USA gegen Ticketmaster: Monopolprozess geht in die heiße Phase
Das US-Justizministerium wirft Live Nation und Ticketmaster vor, den Konzertmarkt systematisch abzuschotten. Nun droht dem mächtigen Konzern die Zerschlagung.
Der wohl größte Veranstaltungskonzern der Welt ist dem US-Justizministerium ein Dorn im Auge.
(Bild: Casimiro PT / Shutterstock.com)
Vor einem Bundesgericht in Manhattan hat Anfang März der Prozess gegen Live Nation Entertainment und seine Tochter Ticketmaster begonnen. Das US-Justizministerium (DOJ) sowie 40 Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten wollen in den kommenden sechs Wochen nachweisen, dass der Konzern zentrale Bereiche des Livegeschäfts kontrolliert – von der Künstlerpromotion über große Veranstaltungsorte bis zum Ticketverkauf – und diese Stellung nutzt, um Konkurrenz auszubremsen.
Regierung spricht von „gebrochenem“ Markt
Die Klage stützt sich auf das US-Kartellrecht, insbesondere auf das Verbot der Monopolisierung und wettbewerbsbeschränkender Exklusivvereinbarungen. Sollte das Justizministerium Recht behalten, sind strukturelle Maßnahmen bis hin zur Zerschlagung des Konzerns möglich.
In seinem Eröffnungsplädoyer warnte DOJ-Anwalt David Dahlquist vor einer kaputten Branche, die von Live Nation und Ticketmaster kontrolliert werde. Live Nation habe ein sich selbst verstärkendes System aufgebaut: Wer große Amphitheater bespielen oder bekannte Acts buchen wolle, komme am hauseigenen Ticketdienst kaum vorbei.
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Veranstaltungsorte, die einen Wechsel zu Rivalen wie SeatGeek oder AXS prüften, seien mit Nachteilen konfrontiert worden. Nach Angaben des DOJ hält Ticketmaster rund 80 Prozent des Primärmarkts für große Konzerttickets in den USA. Die Gegenseite bestreitet sämtliche Vorwürfe.
Druck auf Veranstaltungsorte und Exklusivverträge
Erste Zeugenaussagen aus der laufenden Verhandlung werfen dem Veranstaltungskonzern vor, Druck ausgeübt zu haben. John Abbamondi, früher Chef des Betreibers des Barclays Center in Brooklyn, schilderte, dass seine Arena 2021 den Ticketanbieter wechseln wollte. Konkurrent SeatGeek habe wirtschaftlich bessere Konditionen und modernere Technik geboten.
Als er Live-Nation-CEO Michael Rapino darüber informierte, sei das Gespräch angespannt verlaufen. Rapino habe auf die Konkurrenz durch eine neue Arena in Queens verwiesen, die ebenfalls Live-Nation-Shows ausrichten könne. Abbamondi sagte vor Gericht, er habe das als verdeckte Drohung verstanden. Nach dem Wechsel zu SeatGeek habe es einen dramatischen Rückgang von Live-Nation-Konzerten im Barclays Center gegeben. Popstar Billie Eilish trat stattdessen in der neuen Arena auf.
Ein ähnliches Bild zeichnete Mitch Helgerson vom Eishockey-Team Minnesota Wild. Seine Organisation habe aus wirtschaftlichen Gründen ebenfalls über einen Wechsel nachgedacht, sich letztlich aber nicht getraut. Ein Ticketmaster-Manager habe angedeutet, Live Nation könne seine Shows dann in eine konkurrierende Halle verlegen. Man habe das als glaubwürdige Gefahr wahrgenommen, sagte Helgerson. Auch die langfristigen Exklusivverträge zwischen Ticketmaster und Veranstaltungsorten werden unter die Lupe genommen. Laut Klage laufen manche dieser Vereinbarungen über mehrere Jahre und erschweren es Konkurrenten, überhaupt Zugang zu großen Hallen zu erhalten.
Zudem sollen die hohen Einnahmen aus Ticketgebühren und Sponsoring genutzt werden, um Künstler exklusiv zu binden. Mit diesem Portfolio wiederum überzeuge man Hallenbetreiber, ebenfalls exklusive Ticketverträge zu unterschreiben. Live Nation verweist dagegen auf branchenübliche Praxis. Kritik entzündet sich auch an der Gebührenstruktur. Garland spricht von „exorbitanten“ Zusatzkosten – von Service‑, über Convenience- bis zu Bearbeitungsgebühren. Ticketmaster betont, dass Ticketpreise meist von Veranstaltern festgelegt werden und nur ein kleiner Anteil als Provision beim Unternehmen bleibe.
Entscheidung mit Signalwirkung erwartet
Ticketmaster und Live Nation sorgen schon seit geraumer Zeit für Negativschlagzeilen. Für Verbraucher besonders brisant: Die US-Handelsaufsicht FTC wirft Ticketmaster parallel zum aktuellen Verfahren vor, mit Wiederverkäufern koordiniert und irreführende Preisangaben gemacht zu haben. Zudem verpflichtete die Wettbewerbsbehörde in Großbritannien Ticketmaster kürzlich zu mehr Transparenz in der Preisgestaltung, nachdem Tickets für die Reunion-Tour der Band Oasis teils stark überteuert angeboten wurden.
Ticketmaster nutzt ein umstrittenes System, das während Vorverkaufsphasen Ticketpreise bei steigender Nachfrage in Echtzeit erhöht. Auch EU-Abgeordneten ist dieses sich zunehmend auch in Europa ausbreitende Preismodell ein Dorn im Auge. Im vergangenen Jahr kam es auch noch zu einem mutmaßlichen Datenleck: Die Hackergruppe ShinyHunters behauptet, Informationen von bis zu 560 Millionen Live-Nation-Kunden erbeutet zu haben.
Sollte die Jury eine Monopolisierung feststellen, könnte das Gericht weitreichende Auflagen verhängen – bis hin zur Abspaltung von Geschäftsbereichen. Ein Freispruch würde dagegen die aggressive Kartellpolitik der US-Regierung schwächen. Für Konzertbesucherinnen und -besucher geht es letztlich um Auswahl, Transparenz und vor allem um faire Preise, denn Veranstaltungstickets werden immer mehr zum Luxusgut. Ob der Prozess daran etwas ändert, entscheidet sich in den kommenden Wochen im Gerichtssaal von Manhattan.
(joe)