was passiert: immer eine ganze Menge, aber so wahllos, disparat und unerklärt, dass keine Spannung aufkommt. Wenn Menschen sterben, ist das auch wieder nur ein visueller Gag. Ob die Sache am Ende gut ausgeht oder nicht, spielt keine Rolle. Wir sitzen ja in einer Zeitschleife.

Wenn Social-Media-Feeds, Games, KI und VR alle dasselbe sind und alle irgendwie für eine Zukunft stehen, in der wir nur noch zerstreut und unterhalten werden wollen, dann bleiben nur Allgemeinplätze übrig.

„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ macht nicht den Fehler, sich selbst zu ernst zu nehmen. Es untergräbt die eigene Erzählung und platziert einige seiner schönsten Überraschungen, wenn man den Film gerade abschreiben möchte. Deswegen funktioniert er als kurzweilige Unterhaltung ganz gut. Schwache Szenen und ausgelutschte Bilder gibt es, aber sie dauern nicht lang. Und das nächste Bild könnte durchaus originell sein.

Doch so produziert der Film selbst nur unverbindlich vorbeiwehende Zerstreuung, statt sie zu kommentieren. Gore Verbinski wünscht sich offenbar, dass wir mal vom Bildschirm aufschauen und die Realität wahrnehmen. In Teilen hat er damit recht, in Teilen nicht. Er hätte sich ein bisschen dafür interessieren können, was genau die Menschen auf dem Bildschirm sehen und wie sie damit interagieren. Dass er das kaum tut, verdammt den Film zu einer altmodischen Protestgeste: Schalt ab, den Scheiß.

Das kann man machen. Das mag in bestimmten Situationen weiterhelfen, in vielen aber auch nicht. Wie sich etwa die im Film skizzierte Bedrohung durch eine verführerische KI tatsächlich bekämpfen ließe, dazu hat der Film keine Idee. Stattdessen hat er Angst vor VR-Brillen.

(dahe)